"Das Möglichkeitenfenster ist weit offen"

StiftungsWelt: Herr Oldenburg, Sie haben sechs Jahre für das  internationale Fördernetzwerk Ashoka gearbeitet. Die 1980 gegründete Organisation fördert in über 80 Ländern mehr als 3.000 Sozialunternehmer. Wer hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Felix Oldenburg: Das fällt mir sehr schwer. Was für ein Privileg, so viele Menschen mit einzigartigen Begabungen zu verbinden: Den Großmut von Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi, der Kindersklaven direkt aus Fabriken befreit – und die Industriebosse an den Tisch holt. Die Vision von Jimmy Wales, der mit der Wikipedia das nach investierten Stunden größte Werk der Menschheitsgeschichte geschaffen hat. Die Konsequenz von Ursula Sladek, deren Elektrizitätswerke Schönau vom Schildbürgerstreich zum Vorbild der Energiewende wurden. Den Humor von Raul Krauthausen, der aus dem Rollstuhl zeigt, wie behindert wir im Umgang mit Behinderung sind. Aber auch: Alles nur Menschen. Heldenverehrung bringt nichts.

Welche Erfahrungen aus dieser Zeit werden Ihnen in Ihrer neuen Position helfen?
Die meisten fangen mit nichts an. Und die erfolgreichsten sind oft nicht diejenigen, die am meisten Geld auftreiben – sondern diejenigen, die Ressourcen finden, für die sie nicht bezahlen müssen. Ich hoffe, davon kann ich etwas in meine neue Rolle mitnehmen. Und von dem Mut, der erforderlich ist, um Ideen zu formulieren, deren Zeit erst noch kommt. Die Herausforderung liegt ja darin, dass man das vorher nicht weiß. Ich glaube, wir erleben gerade eine Zeit, in der es inmitten der Unsicherheit plötzlich viel Raum gibt für mutige Lösungen, für Kooperationen über alte Grenzen hinweg. Das Möglichkeitsfenster ist weit offen für Stiftungen.

Soziale Innovationen waren bisher Ihr Thema. Wie sehen Sie die Rolle von Stiftungen?
Genau diesen Mut zu finden und zu fördern. Stiftungen sind dabei einzigartig kraftvolle Akteure, weil sie dort Mut zur Veränderung unterstützen können, wo niemand anders darauf wetten würde. Aus meinem bisherigen Blickwinkel konnte ich erleben, wie viele Stiftungen hier durch die Instrumente der Venture Philanthropy noch kompetenter geworden sind. Mit rückzahlbaren Finanzierungen könnten viele Stiftungen noch mehr mit ihren Mitteln erreichen. Innovation ist aber kein Selbstzweck. Oft ist Erhalten genauso wichtig. Stiftungen können auch gegen den Zeitgeist Erreichtes vor zerstörerischer Veränderung retten. Diese eigentlich nachhaltige Balance zwischen Verändern und Bewahren spiegelt sich ja schon in der Grundstruktur der Stiftung.

Sie haben zunächst bei McKinsey & Company, London, Unternehmen strategisch beraten. Was bewog Sie dazu, anschließend das Sozialunternehmertum zu fördern?
Interessant, dass diese Frage so oft in Interviews gestellt wird. Prägender waren für mich die Erfahrungen des eigenen Start-ups und die vielen Jahre danach, in denen ich Beteiligungsverfahren für Bürger organisiert habe, vom regionalen Naturschutzprojekt bis zur europäischen Zukunftsdebatte parallel in allen EU-Ländern. Das war eine große Schule in Moderation und Diplomatie – und dem Respekt vor der brillanten Idee, die oft aus den unwahrscheinlichsten Ecken kommt.

Für Ihre Europäischen Bürgerkonferenzen gab es 2007 den Deutschen PR-Preis. Sie haben viele Jahre in Brüssel und London gelebt. Sehen Sie sich als Europäer?
Europäer zuerst! Und es kann doch nicht sein, dass wir einen europäischen Binnenmarkt für Waren und Dienstleistungen haben, aber so wenig gute soziale Ideen, die es über eine Grenze schaffen. Stiftungen haben hier eine Schlüsselrolle – gerade in Zeiten neuer Gefahren für den europäischen Geist.

Was reizt Sie jetzt an einer Tätigkeit für das Stiftungswesen?
Für fast alle großen Vorhaben, an denen ich selbst beteiligt war, habe ich Unterstützung von Stiftungen erfahren. Ich verdanke ihnen viel. Für mich fühlt sich der Wechsel gar nicht so radikal an. Viele Themen nehme ich mit, kenne sie aber eher aus der Perspektive der Empfänger und privater Unterstützer, vor allem Unternehmer, die oft in der Stiftungsszene noch nicht zu Hause sind. Jetzt habe ich die Chance, die Sichtweisen zusammenzuführen.

Das Magazin CAPITAL führte Sie dreimal in der Liste "Deutschlands Top 40 unter 40". Wovon wird der Bundesverband profitieren?
Das können wir in einem Jahr besprechen, wenn ich endlich auf die Ü40-Partys darf. Meine relative Jugend erledigt sich jedenfalls mit der Zeit ganz von selbst.

Sie haben Philosophie, Politik und Musikwissenschaften studiert. Bringen Sie eine andere Herangehensweise mit als z.B. ein Jurist?
Fast wäre ich meinem Vater in der Juristerei gefolgt. Aber zum Glück gibt es bereits viele brillante Juristen im Bundesverband. Ob das am Studium liegt, weiß ich nicht, aber ich interessiere mich für den Beginn von Ideen, lang bevor sie unsere Gesellschaft so gestalten, dass sie rechtlich gefasst werden müssen.

Bitte zitieren Sie Ihren Lieblingsphilosophen!
Nicht originell, aber Kant hat mich durch mein Studium begleitet: „Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“ Ein Bild mit demselben Titel hängt übrigens über meinem Schreibtisch, gemalt von einem Maler auf Föhr, wo ich in meiner Kindheit gelebt habe.

Sie haben für Ashoka zuletzt bis zu 4 Millionen Euro im Jahr an Spenden eingeworben und noch einmal ein Vielfaches an Pro-bono-Leistungen. Wie ist Ihnen das gelungen?
Nicht mir. Jeder Zweite im Team hat zuletzt eigene Fundraisingerfolge gehabt! Ein Schlüssel ist nach meiner Erfahrung, den ganzen Menschen und nicht nur sein Geld wertzuschätzen. Und was enorm hilft: Wir hatten die richtigen ersten Fürsprecher.

Wie ist Ihr Fundraisingtipp für Stiftungen?
Was ich den Social Entrepreneurs immer sage: Überlegt zuerst, ob und wofür ihr wirklich Geld braucht. Oft lässt sich Wachstum auch anders denken. Dann: Überlegt, welches Geld ihr braucht. Öffentliche Hand, Unternehmen, Stiftungen, Privatleute, Investoren funktionieren sehr unterschiedlich als Geldgeber. Und zuletzt: Überlegt, wie teuer das Geld sein darf. Beim Fundraising geht es nicht um möglichst viel Geld, sondern um das richtige.

Zu Ihren Partnern zählten bereits die BMW Stiftung Herbert Quandt, die Haniel Stiftung, die HIT-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung, die Schweisfurth Stiftung, die Werhahn Stiftung und die Siemens Stiftung. Sind Sie gut im Stiftungswesen vernetzt?
Nach der Entscheidung des Vorstands des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen habe ich spontan viele Dutzend E-Mails aus Stiftungen bekommen, die sich mit mir gefreut haben. Ich hoffe, ich kann wenigstens einige der Erwartungen erfüllen.

Für die Studienstiftung haben Sie 2008 eines der ersten sozialen Netzwerke in Deutschland, das Daidalosnet, mit aufgebaut. Sie twittern unter @foldenburg. Welche Bedeutung hat Social Media für Sie?
Man muss nicht auf jeder Party tanzen. Facebook zum Beispiel benutze ich nur privat, und viele andere Dienste gar nicht. Aber grundsätzlich fasziniert mich das Versprechen einer Technik, die jeden auf der Welt zu fast null Transaktionskosten mit jedem verbindet. Auch wenn sie manchmal das Gegenteil erreicht.

Wie schaffen Sie als Vater von zwei Kindern die Balance zwischen Familie und Beruf?
Ich trenne nicht so strikt. Gespräche an der Sandkiste können sehr effektiv sein. Unsere Generation hat es in der Hand zu beweisen, dass wir das eine nicht gegen das andere – oder gegen andere – ausspielen müssen.

Wofür können Sie sich privat begeistern?
Meine zwei kleinen Kinder. Musik. Bücher. Schach. Und kürzlich habe ich die Gartenarbeit entdeckt.

Haben Sie ein ungewöhnliches Hobby?
Die meisten geben es ja nicht zu: Computerspiele. Unfassbar, wie gut viele inzwischen sind.

Was bringt Sie auf die Palme?
Pedanterie. Eine schönen etymologischen Bezug habe ich gerade in der Wikipedia gefunden: "Engherzigkeit".

Beim Verband kommen Sie in ein 50-köpfiges Team. Was möchten Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit auf den Weg geben?
Wir leben in einer unglaublichen Zeit. Trotz aller Herausforderungen: Nie zuvor gab es so viele Menschen mit so viel Zeit, Gesundheit, Bildung, Mobilität wie heute. Für jede und jeden, der Gutes tun möchte, ist die Schlüsselfähigkeit, andere mitzunehmen. In der Geschäftsstelle sind wir nur wenige, aber ich hoffe, dass es uns gelingt, uns als Teil verzweigter Netzwerke zu sehen, die wir mit Ideen und Begeisterung aktivieren können – auch über die heutigen Grenzen des Stiftungssektors hinweg. Wir sind nicht 50. Jede und jeder ist viel mehr.

Interview: Timon Kronenberg
Zuerst erschienen in der StiftungsWelt 01-2016.

Zur Person

Felix Oldenburg beginnt am 19. April 2016 als Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der 39-jährige Pionier für Social Entrepreneurship arbeitete zuletzt als Europa-Direktor von Ashoka in Berlin sowie in Brüssel. Daneben gründete er u.a. die Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship GmbH (FASE). Zuvor war Oldenburg mehrere Jahre leitend für die Berliner Denkfabrik IFOK und für McKinsey & Company, London, in der Strategieberatung tätig. Er hat Philosophie, Politik- und Musikwissenschaften in Bonn, Tübingen und Oxford studiert. An der Georgetown University absolvierte Oldenburg einen Executive Master in Policy Management. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Berlin.