Divestment-Bewegung: Keine Kohle mehr für die Kohle

Die Divest-Bewegung forciert den Abzug von Kapital aus Branchen, die mit fossilen Energieträgern Geld verdienen. Die Zahl der Unterstützer ist in den vergangenen Jahren weltweit stark gestiegen, unter ihnen sind viele Stiftungen. Allerdings stammen nur wenige von ihnen aus Deutschland.

Keine Kohle mehr für die Kohle: Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat in den vergangenen zwei Jahren rund 90 Prozent ihrer Investitionen in Aktien und Anleihen von Kohle-Unternehmen abgebaut. Ende 2015 hatte die Stiftung beschlossen, nicht mehr in die Kohlewirtschaft zu investieren und bestehende Anlagen mit einem Volumen von 40 Millionen Euro schrittweise auf null zu reduzieren. Der Ausstieg aus der Kohle sei für Deutschland ein wichtiger Schritt, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten und die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. „Für langfristig ausgerichtete Investoren ist ein Ausstieg aus der Kohlewirtschaft deshalb ökologisch und ökonomisch sinnvoll“, sagt DBU-Finanzvorstand Michael Dittrich.

Kohleinvestments auf der Schwarzen Liste

Die DBU zählt damit zu den ersten Stiftungen hierzulande, die die so genannte Divest-Bewegung unterstützen. Deren Verfechter haben vor allem Kohleinvestments auf ihre Schwarze Liste gesetzt, einige Anleger wollen auch Unternehmen aus der Öl- und Gasbranche aus ihrem Portfolio verbannen. Die Bewegung erfährt derzeit weltweit regen Zulauf: Aktuell haben mehr als 800 institutionelle Investoren mit einem verwalteten Vermögen von mehreren Billionen US-Dollar  angekündigt, Kapital ganz oder teilweise aus Fossil-Energie-Unternehmen abzuziehen, zeigen Zahlen der US-amerikanischen Klimaschutz-Organisation 350.org. Die Divest-Bewegung geht ursprünglich auf das Engagement US-amerikanischer Studenten zurück, mittlerweile ist ein weltweites Netzwerk entstanden. Zu den schwergewichtigsten Vertretern des Divest-Trends zählt der milliardenschwere norwegische Staatsfonds, der nach einem Parlamentsbeschluss vor drei Jahren Anteile an rund 120 Kohleunternehmen veräußerte. Knapp 20 Prozent der engagierten Organisationen sind Stiftungen, zu den Vorreitern zählt der US-amerikanische Rockefeller-Fund. Dessen Engagement hat besondere Signalwirkung, weil die Rockefeller-Dynastie ihr Vermögen ursprünglich im Ölgeschäft machte.

Divestment in Deutschland

In Deutschland ist die Bewegung bislang allerdings nicht allzu prominent in Erscheinung getreten. Zu den offiziellen Unterzeichnern der Divest-Kampagne zählen hierzulande rund 20 Organisationen, darunter vor allem Städte und Kommunen, hinzukommen einzelne prominente institutionelle Anleger wie die Versicherung Allianz. Zu den wenigen deutschen Unterzeichnern zählt auch die Bewegungsstiftung aus dem niedersächsischen Verden. „Die Kampagne ist in Deutschland längst nicht so stark wie in den USA und anderen Ländern“, sagt Matthias Fiedler, geschäftsführender Vorstand bei der Bewegungsstiftung. Er sieht dafür mehrere Gründe. Die Quote von Aktien und ähnlichen Investments sei bei Stiftungsvermögen hierzulande häufig gering und ein De-Investment entsprechend gar nicht angezeigt. Zudem stünden Stiftungen in Ländern wie den USA wegen einer hohen Transparenz ihrer Geldanlage naturgemäß stärker im öffentlichen Rampenlicht als in Deutschland. „Wer sich engagiert, macht damit klar, dass er ursprünglich in solchen Branchen investiert war“, sagt Fiedler. „Das könnte auch negativ ausgelegt werden. Ich vermute deshalb, dass eine ganze Reihe von Stiftungen in Deutschland faktisch Divestment betreibt, ohne die Kampagne publikumswirksam zu unterstützen.“ Die Bewegungsstiftung investiert ihr Vermögen bereits seit Gründung im Jahr 2002 außerhalb der Branchen rund um fossile Energien und verfolgt bei ihren Investments einen expliziten Nachhaltigkeits-Ansatz. Genau das fordern viele Divest-Aktivisten. „Das De-Investieren ist nur der erste Schritt“, sagt Fiedler. „Danach stellt sich ja die Frage, in welche Bereiche man stattdessen investiert. Das sollte sinnvollerweise dort geschehen, wo man den Satzungszweck fördern kann. Gerade in Zeiten von Niedrigzinsen können Stiftungen mit ihrem Kapital auf diesem Weg mehr erreichen, als nur Liquidität zum Fördern des Stiftungszwecks zu erwirtschaften.“

Jenseits der ethischen Dimension rücken zunehmend finanzielle Gründe für die Abkehr von Geschäften mit fossilen Energien in den Vordergrund. Vor allem die Gefahr des Wertverlustes der Energieträger wächst, wenn Politiker weltweit mit dem Erreichen der Klimaschutz-Ziele ernst machen. Denn wenn sich das Erdklima in Zukunft tatsächlich nicht um mehr als zwei Grad erwärmen soll, muss ein großer Teil der fossilen Energien in der Erde bleiben. Damit wächst für Kohle-, Öl- und Gasunternehmen und deren Investoren das Risiko, dass ein großer Teil der Vorkommen zu „Stranded Assets“ und entsprechend entwertet werden. „Ein seriöses Risikomanagement muss diese Entwicklung auf dem Schirm haben“, sagt Fiedler.

Divestment schmälert nicht die Rendite

Viele Stifter fürchten umgekehrt, dass Divestment ihre Rendite schmälert. Auch das ist rückblickend nicht ausgemacht: „Ich kann nicht erkennen, dass Divestment und nachhaltiger Investmentansatz uns Performance gekostet hätte“, sagt Hermann Falk, Vorstand der GLS Treuhand. Die Sparte der gleichnamigen Ökobank unterhält und verwaltet als Treuhänder mehrere Stiftungen und unterstützt ebenfalls die Divest-Bewegung. Das Renditeziel von mindestens drei Prozent pro Jahr hat das Stiftungsmanagement nach eigenen Angaben mit 3,2 Prozent in 2017 und 3,5 Prozent in 2016 erreicht. Die GLS Treuhand investiert einen großen Teil des verwalteten Vermögens in direkte Beteiligungen zum Beispiel an Pflegezentren und vergibt Darlehen an Windparkbetreiber. „Die wenigen Aktienfonds, die wir haben, schneiden regelmäßig besser ab als die Benchmark“, sagt Falk. Zudem kommt das Konzept bei Stiftern und Spendern gut an, den meisten Philanthropen ist die Zukunft der Erde und der Menschheit schließlich ein Anliegen: Das verwaltete Vermögen der GLS Treuhand ist allein im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf aktuell 125 Millionen Euro gestiegen. „Divest-Strategie und nachhaltiges Investieren sind gute Argumente, um Stifter und Spender zu überzeugen.“ Vielleicht ist das für deutsche Stiftungen ein Argument, sich der Divest-Bewegung anzuschließen – und darüber auch zu reden.

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Autor
André Schmidt-Carré
freier Wirtschaftsjournalist