Handelsblatt print: Nr. 138 vom 20.07.2016 Seite 27 / Meinung
 
GASTKOMMENTAR

Neue Kraft der Stiftungen

Stiftungen müssen umdenken und zu unternehmerisch denkenden Risiko-Finanzierern werden, fordert Felix Oldenburg
 
Stiftungen – sind das nicht die mit dem großen Nullzins-Problem? Manche könnten meinen, die Zeit der Stiftungen ist angesichts fehlender Zinserträge vorbei. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur, weil es weiter Hunderte Stiftungsgründungen pro Jahr gibt und es einigen Stiftungen finanziell überraschend gutgeht, gerade wenn sie weniger am Kapitalmarkt und direkter an der Realwirtschaft beteiligt sind. Sondern auch, weil Stiftungen, die sich bisher auf vermeintlich sichere Kapitalmarktanlagen verlassen haben, in den kommenden Jahren umdenken werden.
 
Im gesamten Sozialsektor haben wir in unseren Regeln, Institutionen und Köpfen eine Trennung zwischen Ideen, die zum Wohle Einzelner wachsen und für die wir Investitionen mit Rendite erwarten, und Ideen, die zum Wohle aller verfolgt werden und die wir mit Spenden unterstützen. Die meisten bahnbrechenden Ideen liegen aber nicht nur auf der einen oder auf der anderen Seite.
 
Milliardenmärkte entstehen immer häufiger aus Ideen, die gesellschaftliche Probleme lösen: Sharing-Economy, für alle frei zugängliche Online-Bildung und Fair Trade. Weitere Beispiele entstehen immer schneller. Wo die sozialreformerische Idee von Raiffeisen noch eine Generation brauchte, passen die Ideen der Raiffeisens des 21. Jahrhunderts in den Investitionshorizont kluger sozialer Investoren.
 
Das Umdenken in der Nullzins-Krise besteht darin, Stiftungen auch zu unternehmerisch denkenden Risikofinanciers eines unternehmerisch denkenden Sozialsektors zu machen. Der Weg dahin: Förderzweck und Vermögensanlagen zusammendenken. Dabei sind viele Zwischenformen und Wirkungsketten möglich.  Momentan ist davon einiges nur denkbar und nicht möglich, weil Politik wie Aufsichts- und Finanzbehörden in den kommenden Jahren diesen Weg erst frei machen müssen.
 
100 Prozent Stiftungswirkung ist mehr als xProzent Rendite, die zu 100 Prozent Förderung wird. Das kann die wahre Gleichung des Stiftungshandelns werden. Der erste Schritt auf diesem Weg sind Divestments - die Rockefeller-Stiftung hat es mit ihrem Kohle-Exit vorgemacht - und Responsible Investments, also das Investieren ohne soziale Nebenwirkungen. Der nächste ist dann Impact Investing, also das Investieren mit Förderwirkung.
 
Setzten Stiftungen ihre Vermögen in Höhe von weit mehr als 100 Milliarden Euro nur in Teilen so ein, entstünde ein dickes Plus für die Gesellschaft unter dieser Gleichung.
 
Der Autor ist Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und leitete zuvor Ashoka in Deutschland und Europa.

Zur Person

Felix Oldenburg beginnt am 19. April 2016 als Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der 39-jährige Pionier für Social Entrepreneurship arbeitete zuletzt als Europa-Direktor von Ashoka in Berlin sowie in Brüssel. Daneben gründete er u.a. die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship GmbH (FASE). Zuvor war Oldenburg mehrere Jahre leitend für die Berliner Denkfabrik IFOK und für McKinsey & Company, London, in der Strategieberatung tätig. Er hat Philosophie, Politik- und Musikwissenschaften in Bonn, Tübingen und Oxford studiert. An der Georgetown University absolvierte Oldenburg einen Executive Master in Policy Management. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Berlin.