Digitaler Unterricht tut nicht weh

Der Bildungsexperte Christian Füller hat in "Die Welt" vom 5. Oktober 2018 einen fulminanten Essay zur Verteidigung des Gymnasiums nicht nur als Schulform, sondern als eine "Turnstätte von Körper und Geist" verfasst. Bedroht sieht er die "Penne" durch Forderungen, Humboldts alte Anstalt müsse zeitgemäßer, praktischer werden. "Die Digitalisierung" kann Füller grundsätzlich nicht mit seinem Bild des Gymnasiums verbinden. Bezug nimmt Füller auf ein derzeit diskutiertes Programm der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Die CDU-Politikerin plant, sechs Milliarden Euro zur Digitalisierung der Schulen an die Länder zu geben. Für Füller droht Verletzungsgefahr, "wenn jetzt auch noch die Bildungsministerin aus Berlin digitale Tools, Plattformen und Gadgets in die Schulen wirft".

Müssen Schüler und Lehrer demnächst also mit Helmen in die Gymnasien kommen, um nicht von herumfliegenden Tablets, Handys und WLAN-Routern an ihren kritischen Köpfen verletzt zu werden? Natürlich nicht. Grund ist ein populärer Denkfehler der Digitalisierungs-Kritiker, dem auch Füller aufgesessen ist: Er setzt Digitalisierung mit Technik gleich. Die Digitalisierung ist jedoch kein IT-Projekt. Sie bedeutet vielmehr einen grundlegenden Wandel unserer Art zu arbeiten, zu kommunizieren, zu wirtschaften und, besonders, zu lernen. Diese digitale Transformation ist eben nicht ein Angriff auf Humboldts Ideale, sondern kann ihnen neuen Wert verleihen. Ein auf gedruckte Schulbücher zurückgreifender Frontalunterricht ist nicht nur enorm langweilig, er ist eben auch nicht mehr Spiegel unserer Gesellschaft. Wenn fluide, agile Zusammenschlüsse hierarchische und auf Dauer angelegte Institutionen ablösen, dann wollen, nein, müssen wir unsere Schüler zu Herrschern über diesen Prozess machen.

Auftritt Digitalisierung: Ersetzen wir Schulbücher durch Offene Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources), so erlauben wir den Kindern und den Lehrern, eine Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden tatsächlich zu leben. Statt aus oft veralteten Materialien zu lernen, erschaffen sich Schüler und Lehrer gemeinsam ihre Lehr- und Lernmaterialien und erarbeiten sich so nicht nur die Inhalte, sondern auch die wichtigste Form der Arbeit: die Kollaboration. Damit sind die aus dem Humanismus entstandenen und dem Gymnasium innewohnenden Werte und Normen keineswegs obsolet. Nicht nur das Schreiben von Codes erfordert Disziplin, Konzentration, Talent, Ausdauer und Wissen. Gerade die Schnelligkeit digitaler Tools bedarf der Vervollständigung durch Reflexion, durch Erfahrung, durch Besonnenheit und Achtsamkeit.

Viele zivilgesellschaftliche Akteure haben dies längst erkannt. Stiftungen investieren vermehrt in die Erforschung und Umsetzung dieses Wandelprozesses, indem sie die Lehrerausbildung um kollaborative Elemente ergänzen und Schülern Medienkompetenzen vermitteln. Sie versuchen dabei, Digitalisierung als eine grundlegende Transformation zu begreifen: weg vom fertigen Produkt (sei es ein Schulbuch, eine Enzyklopädie, eine Zeitung) und hin zu einem Prozess, der geprägt ist durch Zusammenarbeit, durch Iteration, durch positive Unfertigkeit. In diesem Sinne ist es höchste Zeit für eine pädagogisch fundierte Digitalisierung der Schulen.

Wenn die Bildungsministerin tatsächlich nur Tablets und Handys in die Klassenräume wirft, dann sollten die Schulen diese umgehend wieder zurückwerfen nach Berlin. Wenn aber die Digitalisierung als ein Prozess des Wandels grundlegender Arbeits- und Kommunikationsformen verstanden und gefördert wird (begleitet, nicht bestimmt durch Software und Technik!), dann steht die Blüte des Gymnasiums und anderer Schulformen erst noch bevor.

Eine gekürzte Version dieses Blogbeitrags erschien am 24.10.2018 auf Welt Online.

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Autor
Pavel Richter

Mitglied der Geschäftsleitung
Leiter Digitalstrategie und Verwaltung

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