Es gab fast magische Momente

© Detlef Eden

Vertreter der Herkunftsländer sollen daran mitwirken, die künftig im Humboldt Forum präsentierten ethnologischen Sammlungen zu erforschen. Ein enormer Gewinn für beide Seiten, meint Andrea Scholz, Leiterin des von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts „Wissen teilen / Geteiltes Wissen“.

Gerade weilte eine Delegation von Völkern des oberen Rio Negro in Berlin, um den deutschen Kuratoren ihre Perspektive auf die Exponate nahezubringen. Viele der Objekte, etwa Gefäße, Schmuck und Musikinstrumente, vereinen in den Herkunftskulturen mehrere Bedeutungsebenen.

In einem ersten Schritt haben Sie sich mit den Gästen aus Südamerika 150 von insgesamt mehr als 3.000 Objekten angeschaut. Welche?
Andrea Scholz:
Aufwändig gearbeitete Schilde, Lanzen, Schmuck – Objekte, die offensichtlich eine hohe Bedeutung haben, deren genaue Verwendung oder Herstellung uns aber nicht immer klar war.

Wie haben die Indigenen auf die Objekte ihrer Vorfahren reagiert?
Mit Ehrfurcht und, soweit ich sehen konnte, auch Freude. Für die Gäste war es eine bewegende, teils sogar heilsame Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Einige unserer Objekte, insbesondere Alltagsgegenstände wie Körbe oder Keramiken, sind bis heute bei ihnen zu Hause im Gebrauch. Und es gab fast nichts, das ihnen nicht in irgendeiner Form – und sei es nur aus den Erzählungen der Älteren – vertraut war.

Fast zwei Wochen arbeiteten die Gäste aus dem oberen Rio Negro mit Ihnen in den Museumsdepots. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es gab sehr berührende, fast magische Momente. Wir haben aber auch viel gelacht. Die heutige Begegnung wurde fast vier Jahre lang vorbereitet, ich selbst bin mehrfach an Orte gereist, aus denen die Artefakte ursprünglich stammen, und kenne die meisten unserer Gäste schon länger. So ist Vertrauen entstanden. Beeindruckend war, dass die Objekte, die bei uns ja eher nüchtern verwahrt werden, in Regalen und Schubladen, für die Indigenen sofort lebendig waren. Am meisten aber hat mich fasziniert – und es begeistert mich bis jetzt –, wie ungeheuer komplex das Weltbild dieser Kulturgemeinschaft am oberen Rio Negro ist.

Inwiefern?
In unserem Depot lagert beispielsweise eine Rassellanze. Ein älterer Mann vom Volk der Tuyuka berührte sie und dann begann er sie rhythmisch zu schütteln, so wie er das von seinen Vorfahren gelernt hatte. Er erzählte uns, dass die Lanze für ihn aber kein Ding sei, sondern ein lebendiges Wesen mit großer Macht. Sie symbolisiert eine Person, genauer deren Wirbelsäule – den Menschen des Ursprungs. Die Tuyuka erzählen, dass der Schöpfer der Welt ihnen einst diese Lanze gegeben hat, damit sie sie in den Boden rammen konnten – ein Symbol für die Inbesitznahme der Territorien am oberen Rio Negro.

Ein heiliger Gegenstand also ...
…und ein Gegenstand, der für die Tuyuka unersetzlich ist. Man kann ihn nicht einfach nachmachen – selbst wenn man die gleichen Materialien verwenden würde.

Wenn diese Objekte so wichtig sind, wollen die Indigenen sie dann nicht zurück?
Keineswegs. Nicht nur den Tuyuka, auch anderen indigenen Völkern aus Amazonien sind diese Objekte oft viel zu mächtig. Die meisten unserer Gäste haben sich in ihrer Heimat extra einem Schutzritual unterzogen, um die Gegenstände in Berlin ohne Schaden berühren zu können. Kein Gedanke daran, sie einfach in ein Flugzeug zu packen und wieder mit an den Rio Negro zu nehmen. Überrascht waren die Indigenen aber davon, wie wir ihre Gegenstände hier aufbewahren. Teile der Sammlung werden wir jetzt wohl neu ordnen müssen.

Was denn zum Beispiel?
Einen wunderschönen Kopfschmuck aus Jaguar-Knochen sowie imposanten roten und gelben Papageienschwanzfedern. Er wird in Tanz-Zeremonien verwendet und ist Teil eines Ensembles, zu dem auch noch Hüft- und Beinschmuck gehören. Wir hatten die einzelnen Teile in verschiedenen Behältnissen aufbewahrt, sie gehören aber unbedingt zusammen. Es gibt auch einige Flöten, die keinesfalls von Frauen angeschaut oder gar berührt werden dürfen. Wir sind sehr froh, dass die Gäste uns hier aufklären, ihr Wissen mit uns teilen und unser gesamtes Depot – Stück für Stück – mit Hilfe einer eigens dafür entwickelten Datenbank begutachten. So können wir die Bedeutung, Machart, Verwendung und korrekte Lagerung jedes einzelnen Gegenstandes festhalten.

Woher stammen diese Objekte überhaupt? Wie sind sie nach Berlin gekommen?
Ein Großteil wurde von Theodor Koch-Grünberg nach Berlin gebracht. Koch-Grünberg war Ethnologe und Forschungsreisender, der ab 1903 mehrere Expeditionen in das Gebiet des oberen Rio Negro unternahm, in die heutige Grenzregion zwischen Kolumbien und Brasilien. Später reiste er auch durch den Norden Brasiliens und Venezuelas. Die Ergebnisse seiner Reisen hat er in mehrbändigen Werken publiziert.

Dann ist die Sammlung also postkolonial zustande gekommen.
Historisch gesehen, ja. Die Kolonialzeit ging in dieser Gegend ja schon im frühen 19. Jahrhundert zu Ende. Dennoch waren die Indigenen damals dem Terror von Kautschuksammlern und Grenzsoldaten ausgesetzt. Gewalt und Rassismus waren allgegenwärtig. Schon deshalb war die Rolle der europäischen Forschungsreisenden zumindest ambivalent. Auch katholische Missionare haben viel Unheil in der Region angerichtet – für sie waren die heiligen Objekte und Riten der Indigenen nichts als Teufelswerk. Heute lagern in unseren Depots daher auch einige Artefakte, die in den Herkunftsgebieten selbst nirgends mehr vorhanden sind. Das gemeinsame Begutachten solcher eigentlich verloren gegangener Dinge – das waren besondere Momente für uns alle.

Ist es das, was Sie vorhin mit „Heilung“ meinten?
Ja, im gewissen Sinne schließt sich der Kreis hier in Berlin wieder. Und es ist schön zu sehen, dass nicht nur wir westlichen Wissenschaftler von der gemeinsamen Arbeit an den Sammlungen profitieren.

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Autorin
Lotta Wieden
VolkswagenStiftung
Nur durch die Erforschung ihrer Sammlungen können Museen wissenschaftlich fundierte Ausstellungen konzipieren und ihrem Vermittlungsauftrag gerecht werden. Mit dieser Überzeugung schuf die VolkswagenStiftung ihre Förderinitiative „Forschung in Museen“. In gut zehn Jahren wurden fast 200 Projekte mit 28,3 Millionen Euro bewilligt – darunter das von Andrea Scholz. Vom 18. bis 20. März 2019 veranstaltet die Stiftung in Hannover das Abschluss- Symposium zu diesem Programm.
Oberer Rio Negro
Weitgehend intaktes Regenwaldgebiet mit einer Fläche von rund 110.000 km2 im Nordwesten Brasiliens an der Grenze zu Kolumbien und Venezuela, in dem etwa 28 indigene Gruppen leben, die zu einer gemeinsamen Kulturgemeinschaft gehören. Darunter die Tuyuka, die Kotiria, Desana und Baniwa, die im Oktober 2018 jeweils einige ihrer Angehörigen zum Wissensaustausch nach Berlin entsandten. Das Projekt Wissen teilen / Geteiltes Wissen ist ein gemeinsames Projekt des Ethnologischen Museums Berlin mit indigenen Bildungsinstitutionen und Nichtregierungsorganisationen aus Brasilien, Kolumbien und Venezuela. Es wird gefördert von der VolkswagenStiftung und der Kulturstiftung des Bundes.
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Dieser Text erschien zunächst als Editorial unserer Sonderpublikation “Stiftungen und Kulturerbe”, die Anfang Dezember der Zeitung “Die Welt” und dem Magazin “Arsprototo” der Kulturstiftung der Länder beilag.

Förderer der Sonderpublikation „Stiftungen und Kulturerbe“ sind das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Kulturstiftung der Länder, die Volkswagen Stiftung und die Wüstenrot Stiftung.

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