Gendergerechtigkeit in Stiftungen

Dieser aktualisierte Beitrag ist am 7. März 2018 im Blog des Alliance Magazine erschienen. 

Wie kann ich meiner siebenjährigen Tochter erklären, dass TV-Experten meist Männer sind (80 Prozent in Nachrichtensendungen und 70 Prozent in Unterhaltungsprogrammen)? Wie soll ich ihr vermitteln, dass sogar neun von zehn Trickfilm-Charakteren männlich sind? Diese Zahlen sind nur ein paar der schockierenden Ergebnisse aus der Studie „Audiovisuelle Diversität?“ über Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen, die durch die 2016 von der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth gegründete MaLisa Foundation unterstützt wurde.

Die schwedisch-deutsche AllBright Stiftung zeigt, wie selten Frauen in der deutschen Wirtschaft Vorstands- und Aufsichtsratsposten innehaben. „Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“ – auf dieses Globale Nachhaltigkeitsziel (Nr. 5) hat sich die Staatengemeinschaft im September 2015 in der Agenda 2030 geeinigt. Doch wie sieht es bei Stiftungen aus? Haben mehr Stiftungen dieses Ziel seither auf ihre eigene Agenda gesetzt?

In den letzten 15 Jahren habe ich in Bezug auf Genderfragen zweierlei beobachtet: zum einen langsam wachsendes Engagement, zum anderen beständige Nichtbeachtung. Nur sehr wenige der gut 22.000 deutschen rechtsfähigen Stiftungen fokussieren auf Frauenförderung, wie beispielsweise filia.die Frauenstiftung, die Helga Stödter Stiftung oder die Frankfurter Stiftung: maecenia für Frauen in Wissenschaft und Kunst. In der Entwicklungszusammenarbeit werden dagegen hauptsächlich Frauen gefördert. Frauen sind verstärkt an Stiftungsgründungen beteiligt. Und laut einer aktuellen Studie sind Frauen im Crowdfunding erfolgreicher als Männer.

Zählen ist Teil der Stiftungsarbeit

Zu vielen relevanten Aspekte liegen keine genauen Daten vor. Ich glaube, dass Stipendien relativ ausgeglichen an weibliche und männliche Studierende vergeben werden. Forschungsstipendien für Akademiker und Preise gehen in meiner Wahrnehmung jedoch häufiger an Männer. Die meisten Stiftungen zählen vermutlich nicht, wie viele der von ihnen vergebenen Stipendien und Preise an Männer bzw. an Frauen gehen. Vor ein paar Jahren dachte ich: Sie haben Recht und sollten sich auf ihre Stiftungsarbeit konzentrieren. Doch heute sehe ich das anders. Wenn wir nicht zählen, wird sich nichts ändern. Zählen ist Teil der Stiftungsarbeit und gehört zu professioneller Evaluation und Wirkungsorientierung dazu.

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen erhebt online regelmäßig Daten über sein StiftungsPanel, für das sich bereits mehr als 550 deutschen Stiftungen angemeldet haben. Daher wissen wir, dass gerade einmal für 25 Prozent der befragten Stiftungen mit hauptamtlichen Mitarbeitenden Diversity Management ein Thema ist. Nur gut ein Viertel der befragten Stiftungen in Deutschland hat hauptamtliches Personal, und 41 Prozent der Jobs unterhalb der Geschäftsführungsebene sind Teilzeitjobs. Die große Mehrheit der Mitarbeitenden in Non-Profit-Organisationen ist weiblich ( der Analyse WZB-Oversampling/DGB-Index Gute Arbeit 2011 zufolge über 76 Prozent).

Das ist in Stiftungen nicht anders. Auch wenn wir für diesen Sektor keine genauen Zahlen kennen, lassen unsere Erhebungen Rückschlüsse zu. So arbeiten in über 60 Prozent der jüngst befragten Stiftungen mit hauptamtlichen Mitarbeitenden (außerhalb der Geschäftsführung) Frauen und Männer gemeinsam; in den verbleibenden knapp 40 Prozent dieser Stiftungen gibt es ausschließlich weibliche Beschäftigte (Stiftungsfokus Nr. 13: Personal in Stiftungen).

Frauen in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert

Ich habe gezählt, wie viele Männer und vor allem wie viele Frauen in Vorständen, Kuratorien oder Geschäftsführungen der TOP-35-Stiftungen (nach Eigenkapital, Gesamt- oder Zweckausgaben) zu finden sind. Nur drei dieser 35 Stiftungen werden von Frauen geschäftsführend geleitet. Vier von den TOP 35 sind in der Geschäftsführung paritätisch besetzt, davon drei mit einem Mann als Vorsitzenden und eine ohne Festlegung des Vorsitzes. In 27 Stiftungen mit geschäftsführendem Vorstand wurden zehn Frauen neben 65 Männern bestellt, in 20 dieser Stiftungen ist der Vorstand rein männlich besetzt. In ehrenamtlichen Gremien wie Stiftungsrat oder Kuratorium ist das Verhältnis von Männern zu Frauen 3 zu 1, in neun (von 32) Stiftungen wird das jeweilige höchste Ehrenamtsgremium aktuell von einer Frau geleitet.

Stiftungen, die innovativ sein und als attraktive Arbeitgeberinnen gelten möchten, sollten nicht in alten Strukturen verharren. Sie sollten sich öffnen, diverser werden, potenziellen Arbeitnehmerinnen gleiche Chancen – auch auf Führungspositionen – einräumen und als Vorbilder moderner Führung respektvoll auf verschiedene Bedürfnisse und Kompetenzen eingehen.

Was macht der Bundesverband?

Was macht der Bundesverband, um diese Aspekte voranzubringen? Gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Frauen und Stiftungen“ sowie einigen Vordenkerinnen und -denkern wollen wir das Netzwerk ausbauen und die Advocacy-Arbeit zum Thema Gendergerechtigkeit und Diversität im Bundesverband und im Stiftungssektor verstärken.

Wir freuen uns außerordentlich, dass Ise Bosch in diesem Jahr auf dem bevorstehenden Deutschen StiftungsTag in Nürnberg mit rund 2.000 Teilnehmenden den Deutschen Stifterinnenpreis erhalten wird für ihre strategische Philanthropie mit Fokus auf Menschenrechte, bessere Lebensbedingungen von Mädchen und Frauen sowie zum Schutz sexueller Minderheiten.

Auf Europas größter Stiftungskonferenz werden übrigens 215 Sprecher und weniger als 100 Sprecherinnen anwesend sein. Die Anzahl der Sprecherinnen auf unseren Veranstaltungen zu erhöhen, ist ein erstes und wichtiges Ziel. Auch in unserem Vorstand sind nur zwei von sieben (aktuell einer von sechs) Posten mit Frauen besetzt, und im Beirat sind derzeit sechs Frauen und zehn Männer vertreten. Es gibt also viel zu tun, und wir sollten sofort beginnen, aktiv für eine ausgewogene Besetzung in Geschäftsführungen und Gremien sowie bei der Auswahl von Vortragenden einzutreten. Das betrifft auch gendergerechte Förderprozesse in Stiftungen sowie gleiche Löhne und Gehälter.

Was können Sie tun?

Was kann jeder und jede von uns sofort tun, um Gender-Aspekte zu unterstützen?

  1. Akzeptieren Sie keine Manels (nur mit Männern besetzte Panels), wenn Sie auf einem sprechen oder ein solches organisieren sollen.
  2. Ermutigen Sie Frauen, als Sprecherinnen, Autorinnen sowie in Gremien und Führungspositionen aktiv zu werden, und empfehlen Sie Frauen für solchen Rollen.
  3. Kämpfen Sie für gleiche Bezahlung, egal in welcher Position Sie selbst sind.
  4. Setzen Sie sich – wann immer möglich – gegen Diskriminierung ein.
  5. Übernehmen Sie genauso viel Pflege- und Hausarbeit wie Ihre Partnerin bzw. Ihr Partner.

Iris Bohnet, Verhaltensökonomin und Professorin an der Harvard Kennedy School, sagt in Bezug auf ihre profunden und sehr lesenswerten Gender-Bias-Forschungen: „Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Spielregeln“. Der sogenannte Gender Bias bezeichnet einen geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekt durch bestimmte Formulierungen, Annahmen oder statistische Fehler. Bohnet empfiehlt den Organisationen, sich selbst zu ändern und durch Verhaltensdesign unbewusste Vorurteile gezielt auszuschließen, anstatt die schwer zu beeinflussenden Vorprägungen verändern zu wollen. Es ist an der Zeit, diese Bias in Stiftungen und im Verband aufzuspüren und unsere Genderbrille aufzusetzen! Lassen Sie uns gemeinsam die Spielregeln ändern!

Autorin:
Anke Pätsch

Mitglied der Geschäftsleitung
Leiterin Internationales

Telefon (030) 89 79 47-27

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