Stiftungen unterstützen neue Wege in der Finanzierung von humanitärer Hilfe

© Internationales Komitee des Roten Kreuzes (IKRK)

Im September 2017 hat das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) den weltweit ersten Humanitarian Impact Bond (HIB) – wörtlich übersetzt „humanitäre Wirkungsanleihe“ – aufgelegt, an dem sich unter anderem auch die schweizerische Fondation Lombard Odier und die spanische La Caixa Foundation als Investoren bzw. Rückfinanzierer beteiligt haben. Von staatlicher Seite sind die Regierungen aus Belgien, Italien, der Schweiz und England involviert. Dieser HIB hat zum Ziel drei physische Rehabilitationszentren für durch Krieg und Krisen körperlich geschädigte Menschen in der Demokratischen Republik Kongo, in Mali und in Nigeria aufzubauen und zu betreiben. Dies speziell mit dem Ziel, diese Menschen orthopädisch zu versorgen und mittels verschiedener Begleitinitiativen wie beispielsweise die Einbindung in Sportaktivitäten und der Mithilfe beim Aufbau eines eigenen kleinen Gewerbes sozial und wirtschaftlich in ihre Gemeinden zu (re)integrieren.

Junge spielt Fußball im Rollstuhl
© Internationales Komitee des Roten Kreuzes (IKRK)

Von der Struktur her ähnelt der HIB den schon länger bekannten Social Impact oder Development Impact Bonds, die traditionellerweise aus einer sektorübergreifenden Zusammenarbeit zwischen einem sozialen Dienstleister, einer Institution oder Organisation und dem Staat bestehen. Die Partner regeln ihre Kooperation durch einen Vertrag, der Verpflichtungen der einzelnen Vertragsparteien, Finanzierungsmechanismen, Risikoverteilung und Wirkungen festlegt.

Insgesamt haben private Investoren umgerechnet 16,5 Millionen Euro für fünf Jahre in den HIB des IKRK investiert. Die Rückzahlungen hängen davon ab, wie erfolgreich die geplanten Projektaktivitäten mit Blick auf die Menschen, die durch das Projekt Hilfe erfahren haben, waren. Im günstigsten Fall erhalten die Investoren das eingesetzte Kapital nach fünf Jahren zurück und bis zu 7 Prozent Rendite pro Jahr, wenn das Projekt eine positive Evaluierung erhält. Im schlimmsten Fall können die Investoren bis zu 40 Prozent des eingesetzten Kapitals verlieren – somit fällt der HIB in die Klasse der deutlich riskanten Kapitalanlagemöglichkeiten.

Im Interview mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen reflektiert Christian Tohmé, Sektorverantwortlicher für strategische Philanthropie des IKRK, über Nutzen und Risiken des ersten HIB für alle Beteiligten, während Lucy Schweingruber, Referentin für Stiftungskooperationen beim Deutschen Roten Kreuz, eine weitere neue Möglichkeit zur Finanzierung von humanitärer Hilfe aufzeigt.

Christian Tohmé  & Lucy Scheingruber
© Marc Thürbach / DRK

Christian, was ist so besonders an dem HIB des IKRK?
Christian: Bei unserem HIB handelt es sich um den weltweit ersten Finanzierungsmechanismus dieser Art in einem humanitären Umfeld – sprich in konflikt- und krisenbetroffenen Regionen. Die Rahmenbedingungen für Investitionen und Wirkungsmessungen in fragilen Kontexten unterscheiden sich grundlegend von denjenigen in politisch stabilen Ländern. Diese Arbeit bedingt eine langjährige Präsenz vor Ort und vertrauensvolle Kontakte zu behördlichen Einrichtungen und einflussreichen nicht-staatlichen Gruppierungen. Hier setzt unser HIB an: Vor dem Hintergrund tendenziell andauernder Konflikte und oftmals ungelöster humanitären Krisen, wollten wir ein Pilotprojekt umsetzen, welches eine indikatorenbasierte, wirkungsorientierte und erfolgsabhängige Finanzierung unserer Aktivitäten für benachteiligte Bevölkerungsschichten in Risikoländern erlaubt.

Du sagst, es sei eine „indikatorenbasierte, wirkungsorientierte und erfolgsabhängige Finanzierung unserer Aktivitäten für benachteiligte Bevölkerungsschichten in Risikoländern“ – das hört sich erst einmal recht abstrakt an. Was kann ich mir als Investor konkret darunter vorstellen?
Christian:
Gemeinsam mit Investoren und den Rückfinanzierern – darunter Stiftungen, Finanzinstitute und Staaten – zielen wir auf eine messbare Verbesserung der Lebensqualität der Menschen, denen in den drei neuen Rehabilitationszentren geholfen wird. Aufgrund der Tatsache, dass in Konflikt- und Krisenländern nur ein Bruchteil der durch externe Einflüsse körperlich geschädigte Menschen Zugang zu adäquaten Rehabilitationsdiensten haben, lag es nahe, diesen Aspekt unserer Arbeit ins Zentrum unseres HIB zu legen.

Warum habt Ihr den HIB eingeführt?
Christian: Im Hinblick auf eine langfristige Sicherung unseres Engagements zielen wir auf eine kontinuierliche Verbesserung und Diversifizierung unseres Angebots für Spender und Partner. Vor diesem Hintergrund wollten wir mit unserem HIB gezielt ein investionsinteressiertes Publikum für eine neuartige und längerfristige Initiative gewinnen. Die garantierte Finanzierung unserer Aktivitäten im Rahmen des HIB über fünf Jahre hinweg erlaubt es uns zudem, uns ohne finanziellen Druck auf unser Kerngeschäft zu konzentrieren, d.h. Menschen in Konflikt und Krisensituationen kontinuierlich humanitäre Hilfe zu leisten.

Die Wirkungsmessung ist ja entscheidend für die Rückzahlungen an die Investoren. Was sind die konkreten Indikatoren? Und wie könnt ihr eine verlässliche Wirkungsmessung in Kriegs- und Krisengebieten sicherstellen – denn das ist dort ja meist sehr schwierig.
Christian: Unser Projektportfolio ist in den vergangenen 40 Jahren von ursprünglich zwei umgesetzten Rehabilitationsprojekten in zwei Ländern auf rund 150 Projekte in mehr als 30 Ländern angewachsen. In dieser Zeit haben wir viel gelernt und konnten unsere Richtwerte für die Beurteilung von Effizienz und Wirkung in schwierigen Kontexten stetig verfeinern. Vor diesem Hintergrund haben wir entsprechende realitätsnahe Basiswerte für die Messung des Erfolgs der von uns bereits unterstützten Rehabilitationszentren definiert. Die mittels des HIB finanzierten neuen Zentren werden anhand dieser Prüfmarken beurteilt und die Höhe der erfolgsabhängigen Auszahlungen daran ausgerichtet.

Was muss man beachten, wenn man in diesen HIB anlegen möchte?
Christian: Die Ausschreibungsphase des HIB wurde im letzten Jahr mit Investitionen von 16,5 Millionen Euro und Rückfinanzierungszusagen von bis zu 23 Millionen Euro abgeschlossen. Da große Abhängigkeiten zwischen der Kapitaleinlagehöhe und dem Radius der Wirkungsziele besteht, wurde unsere Finanzierungsinitiative über die nächsten fünf Jahre hinweg mit dem vereinbarten Betrag versiegelt.

In diesem Zusammenhang ist ebenfalls hervorzuheben, dass es sich rechtlich gesehen beim HIB nicht um eine Obligation, sondern um eine Darlehensart mit erfolgsabhängigen Rückvergütungsmechanismus handelt. Außerdem ist der HIB nicht kotiert, weshalb er einerseits nicht gehandelt werden kann, andererseits aber auch von Marktfluktuationen unberührt bleibt. Aufgrund des benötigten Kapitalvolumens wurde er zudem speziell auf die Bedürfnisse von institutionellen Investoren und Rückfinanzierern zugeschnitten.

40 Prozent potenzieller Kapitalausfall wäre für eine rechtsfähige deutsche Stiftung ein sehr hohes Risiko. Auf welcher Basis konnten sich ein Investor wie beispielsweise die Fondation Lombard Odier für eine Kapitalanlage entscheiden?
Christian: Der Punkt war in der Tat Gegenstand unserer Gespräche mit unseren Partnern auf beiden Seiten des Finanzierungsspektrums, wobei es seitens unserer Investoren letztlich auf eine sorgfältige, individuelle Abwägung der Risiken gegenüber dem zu erwartenden finanziellen Nutzen hinauslief. Bei der Entscheidungsfindung kam uns sicherlich auch unsere langjährige Erfahrung in der Umsetzung entsprechender Aktivitäten, unseres erleichterten Zugangs zu staatlichen und nicht-staatlichen Stellen in unseren Einsatzländern sowie die engmaschige Einbindung unserer Partner in den Projektverlauf zugute.

Was ist als nächstes geplant?
Christian: Der Ausbau unseres Portfolios mit neuen Finanzierungsmodellen ist derzeit im vollen Gange. So denken wir derzeit unter Rücksichtnahme unserer Erfahrungen mit dem HIB gemeinsam mit unserem langjährigen Partner Lombard Odier über die Ausgestaltung eines neuen derivativen Impact Investing-Instruments nach. Weiter arbeiten wir derzeit mit einem deutschen Unternehmen an einem indikatorenbasierten Versicherungsinstrument, welches Finanzierungsengpässe bei der Umsetzung unserer Aktivitäten in medial kaum beachteten Regionen überbrücken kann. Außerdem kooperieren wir gegenwärtig mit einer von der Weltbank geführten Koalition an der Konzipierung finanzieller Instrumente, um Nahrungsmittelunsicherheiten in Krisensituationen rascher begegnen zu können. Zudem stehen wir mit dem Erfinder des Social Impact Bonds, Sir Ronald Cohen, hinsichtlich eines Programms für einen verbesserten Zugang von Kindern zu Bildung in Konfliktregionen in Verbindung und arbeiten mit einer auf innovative Finanzierungsinstrumente spezialisierten Agentur zusammen. Mit all unseren Initiativen zielen wir darauf ab, unsere Finanzierungsquellen weiter zu diversifizieren und unser Engagement für Kinder, Frauen und Männer in konfliktbetroffenen Regionen noch effizienter und wirkungsvoller zu gestalten.

Lucy, arbeitet das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in eine ähnliche Richtung?
Lucy: Die Generierung zusätzlicher Mittel für die humanitäre Hilfe über innovative Finanzierungsmechanismen, ist auch für das DRK ein großes Thema: Seit 2014 entwickeln wir mit Unterstützung des Auswärtigen Amts, weiteren institutionellen Partnern, Unternehmen und Stiftungen den Ansatz des sogenannten „Forecast-based financing“, bei dem Hilfsmittel schon vor Eintreten einer Katastrophe verbindlich zugesagt werden. Dank technischen Fortschritts können Extremwetterverhältnisse immer besser prognostiziert und so frühzeitig antizipative Katastrophenvorsorgemaßnahmen eingeleitet werden. Antizipation statt Reaktion. Stiftungen beteiligen sich an dem Ansatz über Fördermittel für die einzelnen Hauptkomponenten, diese sind einerseits die Programmentwicklung, bei der in Kooperation mit Finanzinstituten und wissenschaftlichen Organisationen an der Vorhersagbarkeit von Extremwetterereignissen gearbeitet wird, andererseits die Durchführung von Pilotprojekten in verschiedenen Hochrisikoländern dieser Welt und zuletzt die Aufsetzung des sogenannten DREF (Disaster Relief Emergency Fund), welcher Katastrophenvorsorgemaßnahmen finanziert.

Das IKRK und das DRK betonen, dass über Finanzanlagen und Fördermittel von Stiftungen die Nachhaltigkeitsziele der 2030-Agenda der Vereinten Nationen unterstützt werden. Was hat es damit auf sich?
Lucy: Im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit leisten die ganze Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele. Ein sehr wichtiges Querschnittsthema ist die Anpassung an den Klimawandel, d.h. das Ziel 13: Bekämpfung des Klimawandels und seiner Folgen. Wir tragen darüber hinaus vor allem auch zu den grundlegendsten Zielen 1 bis 3 bei: der Beendigung von Armut und Hunger und der Förderung eines gesunden Lebens für alle Menschen.

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Das Interview führte
Dr. Annette Kleinbrod

EZ-Scout der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Entsandt an: Bundesverband Deutscher Stiftungen

Telefon (030) 89 79 47-83