Ein Quadratkilometer Bildung – langfristige Investitionen in Bildungsnetzwerke

Aufbau von Bildungsnetzwerken als Venture Capital

„Ein Quadratkilometer Bildung geschaffen!“ – so könnte man die Erfolgsbilanz der zwei Berliner Pilotprojekte des gleichnamigen Programms zusammenfassen, das 2007 von der Freudenberg Stiftung zusammen mit der Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung, der Breuninger Stiftung und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie ins Leben gerufen wurde. Es ist ein gemeinsames Investment von Stiftungen und Staat in die Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen in Stadtteilen, die von hoher Arbeitslosigkeit und Zuwanderung geprägt sind, wie es im Neuköllner Rütli-Quartier oder in Moabit der Fall ist. Das Programm versteht sich mit seiner auf mindestens zehn Jahre angelegten Förderdauer als eine innovative Form des Venture Capitals im Sinne einer sozialen Investition ohne finanzielle, jedoch mit langfristiger gesellschaftlicher „Rendite“-Erwartung sowie mit Erkenntnissen darüber, wie auch öffentliche Mittel wirksamer eingesetzt werden können. Das Programm wird derzeit in 10 Stadtteilen bundesweit durchgeführt, ein weiteres Projekt startet im September 2018 in Brandenburg an der Havel.

Langfristige Kooperationen, die der Realität standhalten

Ziel ist der Aufbau von praktikablen Bildungsnetzwerken, die der tatsächlichen Lernlaufbahn von Kindern und Jugendlichen entsprechen, auch wenn diese neuartigen Netzwerke oftmals über institutionell festgelegte Kooperationen hinausreichen. Beide Referenzstandorte in Berlin bestätigten in der Zusammenarbeit von Schulen, Kitas und anderen Lernorten, dass eine Analyse zu tatsächlichem Handlungsbedarf und Schlüsselpersonen vor Projektstart sowie eine zehnjährige Laufzeit mit nachfolgender Implementierungsphase zielführend sind – im Gegensatz zu den oft guten, aber bereits im Vorfeld fertig ausgearbeiteten und nur kurzzeitigen ein- bis dreijährigen Modellvorhaben, die normalerweise von Stiftungen und öffentlichen Trägern durchgeführt werden.

Auf Menschen setzen, die lernen und sich verändern wollen

Auch wenn die Herausforderungen in den Stadtteilen unterschiedlich sind, konnten ähnliche Prozess- und Strukturmerkmale identifiziert werden. So sind wesentliche Erfolgsfaktoren beispielsweise Bildungs- und Förderkonzepte, die Schülerinnen und Schüler beim Wechsel der Bildungseinrichtung wiedererkennen können. „Kein Kind, keine Jugendliche, kein Jugendlicher geht verloren“ – so lautet nicht umsonst der Leitsatz des Programms. Aber auch die Lernbereitschaft der Erwachsenen wird gefördert. Eine wichtige Rolle spielen dabei Pädagogische Werkstätten, die als Regeleinrichtungen regional verankert werden sollen, ohne in Konkurrenz zu anderen Bildungsakteuren zu gehen. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind oftmals freigestellte Lehrkräfte, die als vertrauensvolle „Kümmerer“ als Praxisbegleiter Pädagogen, Eltern und Ehrenamtlichen zur Seite stehen und dabei eine Art Werkzeugkasten für Kommunikation, Dokumentation und Evaluation zur Verfügung stellen. Ausgestattet mit einem sogenannten Entwicklungsbudget, um Maßnahmen schnell und unbürokratisch umzusetzen, wurde ihre Schnittstellenfunktion von den Beteiligten als zentral für die Gestaltung von Bildungsnetzwerken eingeschätzt. Eine weitere Antwort des Programms ist die Einrichtung von Lernwerkstätten in Schulen und Kitas, in denen sowohl die Stärken von Kindern wie auch die Qualifizierung von Erziehenden und Lehrenden gefördert werden.

Veränderungsprozesse durch Venture Philanthropy

Neu ist es nicht, dass Stiftungen mit dem Einsatz ihrer Ressourcen einen hohen Grad an Wirkung erzielen wollen. Die Freudenberg Stiftung betrachtet jedoch ihr philanthropisches Handeln als langfristige soziale Investition, um gemeinsam mit öffentlichen Akteuren lernend „von unten kommende“ und tatsächlich greifende Änderungsprozesse auszuprobieren und zu verstetigen. „Wir haben verstanden, dass wir weder kurzfristig noch ohne Koproduktion vor Ort auf komplexe soziale Problemlagen reagieren können“, so Sascha Wenzel, Geschäftsführer der Freudenberg Stiftung. Ihr Return-On-Investment aus dem Einsatz von Expertise und Risikokapital sei dabei, Kommunen trotz leerer Kassen gegenüber gesellschaftlichen Herausforderungen flexibel handlungsfähig zu machen. Gradmesser der Stiftung sei der nachweisbare Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen, der durch Evaluationen mit qualitativen Reflexionsverfahren und lokalen Bildungsmonitorings gemessen werde. Doch auch eine zehnjährige Laufzeit für Projekte dieser Dimension sei im Grunde zu kurz, gibt Sascha Wenzel zu bedenken: „Wir fragen uns heute, ob ein Rückzug nach langen Investitionszeiträumen zu verantworten ist. Vermutlich müssen wir die Hoffnung aufgeben, dass andere unseren Anschub ohne Weiteres weiterführen können, und darüber nachdenken, ob Stiftungen den Modellhorizont nicht besser aufgeben und permanent an Veränderungsprozessen mitwirken sollten“.

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Autorin
Morticia Zschiesche
freie Journalistin