"Die Weichen für die zukünftigen Gesellschaften werden jetzt gestellt"

Gründer des Digital Arabia Network: Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani und Bassant Helmi
Bild: privat / Anke Illing
Gründer des Digital Arabia Network: Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani und Bassant Helmi

Das Digital Arabia Network (#DAN) hat sich zum Ziel gesetzt, ein Lab für die digitale Zukunft der arabischen Welt zu sein und Menschen und Projekte über das Netzwerk zu verbinden. Keine kleine Aufgabe. Die beiden Gründer und heutigen gemeinsamen Vorsitzenden Bassant Helmi und Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani trafen sich bei der BWM Foundation Herbert Quandt im Rahmen des Responsible Leaders Forums MENA in Casablanca im Jahr 2017. Beide sind Mitglieder des globalen BMW Foundation Responsible Leaders Network.

Aus einem Gespräch über die Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung während einer Busfahrt wurde in kurzer Zeit ein aktives Netzwerk, das für viele Menschen in der arabischen Welt bereits ein wichtiger Anlaufpunkt ist. Bassant Helmi und Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani – und auch alle Steering Committee-Mitglieder – setzen sich für #DAN ehrenamtlich ein.

 

Frau Helmi, Herr Al-Ani, Sie beide leben und arbeiten seit Jahren in Berlin und haben nun das Digital Arabia Network (#DAN) gegründet. Was bietet das Netzwerk an?
Bassant Helmi: Es geht uns in erster Linie um die Vernetzung der klugen Köpfe in der arabischen Region, die sich in ihren Gesellschaften mit Digitalisierung beschäftigen und erfolgreiche Beispiele gesetzt haben. Das Netzwerk verfolgt ein ganzheitliches Konzept: Wir haben unterschiedliche Partner in Deutschland und der Region – Universitäten, Unternehmen, Think-Tanks und Stiftungen. Wir betrachten auch unterschiedliche Sphären der Digitalisierung – Kultur, Bildung, Politik, Wirtschaft und Gesundheit. Zudem haben wir spezielle Themen, wie etwa Inklusion durch Tech oder Frauen und MINT – Mathematik, Informationstechnik, Naturwissenschaften, Technik. In der arabischen Welt gibt es eine Vielzahl von erfolgreichen Akteuren der Digitalisierung, die aber oft auf sich alleine gestellt sind und keine Unterstützung erfahren. Wir wollen diese Individuen miteinander vernetzen, Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung ermöglichen. Wir möchten darüber hinaus auch eine Schnittstelle für internationale Unternehmen und Organisationen der Zivilgesellschaft schaffen. Jeder, der etwas über den Status der Digitalisierung, Ansprechpartner und Projekte erfahren will, soll auf unserer Plattform fündig werden.

Welche Länder umfasst das Netzwerk?
Helmi: Wir konzentrieren uns in der ersten Phase auf Nordafrika, von Marokko bis Ägypten, aber auch Vertreter aus Jordanien und dem Libanon sind dabei. Im nächsten Jahr kommen der Irak und vielleicht Palästina dazu. Gerade diese Länder liegen oftmals nicht im Fokus westlicher Investoren und Unterstützer, deshalb wollten wir hier zuerst ansetzen.

Wie ist es zu der Idee gekommen, ein solches Netzwerk ins Leben zu rufen?
Helmi: Ich habe Herrn Professor Al-Ani im September 2016 auf einem Global Table der BMW Foundation Herbert Quandt in Tunesien getroffen. Als wir nebeneinander im Bus saßen, haben wir uns darüber ausgetauscht, welche Digitalisierungsprojekte es in Deutschland gibt. Ich wusste zunächst nur, dass das Thema überhaupt nicht in der Region präsent ist. Und so entstand peu à peu unsere Idee.

Ayad Al-Ani: Ich arbeite hier in Deutschland für große Unternehmen und Verwaltungen und begleite sie bei der digitalen Transformation. Dabei ist mir klar geworden, dass die Digitalisierung in Europa auch die arabische Welt beeinflussen wird: Zum einen werden sich die technologischen Veränderungen der Produktionsprozesse, etwa im Bereich des Maschinellen Lernens, auch auf die arabische Welt übertragen. Und zum anderen ändern sich dadurch die globalen Wertschöpfungsketten. Das Elektroauto und der Näh-Roboter etwa werden gravierenden Einfluss auf die arabische Zuliefererindustrie und den Textilsektor haben. Von diesen Veränderungen sind Millionen Arbeitsplätze betroffen.

Warum ist die Thematisierung der Digitalisierung aus Ihrer Sicht so bedeutend für die arabische Region?
Al-Ani: Die Digitalisierung ist ja sehr ambivalent. Einerseits bedeutet der digitale Wandel Demokratisierung und Zugang zu Ressourcen, die der Staat nicht mehr so steuern kann. Der Zugang zu Nachrichten, zu Möglichkeiten der Partizipation, aber auch zu Lerninhalten etwa hat sich dramatisch verbessert. Andererseits kann die Digitalisierung paradoxerweise aber auch zu einer Monopolisierung führen, weil Technologien wie Blockchain und Maschinelles Lernen zunächst teuer sind. Zudem entbrennt – wie überall auf der Welt – ein Kampf um die Datenhoheit. Übernehmen die arabischen Staaten das chinesische staatskapitalistische Modell oder schafft sich die Zivilgesellschaften Freiheiten? Die Weichen für die zukünftigen Gesellschaften werden jetzt gestellt.

Die arabischen Gesellschaften werden sich durch die Digitalisierung also fraglos verändern. Das ist natürlich ein Thema, das man sehr behutsam ansprechen muss: aber es wäre ja irrig zu glauben, dass die Unternehmen sich digitalisieren und die Gesellschaft dennoch so bleibt, wie sie ist. In diesem Zusammenhang ist die 4.0-Diskussion, so wie sie hier in Deutschland läuft, sehr interessant für die arabische Welt. Die Deutschen sehen die Digitalisierung als wirtschaftliche, aber auch gesellschaftliche Herausforderung. Die Amerikaner verstehen die Digitalisierung hingegen als rein ökonomische Aufgabe. Die wenigsten hierzulande wissen, dass viele Menschen aus der arabischen Welt auf die deutsche Arbeit-4.0-Diskussion blicken und herauszufinden versuchen, ob es Parallelen und Übertragungsmöglichkeiten gibt. Hier wollen wir mit unserem Netzwerk auch einen Beitrag leisten.

Wie ist es nach Ihrem ersten Treffen in Tunesien weitergegangen?
Al-Ani: Wir haben über Digitalisierung in der arabischen Welt und unsere Idee mit vielen Leuten aus der Region diskutiert – unter anderem auf einer Vorlesung im Deutschen Wissenschaftszentrum in Kairo – und mussten feststellen, dass die Akteure in der arabischen Welt häufig isoliert sind. Sie haben ihre Idee oftmals gegen Widerstände, die kultureller, politischer, wirtschaftlicher Art sind, durchsetzen müssen. Und um das zu tun, haben sie sich oft von ihrem Umfeld isolieren müssen. Das hat in der Regel gut funktioniert, um ihre Ideen voranzubringen. Aber jetzt ist es an der Zeit, diese einzelnen Akteure wieder zusammenzubringen, damit sie sich gegenseitig unterstützen können. Das ist deshalb so wichtig, weil sie in der arabischen Welt nicht die staatliche Unterstützung haben, die man in Europa bekommt. Sie leben in einem viel restriktiveren Umfeld. Die arabischen Regierungen beginnen gerade erst, das Thema für sich zu entdecken. Anstoß kommt also – wie meistens bei diesem Thema – von privaten bzw. zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Helmi: Die Menschen in der Region brauchen diese Vernetzung auf jeden Fall. Die Mobilität in der arabischen Welt ist sehr eingeschränkt; allein die Visaformalitäten sind oft schwierig. Und die Mauern werden immer höher. Der Austausch über Soziale Medien ersetzt nicht, dass man sich ab und an auch trifft. Vertrauensaufbau und tieferes Verständnis sind nur durch persönliche Begegnungen möglich. Wir wollten durch solche Treffen zeigen, dass trotz aller Hemmnisse die digitalen Akteure in der arabischen Welt in allen Sphären vertreten sind – sei es Kultur, Wirtschaft, Politik oder E-Partizipation. Und dass die Akteure den Vergleich mit ihren internationalen Kollegen nicht zu scheuen brauchen. Im Gegenteil: Wer es hier schafft, muss schon überdurchschnittlich gut sein.

Welche Rolle kann das Netzwerk dabei spielen?
Helmi: Wir versuchen mindestens einmal im Jahr ein regionales Treffen anzubieten. Zudem wollen wir in den einzelnen Ländern auch lokale Kooperationsmöglichkeiten aufbauen. Die Plattform soll natürlich auch im Bereich der Sozialen Medien aktiv werden. Gemeinsam mit internationalen Studentinnen und Studenten der Macromedia Hochschule hier in Berlin arbeiten wir zurzeit an einer interaktiven Webseite, die die einzelnen Akteure des Netzwerkes und ihre Projekte darstellt. Es soll auch eine Karte der digitalen arabischen Welt sein, in der etwa deutsche Unternehmen, NGOs oder Stiftungen erfahren, welche Facette der Digitalisierung sie mit welchem Ansprechpartner in der arabischen Welt thematisieren können.

Viele Effekte unserer Plattform sind auf den ersten Blick kleine Erfolge: Eines unserer Mitglieder haben wir über unser Projekt mit dem Verband Deutscher Unternehmerinnen vernetzt, sie hat jetzt einen deutschen Kooperationspartner. Ein anderes Netzwerkmitglied hat eine sehr große Konferenz im November in Ägypten konzipiert, und viele der Rednerinnen und Redner kommen aus unserem Netzwerk. Zudem bieten wir Mentoring und Coaching. Ich habe zum Beispiel eine jordanische Journalistin in Beirut kennengelernt, die in Tunesien lebt. Sie möchte in einer der benachteiligten Regionen in Tunesien die Journalistinnen und Journalisten zum Thema Online-Medien weiterbilden, um diesen benachteiligten Regionen eine Stimme in der Hauptstadt zu verleihen. Wir unterstützen sie gerade dabei, das Projektkonzept zu schreiben.

Al-Ani: Die Situation in den einzelnen Ländern ist natürlich sehr unterschiedlich. Was für das eine Land ein Problem ist, hat das andere schon gelöst. Im besten Fall ermöglicht das Netzwerk einen Austausch zwischen den arabischen Ländern, um wieder Kraft und Mut zu schöpfen. Marokko etwa ist führend beim Thema Künstliche Intelligenz. Im Libanon gibt es Leute, die richtungsweisend im Bereich der Cyber Security sind. Diese Erfahrungen gilt es zu multiplizieren.

Wie finanzieren Sie sich?
Al-Ani: Bislang haben wir das meiste selbst finanziert. Das Auswärtige Amt hat uns bei der Kickoff-Veranstaltung mit 40 Mitgliedern des engeren Netzwerkkerns in Beirut unterstützt - darüber haben wir uns sehr gefreut. Ansonsten stemmen wir es noch mit unseren eigenen Ressourcen. Wir suchen natürlich auch nach Partnern für die langfristige Zusammenarbeit. Diesen müssen wir selbstverständlich auch etwas anbieten können. Noch sind wir ganz am Anfang. Aber wir haben auch schon einiges erreicht: Gemeinsam mit dem Institute for Advanced Sustainability Studies aus Potsdam entwickeln wir ein Positionspapier über den Stand der Digitalisierung in der arabischen Welt, das wir auch mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH diskutieren werden. Wir haben bereits einige Veranstaltungen lanciert und unsere Mitglieder werden selbst zu Multiplikatoren, indem sie etwa auf der re:publica in Berlin und Thessaloniki auftreten, an tunesischen Regierungsberatungsgesprächen zur Digitalisierung teilnehmen und bei jordanischen Bildungsstrategien mitdiskutieren.

Ist die re:publica – die größte Konferenz zu den Themen Digitalisierung und Gesellschaft in Europa – ein Vorbild für Sie?
Helmi: Wir finden das Konzept der re:publica extrem interessant, weil es thematisch so vielfältig ist. Und wir diskutieren bereits mit den Veranstaltern der re:publica und dem Auswärtigem Amt, wie man die Idee eines solchen Formats in die arabische Welt übertragen kann. Wir planen unser eigenes Forum, das #DAN Forum, das von der re:publica und ähnlichen Veranstaltungen inspiriert ist, aber natürlich für die arabische Welt angepasst wird und eigenständig ist. Vernetzungen mit europäischen Plattformen und Formaten sind ebenfalls angedacht.

Wann könnte eine solche Konferenz erstmals stattfinden?
Al-Ani: Wenn alles nach Plan läuft: Anfang 2019.

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Das Interview führte:
Dr. Annette Kleinbrod

EZ-Scout der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Entsandt an: Bundesverband Deutscher Stiftungen

Telefon (030) 89 79 47-83

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