11. StiftungsIMPACT. Demokratie stiften: Einmischen erlaubt!

Stiftungen sind heute mehr denn je aufgefordert, sich zu positionieren. Sie sind im Debattensturm, und dies nicht erst seit der Ankündigung von Donald Trumps Ex-Berater, Steve Bannon, eine Stiftung unter dem Namen „The Movement“ zu gründen, um Europas Rechtspopulisten zu vereinen. Gelegenheit zum Debattieren gab es am 21. November 2018 beim 11. StiftungsIMPACT, der in Kooperation mit der Fachzeitschrift Stiftung&Sponsoring und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen in dessen Räumen in der Mauerstraße in Berlin stattfand.

Stiftungen sind (angekommen) im Debattensturm

Ausgelöst wurde der Debattensturm in diesem Sommer von Prof. Dr. Michael Göring, Vorsitzender des Vorstandes der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. In einem Gastbeitrag in der F.A.Z. hat er Stiftungen aufgefordert, „klare Kante“ zu zeigen. Ihm antworteten Dr. Nina Smidt, ebenfalls von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Thorsten Benner vom Global Public Policy Institute, Rupert Graf Strachwitz vom Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft, Michael Meyer-Resende von Democracy Reporting International und Dr. Nils Meyer-Ohlendorf vom Global Policy Program Ecologic Institut. Nach Ansicht von Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, stehen Stiftungen damit an „vorderster Front der Auseinandersetzung über die Zukunft der liberalen Gesellschaften“.

Nicht über Demokratie reden – sondern miteinander

Der Deutsche StiftungsTag des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen vom 5. bis 7. Juni im kommenden Jahr in Mannheim steht unter dem Motto „Unsere Demokratie“. Grund genug, die Autorinnen und Autoren des Debattensturms schon jetzt auf ein Podium zu holen und über die Rolle der Stiftungen in und für die Demokratie zu reden. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Dr. Ursula Weidenfeld.

Einigkeit bestand bei allen Beteiligten darüber, dass – gerade auch Stiftungen – eine besondere Verantwortung für „unsere“ Demokratie haben und hier auch ihre Stimme erheben sollten. Über die konkreten Ansätze und Wege gibt es – wie die Diskussion zeigte – unterschiedliche Herangehens- und Sichtweisen. Der Debattensturm ist eben nicht nur ein „laues Lüftchen“. Es geht ums „Eingemachte“ so Göring in seinem Eingangsstatement.

Raus aus der Blase – und dann?

Aus der Blase heraustreten, ist daher nicht nur das Credo für Stiftungen – so Göring –, wenn es um die Frage geht, was getan werden muss, um die Demokratie (mit) zu schützen und/oder zu verteidigen. „Jeder, der gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, hat das Ziel, aus der Blase herauszutreten, sei es die Kirche, Gewerkschaften oder aber auch die Politik. Aber auch Stiftungen müssen sehen, dass sie den Schritt gehen.“ Denn auch sie stehen im Verdacht, „elitär zu sein, da sie sich in der Regel an die Menschen wenden, die sich auch interessieren für gesellschaftliche Entwicklungen, die mitmachen wollen, die Verantwortung zeigen“. Nicht zuletzt deswegen werden Stiftungen – so die Beobachtung von Göring – „nicht mehr als neutraler Vermittler wahrgenommen, sondern als ‚Teil von denen da oben‘, die mit der Lebenswelt vieler nichts mehr zu tun haben.“

Aus dieser Wahrnehmung entstehe dann der Eindruck – so Oldenburg anknüpfend – dass „Stiftungen da oben nur für ihre Demokratie kämpfen und sich dann fragen, ob das überhaupt ihre Demokratie ist“.

Das Problem hierbei – darauf verwies Benner in seinem Eingangsstatement – ist, dass sich in „den anderen Blasen häufig auch Gegeneliten befinden“ mit eigenen politischen Agenden, wie das Beispiel Bannon zeige. Mehrfach wurde auch in dieser Diskussion deutlich, dass schon allein die Fragestellung eines solchen Abends eine Blase sein könnte, die an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen und ihren Sorgen – Pflege, Wohnen etc. – vorbeigehe. Müssen Stiftungen sich nicht viel stärker wieder damit beschäftigen?

Neue Realitäten – neue Antworten

Diese Gemengelage mache es für Stiftungen schwierig, sich zu positionieren und ihre Rolle zu finden. Denn neben der Kritik an der Demokratie selbst, gebe es zugleich auch eine Kritik an den Stiftungen, wie gerade in Ungarn und Polen zu beobachten sei. Daneben gebe es aber auch eine „Vermögenskritik, wie die aktuelle Diskussion in den USA zur Rolle der Philanthropie zeigt, die nah an der Stiftungskritik stattfindet“, so Oldenburg: „Stiftungen stehen nicht mehr automatisch auf der richtigen Seite, sondern sie stehen auf ganz vielen Seiten.“

Kontrovers wurde folglich die Frage diskutiert, wo genau Stiftungen im Kampf für die Demokratie stehen (sollen). Auch wurde gefragt, ob es sinnvoll sei, eine neue Stiftung, einen neuen Think Tank zu gründen, die oder der sich explizit mit den Grundlagen der Demokratie oder sich gar als liberaler Gegenschlag zu „The Movement“ erhebt. Auf der Seite der Befürworter – neben Göring, der den Vorschlag im F.A.Z.-Beitrag in die Diskussion eingeführt hat, - sprachen sich in der Diskussion auch Meyer-Ohlendorf und Meyer-Resende für die Idee aus.

Den Vorschlag von Göring aufgreifend, stellte Meyer-Ohlendorf in seinem Eingangsstatement heraus, dass Demokratie in Deutschland zwar stark sei, aber zu wenige dies auch sagen. Auch würden immer noch zu wenige die Probleme greifbar und lösbar machen. Demokratie habe daher zu wenige gute Freunde: „Umwelt hat Greenpeace, Arbeitnehmer Gewerkschaften, Arbeitgeber Wirtschaftsverbände – aber wen hat die Demokratie?

Aus seiner Sicht könnten Stiftungen diese Lücke schließen, da sie im Prinzip in der Lage seien, über Parteigrenzen hinweg glaubhaft einen Diskurs zu führen. „Sie können einen wichtigen Beitrag leisten, damit wir mehr gute Freunde haben.“ Aus Sicht von Meyer-Resende fehle es grundlegend an einer Klarheit darüber, was die Grundregeln unserer Demokratie sind. Aus dieser Unsicherheit heraus lasse sich gerade bei Stiftungen eine Verzagtheit beobachten, die paradox ist: „Stiftungen positionieren sich zu Themen, die parteipolitisch positioniert sind – zum Beispiel Umwelt oder Familie – aber bei einem Thema wie Demokratie, das überparteilich ist, werden sie nervös, weil sie es für zu politisch halten.“

Eine neue Stiftung, die sich explizit mit den Grundlinien der Demokratie beschäftigt, wäre demnach „nicht in einer Nische positioniert, die noch nicht ausgefüllt ist, sondern die Stiftung könnte die neutrale Stimme sein, die überparteilich bleibt und dadurch bei allen Beteiligten eine hohe Glaubwürdigkeit besitzt“. Diese Stimme gibt es noch nicht. Die Frage, die wir uns stellen müssen ist, „wie wir Menschen erreichen können, die die Schlagworte, wie Liberalität und Offenheit, nicht positiv sehen, aber für die Demokratie sind. Wie kann man Glaubwürdigkeit in einem großen Spektrum – und darin auch inbegriffen Teile der AfD-Wählerschaft – noch oder wieder erreichen?“

Die Frage wiederum, ob Stiftungen hier an vorderster Front stehen sollten, sieht Smidt kritischer. Aus ihrer Sicht ist es nicht sinnvoll, dass „Stiftungen den Zug eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses anführen. Hier müssen wir „ein Stück weit bescheiden sein“. Allerdings sollten Stiftungen den „Mut besitzen, Impulse zu geben und Probleme anzusprechen“, als auch in der Lage sein, Initiativen zu unterstützen, sei es durch finanzielle oder personelle Unterstützung oder aber durch die Erhöhung der Sichtbarkeit, indem Netzwerke und Allianzen unterstützt werden.

Oldenburg wiederum warnte in der Diskussion vor all zu, „einfachen mechanischen“ Lösungen: „Wir kommen aus einer halbwegs geordneten Welt, wo Stiftungen sich verorten konnten. Jetzt haben wir aber nicht nur eine komplizierte, sondern eine komplexe Welt, wo wir mit solchen Lösungen, wie der Gründung einer Allianz, nicht unbedingt weiterkommen.“

Auch aus Sicht von Benner bedarf es daher nicht einer Mega-Stiftung, sondern im Gegenteil: „Es muss ganz viele geben“. Es gibt eben nicht nur die eine Positionierung von Stiftungen. „Stiftungen können nur versuchen, in einem diversen und vielfältigen Feld, Antworten zu finden und Dinge auszuprobieren. Dabei muss sich jede Stiftung immer wieder neu entscheiden, wie sie sich positioniert, wen sie fördert und wieweit sie sich auch öffentlich äußert“. Auch gebe es aus seiner Sicht bereits eine gute Arbeitsteilung. „Es gibt Stiftungen, die reine Plattformen sind, und es gibt Stiftungen, die sich sehr stark mit einer politischen oder ideologischen Strömung identifizieren“. Aus seiner Sicht sollte es daher viele eher einen „Marktplatz“ geben, auf dem jede Stiftung selbst entscheiden könne, wo und wie sie sich positioniere. Denn dies ist ja „die Stärke unserer Demokratie, dass wir nicht über alle Fragen einen Konsens haben“.

Demokratie ist immer aktuell – und immer umkämpft

Das Nachdenken über die Rolle der Stiftungen in der Demokratie evoziert auch ein Nachdenken über die Inhalte und Themen, die Stiftungen bearbeiten. Hier müssen Stiftungen lernen – so Oldenburg –, „wie wir auf ganz unterschiedliche Art und Weise für die Demokratie arbeiten können. Auch müssen wir uns innovative Sozialunternehmer anschauen und lernen, wie die neue Arbeitswelt aussieht oder wie ökologische Fragestellungen auch anders und auch besser beantwortet werden können“. Die aktuelle Diskussion biete zugleich aber auch die „Möglichkeit zur Selbstreflexion“, so Benner. „Das Lernen sollten wir gemeinsam mit Partnern tun, auch mit Partnern von außerhalb. Die Open Society Foundations sind gerade nach Berlin gezogen und die haben am meisten Geld versenkt in die offene Gesellschaft. Auch die sind sehr daran interessiert zu verstehen, warum die Zivilgesellschaft – gerade in Osteuropa – nur sehr flache Wurzeln geschlagen hat.“ Gleichzeitig können wir die Zeit auch für eine Art „Hausputz“ nutzen. „Stiftungen befinden sich in einer neuen Situation. Sie denken gerade darüber nach, was für neue spannende Dinge gemacht werden können. Und bei der Gelegenheit kann man mal darüber nachdenken, wie Stiftungen risikofreudiger werden können, dass man zum Beispiel mal auch mal in den Jahresberichten liest, was alles geklappt hat, sondern dass man dort auch mal liest, was nicht geklappt hat, wo man Risiken eingegangen ist.“

Mehr Demokratie wagen – das gilt auch für Stiftungen

Neben der Frage, was Stiftungen tun können, um die Demokratie zu verteidigen, richtete sich der Blick in der Diskussion auch nach innen. Gerade mit Blick auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen, müssen sich Stiftungen fragen – auch an den entscheidenden Machtpositionen –, ob sie die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit (noch) abbilden. Parallel zur strategischen und inhaltlichen Neuausrichtung sollten – nach Ansicht von Benner – Stiftungen sich auch Gedanken darüber machen, wie sie ihre Gremien jünger, diverser, weiblicher, ostdeutscher und migrantischer aufstellen“. Auch Smidt ist davon überzeugt, dass Stiftungen „mehr Diversität benötigen, nicht nur bezogen auf das Thema Gender, sondern in Bezug auf unterschiedliche Gruppen aus der Gesellschaft, mit unterschiedlichen Bildungshintergründen und mit unterschiedlichen Lebenszusammenhängen“. Nur so können Stiftungen „Antworten finden und auch teilhaben an den Bedürfnissen und Problemen, die uns widergespiegelt werden aus der Gesellschaft.“

Richtig kommunizieren – auf Augenhöhe

Aber auch kommunikativ müssen Stiftungen „schlauer“ werden. Stiftungen sollten sich – nach Ansicht von Oldenburg – fragen, „wie das, was sie kommunizieren, ankommt, in einer polarisierten Umgebung, wo die gesellschaftliche Trennung nicht mehr nur zwischen links und rechts, sondern auch zwischen oben und unten verläuft“. Verpassen wir hier den Anschluss, bestehe die Gefahr, wie die Beispiele aus den USA aber auch aus Polen und Ungarn zeigen, dass eine öffentliche Mehrheit den Stiftungen nicht mehr glaubt“.

Auch müssen Stiftungen für sich klären, wie sie mit den „New Kids On The Block“ umgehen, die – auch im Gewand einer Stiftung – nicht die Werte teilen, die lange Zeit als selbstverständlich galten. Hier darf der Blick aber nicht nur in Richtung USA gehen. Einflussversuche auf die deutsche Gesellschaft gebe es auch ganz massiv aus Russland, wie eine Teilnehmerin zu Recht in die Diskussion einwarf. Die Frage, so Weidenfeld weiter, ist, wie weit Stiftungen sich aus ihrer Komfortzone herausbewegen wollen oder auch müssen, und wie weit sie auch kommunikativ hierzu in der Lage sind, mit Leuten zu diskutieren, die man vielleicht nicht so sehr mag.

Auch reiche es nicht mehr aus, „jedes Jahr einen schönen Jahresbericht mit all den Erfolgen zu schreiben. Das Spiel ist aus“, so Oldenburg. „Stiftungen müssen für ihre Kommunikation mehr Ressourcen verwenden, um das neue Kommunikationsspiel zu lernen, was wir bisher nicht mussten. Sie müssen über andere Kommunikationskanäle nachdenken und überlegen, wie sie die Stiftungsorganisation strukturell anders aufstellen. Wie wollen sie mit den personellen Ressourcen und mit den vorhandenen Strukturen so handlungsfähig, so agil werden, um einerseits reagieren zu können und anderseits auch richtig zuhören zu können.“

Zugleich bestehe der Wunsch – so ein Aufruf aus dem Publikum – dass sich auch Stiftungsvorstände mehr und auch eindeutiger zu Wort melden, so wie Herr Göring es für den Stiftungssektor vorgemacht habe, oder wie Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender von Siemens, der sich als einer der ersten Granden der deutschen Wirtschaft öffentlich gegen die AfD ausgesprochen hat.

Eigentum verpflichtet – auch in der Demokratie

Am Ende der Diskussion wurde der Blick noch einmal auf die Ressourcen von Stiftungen gelenkt. Stiftungen sind aus Sicht von Oldenburg, „nicht nur Förderer, sondern auch Vermögenseigentümer“. Dies dürfe aber nicht „die Achillesverse sein, sondern eines der größten Pfründe: Was gehört uns eigentlich in dieser Republik, was sollte uns gehören, damit wir wieder der große Übersetzungsmechanismus von gesellschaftlichen Vermögen sein können“. Aus seiner Sicht sind Stiftungen ein „Übersetzungsmechanismus von Kapital in positive gesellschaftliche Wirkung und eben nicht Teil eines globalen Kapitalmarktspiels“. Gerade auf dem angespannten Wohnungsmarkt könn(t)en Stiftungen mit ihren Immobilien preisdämpfend wirken. „Wir als Sektor müssen es schaffen, die vorhandene Liquidität in gesellschaftliche Wirkung zu übersetzen – gerade auch als Beitrag zum Schutz unserer demokratischen Grundordnung“, so Oldenburg abschließend.

Der 11. StiftungsIMPACT war ein wichtiger Zwischentakt, der alle Beteiligten noch einmal wachrüttelte und den Fokus auf die wichtigen Fragen lenkte, die das deutsche Stiftungswesen ab jetzt beschäftigten müssen.

Stiftungen sollen politischer sein und sich auch in Debatten eindeutiger positionieren. Sie sollen klare Kante zeigen. Zugleich müssen Stiftungen aber über ihre Rolle in der Gesellschaft stärker nachdenken reflektieren und sich fragen, ob sie als Akteure der Zivilgesellschaft die Bevölkerung noch erreichen bzw. vertreten. Das bedingt ein Nachdenken über die inhaltliche und programmatische Ausrichtung aber auch eine Auseinandersetzung um die Frage, wie, was und vor allem mit wem kommuniziert wird. Auch müssen sie den Blick nach innen auf ihre eigenen Strukturen lenken und kritisch beleuchten, ob sie die gesamte Gesellschaft repräsentierten, um als glaubwürdige Sprecher aufzutreten.

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