Schöner scheitern: Von FuckUp Nights und Lemon Dinners

FuckUp Night des Arbeitskreises Expertenkreises Qualitätsjournalismus am 20. September in Berlin
Katrin Kowark

Sind Sie schon mal gescheitert? Nein? Glaube ich nicht! Wir reden im Stiftungskontext nur so ungern darüber. In der Szene der Gründerinnen und Gründer hat sich längst das passende Format zum kathartischen und lehrreichen Reden über das eigene Scheitern etabliert: FuckUp Nights gibt es bereits in über 250 Städten und 80 Ländern. Vornehmlich „gescheiterte“ Gründerinnen und Gründer, aber auch mal eine Aktivistin der Piratenpartei, berichten frei, larmoyant und zumeist mit einer Brise Galgenhumor von ihren misslungenen Businessplänen, Insolvenzen oder Lebenskrisen.  

Institutionen, so auch Stiftungen, fällt es schwerer, eigene Fehler offenzulegen. Liegt es daran, dass Fehlerkultur hier noch nicht gelebt wird? Eine Studie des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen legt das NICHT nahe: „Mehr als 95 Prozent der Befragten sagten: In unserer Stiftung wird aus Fehlern gelernt.“ Ist es also nur das (öffentliche) Reden über Fehler, das schwerfällt? Das mag an den Abhängigkeiten gegenüber Spendern und Förderern, politischen Entscheidungsträgern oder anderen Kooperationspartnern liegen. Zudem befinden sich Stiftungen im zunehmenden Wettbewerbsdruck um Marke, Meinungshoheit und Themenanwaltschaft – untereinander, aber auch mit anderen Playern der Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft. Käme ein Fehler dann einem Kratzer im polierten Image gleich? Und nicht zuletzt ist das mediale Echo auf eine gescheiterte Projektförderung einer renommierten Institution sicher ungleich größer als das Eingeständnis eines Einzelnen. Gründer sind ja zunächst einmal nur sich selbst (und ihrer Bank) verpflichtet.  

Stiftungen zu Freunden des Scheiterns machen: Diese Idee stand hinter der ersten FuckUp Night des Expertenkreises Qualitätsjournalismus und Stiftungen. Im noch jungen Förderbereich Qualitätsjournalismus gab es nach anfänglichen Hochs mancherorts Ernüchterung. Die FuckUp Night sollte produktiv aufzeigen – und zwar sowohl auf der Seite der journalistischen Initiativen als auch bei Stiftungen –, wo Fehler gemacht worden sind und wie die Organisationen daraus gelernt haben. So berichteten Denis Dilba, Gründer der Fail Better Media GmbH und des Digital-Magazins „Substanz“ (eingestellt), Pauline Tillmann, Chefredakteurin und Geschäftsführerin von „Deine Korrespondentin“, sowie Simone Jost-Westendorf, Geschäftsführerin von Vor Ort NRW. LfM-Stiftung für Lokaljournalismus.  

Die Heterogenität der Podiumsteilnehmenden war Herausforderung und Erkenntnisgewinn zugleich. Wo es bei der Stiftungsförderung um mangelnde Resonanz und Qualität der Einreichungen für ein Projekt ging – also etwas, was mit Veränderungsbereitschaft und Lernfähigkeit und dem Drehen an den richtigen Stellschrauben schnell behoben werden kann –, haften journalistische Gründerinnen und Gründer mit ihrem Privatvermögen. Die Fallhöhe der einzelnen Akteure kann also nicht unterschiedlicher sein. Dennoch bleiben nach der FuckUp Night drei Erkenntnisse, die alle Inputs geeint hat:  

  1. Es braucht Mut, Dinge zu verändern – und ja, auch den Mut, damit zu scheitern.
  2. „Einfach Machen“ – sicher, diese Empfehlung ist keine Absage an strategisches Vorgehen, doch manchmal lohnt es, Veränderungen in kleinen Schritten einfach loszutreten.  
  3. Die FuckUp Night hat Menschen zusammengebracht, die häufig über E-Mail und Förderanträge miteinander korrespondieren. Da geht schon mal das Verständnis für Hintergründe verloren. Es ist daher sinnvoll – in welchen Kontexten auch immer –, sich gegenseitig auch immer mal wieder analog zu treffen.  

Woran lässt sich eine gelungene FuckUp Night erkennen? Wenn viele Stiftungen diese nachahmen. 

Wir zeigen in vier Schritten, wie es gehen kann.  

FuckUp Night – in vier Schritten 

  1. Erklären. Scheitern – das klingt hart, endgültig und mag so manche davon abhalten, über ihre eigenen Erfahrungen zu berichten. Wichtig ist zu erklären, dass es bei der FuckUp Night auch um Fehleranalyse und das Lernen aus Fehlern geht – und Fehler wiederrum sind subjektiv. Es geht aber auch darum, wie bereit Stiftungen sind, ihr Handeln an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen oder Evaluationen ernst zu nehmen.
  2. Vertrauen aufbauen. In der ersten FuckUp Night des Expertenkreises haben die Moderatorinnen gleich zu Beginn für Gleichstand gesorgt: Die Teilnehmenden sollten ihre Nachbarin zu einem FuckUp befragen und darüber dann in der großen Runde berichten. Die FuckUps reichten von der zu großen Büffetbestellung bis zum wirklich gescheiterten Projekt. Nicht nur die gemeinsamen Lacher sorgten für Vertrauen, sondern auch das Gefühl, dass jeder ein bisschen von sich preisgegeben hat. 
  3. Regeln geben. Wer von Fehlern erzählt, zumal vor Unbekannten, macht sich angreifbar. Eine Lösung, um dennoch Offenheit herzustellen: Setzen Sie ihre Veranstaltung unter die Chatham House Rule. Die besagt – verkürzt gesagt –, dass Informationen aus dem Kreis nur dann weitergegeben werden können, wenn keine Rückschlüsse auf Personen oder Organisationen möglich sind. Auch für anwesende Journalistinnen und Journalisten gibt es Vorgaben nach Chatham House
  4. Rahmen setzen. Die FuckUp-Inputgeber wurden gebeten, sich in ihrer Darstellung an drei Leitfragen zu orientieren. Diese waren:  
  • Was tut am meisten weh, wenn ein Projekt ins Stolpern gerät? Wann ist Dir das passiert? 
  • Stell Dir vor, Du würdest heute Deine Idee realisieren: Welche zwei Dinge würdest Du anders machen? (Learnings) 
  • Welche strukturellen Veränderungen wünschst Du Dir nach Deiner Erfahrung? 

Zur Beantwortung dieser Leitfragen hatten die Inputgeber bis zu zehn Minuten Zeit und konnten maximal ein PowerPointChart einsetzen. Durch die klare Gliederung der Fragen war die anschließende Diskussion gleich normiert und auch der Erkenntnisgewinn war größer.  

Alternative Lemon Dinners

Eine Alternative zur klassischen FuckUp Night sind sogenannte Lemon Dinners, wie sie beispielsweise von Ariadne veranstaltet werden. Der Vorteil: Lemon Dinners sind anschlussfähiger für den Stiftungsalltag, denn „saure Zitronen“ begegnen uns im Stiftungsalltag ja häufiger als echte Geschichten des Scheiterns – wie oben beschrieben. Damit wird für die Teilnehmenden die Hürde gesenkt, aus ihrem Alltag zu berichten und Erfahrungen des Misslingens in die große Runde zu bringen. 

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