Partizipation ist kein Feigenblatt

Nicht nur am 15. September, dem Tag der Demokratie, sollten sich Stiftungen die Frage stellen, wie sie es selbst halten mit der Demokratie. Wie demokratisch sind sie? Und damit verbunden – wie politisch sind sie, dürfen sie sein, wollen sie sein? Die Ansichten dazu sind nach wie vor sehr gespalten. Aktuell sind sie Teil des politischen Aushandlungsprozesses für ein neues Gemeinnützigkeitsrecht. Doch es bewegt sich einiges im Stiftungssektor: Stiftungen beziehen klarer Haltung und werden partizipativer. Hier kommen die Gründe, warum auch Sie darüber nachdenken sollten.

„Partizipation ist das wichtigste Gestaltungsprinzip einer Demokratie“, schreibt die Stifterpreisträgerin Ise Bosch in der im Juni erschienenen Handreichung Partizipation. „Stiftungen und Förderinstitutionen wollen das Zusammenleben und -wirken aller Mitglieder der Gesellschaft in ihrer Vielfalt stützen.“ Die Aussage ist so einfach, doch die Umsetzung ist es nicht. Hierarchien und mangelndes Vertrauen in die Zielgruppen bewirken nämlich, dass in den meisten Stiftungen Vielfalt gar nicht erst einzieht. In einer Befragung im Stiftungspanel (März 2019) gaben knapp drei Viertel der Befragten an, ihre innere Stiftungsarbeit sei durch Partizipation geprägt (n=192). Gemeint ist hier jedoch, dass Mitarbeitende ihre eigenen Ideen einbringen können. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch nicht für rund 19 Prozent der Befragten, die sagen, dass dies nicht der Fall sei. Transparenz in den Entscheidungen bescheinigen die Befragten ihrer Stiftung zu 86 Prozent.

Einbindung von Zielgruppen 

Doch warum binden nur 24 Prozent der Stiftungen ihre Zielgruppen in die Gremienarbeit ein? Warum tauschen sich nur 34 Prozent regelmäßig mit ihren Zielgruppen über die Stiftungsarbeit aus oder lassen Projekte und Maßnahmen von ihnen bewerten (23 Prozent)? Vermutlich wissen sie nicht, wie sie es bewerkstelligen sollen oder es macht ihnen zu viel Arbeit. In der Coronapandemie haben wir gesehen, dass viele Stiftungen in der Krise zuerst Kontakt zu ihren Zielgruppen aufgenommen haben. “Was braucht ihr, was können wir tun?” Ich bin mir sicher, dass mehr Stiftungen jetzt Wege suchen werden, diese Kontakte zu institutionalisieren. Denn, dass Stiftungen es sinnvoll fänden, enger mit den Zielgruppen zu arbeiten, wussten wir schon vor der Pandemie aus der erwähnten Befragung. 41 Prozent der Befragten fanden, dass es sinnvoll wäre, Projekte und Maßnahmen durch die Zielgruppen bewerten zu lassen, obwohl sie es bisher nicht tun. 37 Prozent der Befragten fänden es sinnvoll, ihre Zielgruppen in Stiftungsgremien aufzunehmen –  im Kuratorium, im Vorstand oder erst mal in Jugend- oder Kinderbeiräten, es gäbe viele Möglichkeiten, Partizipation zu testen und ernst zu nehmen.  

Stiftungen, die ihre Zielgruppen bereits einbinden, geht es übrigens am ehesten um neue Ideen (77 Prozent) und mehr Akzeptanz ihrer Stiftung in der Öffentlichkeit (68 Prozent). Beweggründe, die auf Effizienz einzahlen und auf Wirkung. Ich verstehe das. Dennoch finde ich es bedenkenswert, dass andere Gründe wie Teilhabemöglichkeiten für die Zielgruppen zu schaffen (39 Prozent), demokratische Prinzipien erlebbar zu machen (35 Prozent) oder Selbstwirksamkeit zu erfahren (32 Prozent) Stiftungen offenbar viel weniger motivieren.

Partizipation führt zu Transformation 

Die Pandemieerfahrung war in dieser Hinsicht für viele Menschen lehrreich. Denn sie hat zu einer viel aktiveren Zusammenarbeit geführt. Es wurde viel über Demokratie diskutiert und  wir sind trotz allem gestärkt im Zusammenhalt. Genauere Daten erwarten wir von der Umfrage zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Stiftungen, die wir in der zweiten Oktoberwoche starten und für die Sie sich hier anmelden können.
 
Tuja Pagels, Claudia Bollwinkel und Martin Modlinger listeten in ihrem sehr lesenswerten Blogbeitrag drei gute Gründe für die Demokratisierung in der Art und Weise, wie Stiftungen fördern: 

  1. Partizipation bringt neue Ideen.
  2. Partizipation ist Investition in Wirkung.
  3. Partizipation ist nötig für Transformation.

Ich denke, der dritte Grund ist der wichtigste. Auch das hat die Pandemie gezeigt. Wir können nicht weitermachen, wie bisher. Die Klimakrise gestattet kein Zögern. Wir müssen gemeinsam nach Lösungen suchen. Die globalen Nachhaltigkeitsziele helfen dabei. Wir dürfen keinen Aufwand scheuen und keine Mühen, wir müssen mutig sein!

Das Berlin Institut für Partizipation in Trägerschaft der Deutschen Umweltstiftung zeigt umfassend, wie große und kleine Beteiligungsprozesse aufgesetzt und durchgeführt werden. Es koordiniert zudem die Allianz vielfältige Demokratie. In dem freiwilligen Zusammenschluss – 2015 von der Bertelsmann Stiftung initiiert – wirken aktuell 222 Vordenkende aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft daran, neue Formen der Beteiligung als praxistaugliche Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Mit dabei Kolleg*innen aus der Bertelsmann-Stiftung und der Körber Stiftung.  

„Partizipieren lassen ist das neue Bestimmen“ – bringt es die Initiative #VertrauenMachtWirkung auf den Punkt und zeigt anhand von Beispielen, wie Stiftungen erfolgreich Partizipation nutzen. Im Expertisekreis Transparente Philanthropie, der die Initiative in die Breite der Mitgliedschaft überträgt, lernen wir gemeinsam „Stiftungen der Zukunft“ zu werden. Stiftungen, die divers und partizipativ sind, fehlerfreundlich, Macht teilend. Die Beispiele von Stiftungsarbeit unter Unsere Demokratie zeigen: unbestritten sind Stiftungen große Förderer der Demokratie. Doch ihr eigenes Potential – demokratischer Organisationskultur – ist groß. Es gilt dies gemeinsam zu heben.

Autorin
Anke Pätsch

Mitglied der Geschäftsleitung
Leiterin Internationales

Telefon (030) 89 79 47-27

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