Der deutsche Stiftungssektor steht vor einem strukturellen Wandel. Während die Zahl der rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts Ende 2025 auf 27.082*1 gestiegen ist, erreichten die privaten Geldspenden in Deutschland 2025 mit 4,649 Milliarden Euro den niedrigsten Stand seit 2019*2. Der Rückgang von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr ist keine konjunkturelle Delle, sondern Ausdruck einer längerfristigen Erosion der Spendenbasis.
Die Reichweite schwindet, nicht die Bereitschaft
Entscheidend ist die Zusammensetzung des Rückgangs. Die Spenderreichweite liegt bei nur noch 24,1 Prozent der Bevölkerung, ein Minus von 850.000 Personen gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Durchschnittsspende auf ein Rekordniveau von 46 Euro. Ein kleinerer Kreis gibt also mehr, während die Breite wegbricht. Besonders betroffen sind nicht-humanitäre Zwecke: Kinder- und Jugendhilfe verlor 14,6 Prozent, Kirche und Religion 18,2 Prozent. Soziale Strukturarbeit verliert im Wettbewerb um Aufmerksamkeit gegen Krisenspenden*3.
Die makroökonomische Lage verstärkt diesen Trend. Bei einer Sparneigung von 18,7 Prozent im Dezember 2025 und einem privaten Geldvermögen von 9,389 Billionen Euro im dritten Quartal 2025 ist Geld grundsätzlich vorhanden*4. Nicht die Ressourcen fehlen, sondern die Bereitschaft zum Geben in einem Klima wirtschaftlicher und geopolitischer Verunsicherung.
Vier Instrumente, vier Wirkungslogiken
Für Stiftungen bedeutet das: Eine einseitige Abhängigkeit von Spenden ist strukturell riskant geworden. Gemeinnützigen Organisationen stehen vier etablierte Instrumente der Mittelmobilisierung zur Verfügung, die sich in Wirkungslogik und Zielgruppe grundlegend unterscheiden.
Die Spende ist das bekannteste Instrument. Sie mobilisiert schnell, wirkt unmittelbar und hat niedrige Einstiegshürden. Sie stärkt aber weder Kapitalbasis noch Ertragskraft und bleibt konjunktur- wie saisonabhängig.
Die Zustiftung fließt dauerhaft in das Grundstockvermögen und stärkt die langfristige Ertragskraft der Stiftung. Sie ist steuerlich attraktiv, setzt aber höhere Kapitalvolumina voraus und erfordert bei den Zuwendenden die Bereitschaft zu dauerhafter Bindung.
Das Stifterdarlehen ist die Brücke zwischen Spende und Zustiftung. Als befristete, meist zinslose Kapitalüberlassung erlaubt es ein „Stiften auf Probe": Die Gebenden können ihr Kapital unter den vereinbarten Bedingungen jederzeit zurückfordern, anders als bei einer Zustiftung, bei der das übertragene Vermögen dauerhaft in das Grundstockvermögen übergeht und kein Rückrufrecht besteht. Für Stiftungen mit glaubwürdiger Wirkungsgeschichte ist das Stifterdarlehen ein wirkungsvolles Einstiegsinstrument in langfristige Förderbeziehungen, weil die niedrigere Bindungshürde den Weg in eine spätere Zustiftung ebnet.
Kapitalerträge aus dem Stiftungsvermögen sind das am meisten unterschätzte Instrument. Sie sind planbar, unabhängig von Dritten und skalieren mit der Zeit. Voraussetzung ist ein professionell angelegtes Grundstockvermögen.
Der blinde Fleck: die eigene Anlagepolitik
Hier liegt die vielleicht größte Chance und zugleich das strukturelle Problem. Nach Erhebungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen legen über 50 Prozent der gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland ihr Organisationsvermögen überwiegend in Festgeld und Bankeinlagen an*5. Bei einem Stiftungskapital von rund 110 Milliarden Euro entstand so allein 2024 ein inflationsbedingter realer Vermögensverlust in Milliardenhöhe. Das ist nicht nur ökonomisch ineffizient, sondern mit dem stiftungsrechtlichen Gebot des Kapitalerhalts (§ 83c BGB) kaum vereinbar.
Ein diversifizierter, kapitalmarktorientierter Anlageansatz, der stabile Anlagen mit einer angemessenen Aktienquote kombiniert, schafft die Grundlage für realen Werterhalt und planbare Erträge. Die Business Judgement Rule (§ 84a BGB) schützt Organmitglieder bei solchen Entscheidungen, sofern diese informiert, dokumentiert und zum Wohle der Stiftung getroffen werden.
Kommerzialisierung als ergänzende Strategie
Neben der Eigenfinanzierung über Kapitalerträge gewinnen unternehmerische Ansätze an Bedeutung. Merchandise und Third-Sector-Branding, die Lizenzierung eigener Konzepte oder die Ausgründung einer gGmbH können zusätzliche Einnahmeströme erschließen und die öffentliche Sichtbarkeit einer Stiftung erhöhen. Steuerrechtlich ist dabei die Sphärentheorie zu beachten. Die Trennung zwischen ideellem Bereich, Vermögensverwaltung, Zweckbetrieb und wirtschaftlichem Geschäftsbetrieb muss organisatorisch und buchhalterisch sauber abgebildet werden. Eine fachliche Beratung vor Aufnahme kommerzieller Aktivitäten ist unerlässlich, ebenso die ehrliche Prüfung, ob die erforderliche unternehmerische Kompetenz vorhanden ist oder aufgebaut werden muss.
Fazit: Vier Instrumente im strategischen Zusammenspiel
Keine Finanzierungsform wirkt allein optimal. Die Zukunftsfähigkeit gemeinnütziger Stiftungen hängt davon ab, wie bewusst sie Spende, Zustiftung, Stifterdarlehen und Kapitalerträge als vier komplementäre Instrumente denken und strategisch kombinieren. Die saisonale Abhängigkeit vom Spendenmarkt aktiv zu reduzieren, das Stifterdarlehen als niederschwelligen Einstieg in langfristige Förderbeziehungen zu nutzen, die eigene Anlagerichtlinie kritisch zu überprüfen und unternehmerische Ergänzungen dort zu erwägen, wo sie zur Mission passen, sind die zentralen Stellhebel der kommenden Jahre. Wer Wirkung langfristig sichern will, braucht eine breitere, resilientere Finanzierungsbasis als in den vergangenen Jahrzehnten.
Die SozialBank als Partner
Als Branchenexperte steht die SozialBank gemeinnützigen Stiftungen bei der Weiterentwicklung ihrer Finanzierungsbasis zur Seite: mit professioneller Fundraisingberatung, der Begleitung von Stifterdarlehen und allen Belangen rund um die Anlage des Stiftungsvermögens.
*1 Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V.
*2 YouGov Charity Individual / Deutscher Spendenrat, Bilanz des Helfens 2025
*3 YouGov Charity Individual / Deutscher Spendenrat, Bilanz des Helfens 2025
*4 YouGov Charity Individual / Deutscher Spendenrat, Bilanz des Helfens 2025
*5 Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V.
Ansprechpartner
Ferdinand Gosch
Berater Nachhaltige Geldanlage & Strategie / Kundenwertpapiergeschäft
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