Eine Mutschrift über den neuen, alten Werkzeugkasten der Stiftungen

"Meine Stiftung ist ja nicht so wie die anderen." Keinen Satz habe ich häufiger gehört als diesen, als ich in den ersten Monaten als neuer Generalsekretär des Bundesverbandes eine "Antrittsreise" zu vielen Mitgliedsstiftungen in Deutschland gemacht habe. Über Stiftungen im Allgemeinen zu sprechen, ist ähnlich schwer wie alle Unternehmen zu generalisieren. Und dennoch: Es gibt Entwicklungen, die für so viele gelten, dass sich daraus ein Narrativ verdichtet – auch wenn es jeweils viele Gegenbeispiele geben mag. Die sogenannte Niedrigzinsphase der vergangenen Jahre ist so eine Entwicklung, selbst wenn es an vielen Märkten durchaus hohe Renditen gab und auch wenn die typischen, lange laufenden Anleihen im Kern vieler Portfolios noch gut rentiert haben. Jetzt laufen diese Renditeanker aus und zwingen zur Konfrontation mit einer neuen Wirklichkeit: Seit Mai 2016 verlieren Anleger mit einer zehnjährigen Bundesanleihe Geld. Im Dezember verkündete EZB-Chef Mario Draghi, den Leitzins auch 2017 nicht erhöhen zu wollen. Die meisten Prognosen deuten in Richtung einer erheblich höheren Volatilität an den Aktienmärkten. Und aktuell steigt die Inflation auf 2 Prozent. Es gibt keine sicheren Kapitalmarktanlagen mehr, die reale Erträge erwirtschaften. Der feste Boden unter den Füßen – er ist weg. Anleger und Aufsichten müssen einige Glaubenssätze hinterfragen. Jetzt werden die Gegenbeispiele interessant, aber nicht als rhetorisches Mittel, um die offensichtliche Ertragskrise kleinzureden und auf eine nach wie vor hohe Zahl an Stiftungsgründungen zu verweisen. (582 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts wurden im Jahr 2016 immerhin noch errichtet.) Stattdessen lohnt der Blick tief in Stiftungsdeutschland hinein, um zu verstehen, wie groß der Werkzeugkasten der Stiftungen ist – und wie vielfältig individuelle Handlungsspielräume trotz eines vielerorts vorhandenen Eindrucks der schwindenden Möglichkeiten sind.

Mit guten Beispielen inspirieren

Eingerahmt von den Begriffen "Kapital und Wirkung" wollen wir im Bundesverband Deutscher Stiftungen in den kommenden Monaten und Jahren mit guten Beispielen inspirieren und für bessere und einheitlichere rechtliche Rahmenbedingungen kämpfen. Wir wollen das Partnernetzwerk und die Anlagemöglichkeiten erweitern. Und wir wollen mit möglichst wenig Juristenlatein und Finanzenglisch in Veranstaltungen und Publikationen zeigen, wie Stiftungen Risiken besser verstehen und annehmen, sich verstärkt im Handeln ergänzen, mehr Engagement mobilisieren und so aus ihrem Kapital heraus mehr Wirkung entfalten können.

Der vielleicht größte Hebel liegt in einem Bild, das alle kennen: der Wald. Keine Metapher ist in mehr Festreden zum Stiftungswesen beschworen worden. Das nachhaltige Geschäftsmodell besteht darin, nicht mehr Holz zu schlagen als nachwächst. Stiftungen, so will es die Analogie, investieren an den Kapitalmärkten, sodass ihr Vermögen auf jeden Fall erhalten bleibt, und nutzen den Ertrag, um ihre eigentliche Arbeit zu tun – oder auf Stiftungsdeutsch: ihren Zweck zu verwirklichen. Das Bild ist gut, aber es muss in der aktuellen Lage neu verstanden werden: Wen nur das Holz interessiert, das verkauft wird, der sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Seit über 500 Jahren gehören den Fuggerschen Stiftungen in Augsburg Waldflächen, die viermal so groß wie Berlin sind. In den meisten Jahren gibt es einen kleinen Gewinn. Aber der geht zurück in den Wald. Er ist nicht nur Mittel, sondern auch Zweck. Zudem wirkt der Grundbesitz der Fuggerschen Stiftungen auch auf andere Weise positiv für die Gesellschaft, z.B. indem hier Windenergie gewonnen wird, Weihnachtsmärkte veranstaltet werden oder Führungen stattfinden.

Werte schaffen und bewahren

Ein Einzelfall? Nein, über Jahrhunderte waren Stiftungen nicht in erster Linie Anleger, sondern (Sozial-)Unternehmer mit Sachvermögen wie Land, sozialen oder kirchlich-wissenschaftlichen Einrichtungen. Das zeigen Beispiele wie das St. Katharinen- und Weißfrauenstift in Frankfurt am Main, das Juliusspital in Würzburg oder die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Mit ihrem ganzen Vermögen, nicht nur über die Erträge, verwirklichen sie ihre Zwecke und schaffen Mehrwerte für die Gesellschaft. Wie auch kleine Stiftungen ohne ein solches Erbe über ihr Kapital wirken können, zeigt die Deutsche Rockmusik Stiftung in Hannover. Mithilfe von Krediten und Fördermitteln kauft sie nach und nach ungewöhnliche Häuser wie eine ehemalige Friedhofstoilette – und vermietet sie als Proberäume. Ähnlich hat die Stiftung trias seit 2002 Immobilien im Wert von über 7 Millionen Euro erworben, die sie durch Erbbauzinsen der Spekulation entzieht und langfristig für Mehrgenerationenprojekte zur Verfügung stellt. Niedrige Zinsen machen einen solchen Aufbau von Sachwerten sogar einfacher.

Das Vermögen als Wirkungshebel nutzen Immer mehr Stiftungen interessieren sich dafür, wie sie bereits mit ihrer Vermögensanlage Positives bewirken können. Das Spektrum reicht dabei von dem Vermeiden negativer Wirkungen, etwa mithilfe nachhaltiger Fonds, über Investitionen in Sachwerte wie Sozialimmobilien bis hin zur Vergabe von Darlehen oder zum Erwerb von Anteilen an sozialen Einrichtungen und Unternehmen. Solche Strategien bewegen nach richtungsweisenden Strategiewechseln etwa bei der Ford Foundation in den USA oder der König-Baudouin-Stiftung in Belgien mittlerweile auch die globale Stiftungsszene. Die Spielräume hierzulande sind dabei sehr unterschiedlich und abhängig von Rechtsform, Satzung und Aufsichtspraxis – oft sind sie aber größer als vermutet. Und wir haben reichlich historische Vorbilder vor unserer Tür.

Stiftungsrechtlich spricht nichts gegen diese neue, alte Praxis: Immerhin ist das gesamte Vermögen der Zweckerfüllung gewidmet. Wer das ernst nimmt, erkennt die gewaltige Chance, die in der Ertragskrise liegt: Denn jetzt kann eine Stiftung Investitionschancen mit einem starken Wirkungsgrad ergreifen, ohne dass sie verglichen mit ähnlich sicheren, konservativen Anlageformen auf Rendite verzichtet. Die zusätzlichen Wirkungshebel werden an immer mehr Orten genutzt: Die Software AG – Stiftung platziert Millionen in sozialen Wohnungsprojekten, ist beteiligt an einem Saatgutunternehmen und einer Privatuniversität und legt diversifiziert an globalen Kapitalmärkten an. Die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius investiert in ein Azubi-Wohnheim, die neu ausgerichtete BMW Foundation Herbert Quandt in Social Entrepreneurs. Jahrzehntelang prägten Staatsanleihen und Stiftungsfonds die Kapitalanlage der Stiftungsszene und ermöglichten auch wenig versierten Anlegern ein Auskommen – kommt jetzt eine Zeit der Neu- und Wiederentdeckung anderer Strategien?

Gemeinsam neue Wege ausloten

In den vergangenen Monaten haben wir im Haus Deutscher Stiftungen immer wieder Praktiker, Experten und Partner als "Mitdenker" zusammengebracht, um die Vielfalt der Möglichkeiten neu zu beschreiben und allen Stiftungen Zugänge zu eröffnen. Denn es gibt noch viele Hürden: Zu wenig zugänglich und liquide sind viele der Assetklassen, zu uneinheitlich die Vorgaben der Stiftungsaufsichten, zu wenig Finanzdienstleister können helfen, zu groß ist die individuelle Sorge, Fehler zu machen. Vieles Bewährte bleibt richtig: Anlagerichtlinien, Diversifizierung, Anbietervergleich. Anderes entwickelt sich gerade mit großer Geschwindigkeit: Indexfonds, Gruppendeals, Nachhaltigkeitstransparenz auf Knopfdruck, Garantiemechanismen, Verbrauchsstiftungen. Die eine richtige Lösung für alle gibt es nicht, aber der Gestaltungsspielraum und die Möglichkeiten wachsen.

In den kommenden Jahren werden die Vermögensmanager von Stiftungen für viele Milliarden Euro Stiftungskapital nach neuen Anlagemöglichkeiten suchen. Die fast überall anstehenden Entscheidungen werden nicht nur bestimmen, wie Einzelne ihre eigenen Ziele erreichen können, sondern sie werden auch das Selbst- und Fremdbild des gesamten Stiftungswesens prägen. Denn auch wenn (viele) Stiftungen dauerhaft bestehen bleiben, sind sie doch angewiesen auf die Akzeptanz der Gesellschaft, das Mitmachen der Engagierten, die Zustimmung der Vermögenden, die Erneuerung durch Stifter der nächsten Generation.

Vorbilder in einer kreativen und lebendigen  Stiftungslandschaft In den vergangenen Monaten habe ich nicht nur Stiftungen besucht, sondern auch mit vielen jungen Unternehmern und Erben gesprochen. Die meisten denken Unternehmertum und Philanthropie zusammen, und das bereits viel früher in ihrer Karriere als ihre Eltern oder Großeltern. Und sie suchen, sicher geprägt von den digitalen Erfolgsgeschichten ihrer eigenen Generation, nach einem großen Hebel für ihre Ressourcen. Wenn ihr philanthropischer Weg sie zu Stiftungen führen soll, in welcher Rechtsform und Ausrichtung auch immer, dann wird dieser Weg nicht über Vermögensberater, sondern über Vorbilder einer kreativen und lebendigen Stiftungslandschaft führen. Stiftungen, die wissen, wie ihr Kapital für die Gesellschaft wirkt, können ihnen und der ganzen Gesellschaft Antworten auf Fragen geben, die sich viele Menschen spätestens seit der globalen Finanzkrise auch hinsichtlich ihrer eigenen Anlagen stellen. Die neue Welt an den Kapitalmärkten ist daher keine Naturkatastrophe, keine Dürre, die es zu überleben, sondern eine riesige Chance, die es zu ergreifen gilt.

Ein Bild aus den "Mitdenker-Runden" hat sich mir besonders eingeprägt: Manche sehen sich vielleicht am Fuße einer Staumauer und erleben, wie aus dem Wasserstrahl ein Rinnsal wird, das kaum für die Felder reicht. Aber der Stausee ist voller Wasser, das Kapital ist da. Schaut man dorthin, wo in Stiftungsdeutschland sozusagen die Felder blühen, dann stellt man fest, dass weiter oben nicht immer ein großer See liegt. Wer Spender und Engagierte mobilisieren kann, kann – um im Bild zu bleiben – den Regen rufen. Das größte Stiftungswerk der Menschheit, die Wikipedia, ist in wenigen Jahren aus Milliarden Tropfen entstanden. Wie groß hätte ein Kapitalstock sein müssen, um diese Leistung aus Erträgen zu bezahlen? Kleine Stiftungen mit großem Engagementhebel – das gibt es nicht nur in den zahlreichen Bürgerstiftungen, sondern an vielen Orten. Ob 500, 50 oder 5 Jahre alt: Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine derartige historisch gewachsene Vielfalt des Stiftungswesens wie hierzulande: unterschiedliche Rechtsformen, Investitionsstrategien, Wirkungstheorien, die sich alle unter dem Selbstbild "Stiftung" und im Bundesverband Deutscher Stiftungen sammeln. 

In den folgenden Jahren wollen wir das Narrativ der Niedrigzinsphase ablösen durch ein anderes: Wir wollen Stiftungen für uns und die nächste Generation als ebenso radikalen, kreativen und jungen Ort verstehen und gestalten: Radikal, weil eine Stiftung nur einem guten Zweck gehört. Kreativ, weil sie unendlich viele Möglichkeiten hat. Und jung, weil Stiftungen gemessen an ihrer Dauerhaftigkeit immer gerade erst anfangen.

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Quelle
Dieser Artikel erschien in der StiftungsWelt 01-2017 "Kapital und Wirkung".
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Autor
Felix Oldenburg

Generalsekretär

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