"Eine Stiftung ist eine Idee, die dauerhaft Menschen mobilisiert"

Dreimal schon belegte Felix Oldenburg einen Platz in der „Deutschland Top 40“-Liste des Wirtschaftsmagazins „Capital“. Seit zwei Jahren ist der 41-Jährige, der als Querdenker gilt, sich selbst aber nicht so sieht, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Im Gespräch mit DFB-Redakteur Thomas Hackbarth spricht er über die Arbeit des Bundesverbandes, den Trend zum Stiften und das Engagement des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Herr Oldenburg, bitte machen Sie uns schlauer, was genau ist der „Zuckerberg- Effekt“?
Ich beobachte, dass Stiften heutzutage als Gedanke nicht erst beginnt, wenn jemand 60 oder 70 Jahre alt wird, in einem Alter also, in dem die meisten das Erwerbsleben hinter sich haben. Viele 30- und 40-Jährige, die wirtschaftlichen Erfolg erleben durften, stellen sich die Frage: „Was mache ich mit dem Geld, das ich in meinem Leben nicht mehr ausgeben werde?“ Und diese vergleichsweise frühe Auseinandersetzung nenne ich nach dem Facebook-Erfinder „Zuckerberg-Effekt“.

Wie viele Stiftungen gibt es heute in Deutschland?
Wir haben in Deutschland rund 22.000 Stiftungen bürgerlichen Rechts. Im vergangenen Jahr sind wieder über 500 dazugekommen. Es sind noch deutlich mehr, denn darüber hinaus gibt es auch Stiftungs-GmbHs, Stiftungs-e.V.s und andere rechtliche Formen. Mehr als 4.200 Stiftungen sind Mitglied im Verband, wobei wir erst mal die Anliegen aller Stiftungen vertreten. Stiftungen, das ist also ein genauso vielfältiger wie auch kleinteiliger Gesellschaftsbereich. Der Boom ist auch ein Resultat der verbesserten steuerlichen Rahmenbedingungen. Wir müssen dahin kommen, dass wir nicht mehr möglichst viele Stiftungen gründen, sondern dass wir gute, effektive Stiftungen gründen. Und – ganz wichtig – die bestehenden Stiftungen könnten noch besser zusammenarbeiten.

Was fällt Ihnen zu den Fußball- Stiftungen ein?
Immer mehr aktive und auch ehemalige Profis gründen Stiftungen, diese sind ein Instrument der persönlichen Philanthropie, ob das selbstständige Stiftungen oder Treuhandstiftungen sind. Darüber hinaus gibt es die sportfördernden Stiftungen. Fußball-Stiftungen sind definitiv ein Wachstums-Segment. Mittlerweile gehört es zum guten Ton, als prominenter Mensch in unserem Land, und damit auch als erfolgreicher Fußballer, sich gesellschaftlich zu engagieren. Die Stiftung ist hierfür das Mittel der Wahl geworden.

Sehen Sie diese Entwicklung mit Wohlwollen oder Skepsis?
Weder noch. Ich schaue nur genauer hin. Wenn es erlaubt ist, bemühe ich mal die Analogie zum Autobau. Haben wir dann einen besseren Automobilsektor, wenn sich möglichst viele Unternehmen am Markt bewegen oder wenn die einzelnen Marken erfolgreich wirtschaften? Wir sollten uns anstrengen, mehr Gemeinschaftsstiftungen zu errichten. Bürgerstiftungen sind Vorbilder, aber auch Treuhandstiftungen wären eine gute Idee. Einem Neugründer würde ich raten, erst mal zu sondieren, ob dieser Tätigkeitsbereich nicht bereits durch eine andere Stiftung abgedeckt wird. Auch der DFB muss hier schlauer werden und ehemaligen wie auch aktuellen Nationalspielern bessere Angebote machen, damit die sich bei den großen DFB-Stiftungen einbringen. Wirtschaftlich gibt es auch die Möglichkeit, Stiftungsfonds zu gründen. So entstehen schlaue, größere und schlagkräftigere Strukturen. Die Amerikaner haben gewaltige Gemeinschaftsstiftungen gegründet. Wir hinken hinterher.

Hat der Fußball aus Ihrer Sicht eine besondere soziale Verantwortung?
Ganz klar hat er die, aber zunächst mal ausschließlich für die sozialen Entwicklungen, die er selbst hervorbringt. Fußballstadien sind Orte, an denen Rassismus vorkommt, bei uns vielleicht weniger, in Italien gab es schon schlimme Vorfälle. Oder Gewalt im beziehungsweise rund ums Stadion. Oder Doping. Dort endet dann aber auch die unmittelbare Verantwortung des Fußballs. Wenn sich nun aber ein vermögender Fußballer für die Hungernden in Afrika oder arme Kinder im Ruhrgebiet einsetzen möchte, ist das zu begrüßen. Ich würde sogar noch weiter gehen, hier besteht inzwischen sogar eine gesellschaftliche Erwartung.

Sie haben Philosophie studiert, als Politikberater und für McKinsey gearbeitet, waren sechs Jahre Europachef einer großen NGO, die Sozialunternehmen in 70 Ländern förderte, und sind seit 2016 Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Fühlen Sie sich richtig verstanden, wenn man sagt, dass Felix Oldenburg ein wirtschaftliches Verständnis von Stiftungsarbeit betont?
Absolut, da haben Sie komplett recht. Anders kann ich es auch nicht verstehen. Wer eine Stiftung konsequent betreibt, der verfolgt eine Optimierungsaufgabe. Der will mit einem bestimmten Kapital ein Ziel erreichen. Das ist im Kern eine wirtschaftliche Aufgabe. Es geht um eine Zielerreichung mit begrenzten Mitteln. Manche Menschen sehen Stiftungen als eine Alternativwelt zur Wirtschaft. Die Ziele mögen altruistisch sein, aber man muss effizient mit Ressourcen umgehen, man muss ehrlich und hart die Wirkung analysieren. Lieber organisiere ich Dinge zunehmend wirtschaftlicher, bis sie sich selbst tragen, als sie auf immer und ewig an den Spendentropf zu hängen.

Wer sind Vorbilder?
Ich würde auf die ganz alten Stiftungen schauen, die schon seit 500 Jahren operieren. Die Fugger‘schen Stiftungen oder die großen Anstaltsträger, die Hospitalstiftungen in Würzburg beispielsweise. Die haben Kriege, Rezessionen und unzählige Trends überlebt, weil sie etwas getan haben, was für die Gesellschaft wichtig war. Und sie haben es wirtschaftlich getan. Eine Stiftung ist kein Sack Geld bei einer Privatbank. Eine Stiftung ist eine Idee, die dauerhaft Menschen und Ressourcen mobilisiert.

Hat der Fußball stifterisches Potenzial?
Der Fußball hat als Ort des Stiftens einen fantastischen Wettbewerbsvorteil. Fußball ist eine universelle Sprache. Als ich Ashoka geleitet habe, hatte ich weltweit mit Fußball-Entrepreneuren zu tun. Fußball kann fast jedes soziale Problem aufschließen. Jeder kann mitmachen. Es braucht eine Pille und einen Bolzplatz. Unterschiede zwischen Menschen – Herkunft, Religion – werden bedeutungslos. Fußball überwindet Feindschaften, macht einen Strich durch Vorurteile. Mir fallen wenige Aktivitäten ein, bei denen sich Menschen so offen und positiv begegnen wie beim Fußball. Wenn man das für stifterische Strategien nutzt, ist es in der Tat extrem kraftvoll.

Man hört es raus, so ganz zufrieden mit allen Stiftungen im Fußball sind Sie noch nicht?
Da ist mitunter schon noch Luft nach oben. Bis zur Tabellenspitze fehlen ein paar Punkte.

Was konkret fehlt Ihnen?
Das Stiften ist kein Hobby. Stiften ist auch Leistungssport, das macht man nicht so nebenher mit einer Wohltätigkeitsgala im Jahr und ein paar Autogrammen. Wer etwas mit seiner Stiftung bewegen möchte, sollte sie auch ernst nehmen. Stiften braucht – gerade auch im Fußball – Strategien, Ressourcen, Zeit und ein längerfristiges Commitment. Wir befinden uns in einem globalen Ideenraum.

Sie plädieren für Struktur und System, aber gerade im Fußball entsprang soziales Engagement auch einer spontanen Regung des Herzens. Denken Sie etwa an den Beginn der Mexico-Hilfe bei der WM 1986.
Das ist ja auch wahnsinnig kraftvoll. Der Fußball kann Momente der Aufmerksamkeit schaffen, die sonst nie zustande gekommen wären. Aber was Sie beschrieben haben, passte in die Zeit von 1986. Heute geht das anders.

Sind Sie Querdenker aus Prinzip?
Nö! Ich kenne auch Gleichgesinnte. So einer, der aus Prinzip immer anderer Meinung ist, der bin ich nicht. Ich bin mir manchmal auch mit Leuten einig (lacht).

Muss man mit Ihrer Bandbreite und Komplexität der Aufgabe ein Workaholic sein?
Ich möchte Vereinbarkeit leben. Ich habe kleine Kinder und verbringe liebend gerne Zeit mit denen. Ich bin definitiv nicht der Ansicht, dass man sich, wenn man sozial arbeitet, selbst ausbeuten muss. Weder ist das ein gutes Vorbild, noch tut man der Sache damit einen Gefallen. Die Nachhaltigkeit lehrt uns doch, dass man den eigenen Energiepool verantwortlich nutzen sollte.

Werden Sie im Sommer richtig viel Fußball schauen?
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Quelle:
Das Interview mit Felix Oldenburg ist erschienen im Jahresbericht 2017 der DFB-Stiftung Egidius Braun. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Zweitverwertung.

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