Obdachloser Stadtschreiber: Bloggen über das Leben auf der Straße

Franziskustreff-Stiftung
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Für viele obdachlose und notleidende Menschen ist der Franziskustreff im Kapuzinerkloster Liebfrauen ein wichtiger Ort. Hier, mitten in der Frankfurter Innenstadt, bekommen sie ein Frühstück, finden Ansprechpartner, die in sozialen Fragen beraten und einfach auch mal zuhören, wenn Sorgen und Ängste schwer auf der Seele lasten. Im Zusammenhang mit seinem 25-jährigen Jubiläum hat der Franziskustreff jetzt einen Internet-Blog gestartet, auf dem Obdachlose darüber schreiben können, was sie bewegt. "Wer obdachlos ist, verstummt," sagt Bruder Paulus, Vorstand der Franziskustreff-Stiftung. Es schmerze täglich, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Familie und ohne die alten Freunde zu sein: "Bis einer wieder Vertrauen gewinnt, neue Kontakte knüpft und mit dem Reden beginnt – das braucht Zeit. Und gute Gelegenheiten."

Wie fühlt ein Obdachloser? Wie sieht er seine Umwelt?

Die Vorbereitungen für den Blog begannen bereits im März: "Wir haben unsere Gäste eingeladen, ihre Beobachtungen aufzuschreiben", erzählt Birgitta Spiller-Barbaric. Die Sozialpädagogin, die im Franziskustreff in der Sozialberatung tätig ist, ist immer wieder beeindruckt von den Hobbys, den Interessen und dem Wissen der Obdachlosen und Notleidenden. "Es wäre schön, wenn durch den Blog noch mehr Menschen davon erfahren, wie jemand denkt und fühlt, der auf der Straße lebt. Was ihn ärgert oder bedrückt. Worüber er sich freut", sagt Birgitta Spiller-Barbaric.

Die Sozialpädagogin betont, dass der Blog "Obdachloser Stadtschreiber" ein offenes, ein freiwilliges Angebot für die Menschen im Franziskustreff ist. Wer zu Stift und Block greift, notiert seine Gedanken so, wie sie ihm in den Kopf kommen. "Die Texte werden nicht von uns redigiert oder korrigiert. Es gibt keine Vorgaben, wie lang oder kurz die Beiträge sein müssen", erklärt sie.

Worte finden für Schicksale

Seit Ende Juni sind nun die ersten Blogeinträge auf der Website des Franziskustreffs zu lesen. H.-J. Rausch zum Beispiel schreibt über seine Kindheit, seine Krankengeschichte und die Kränkungen, denen er als Obdachloser häufig ausgesetzt ist: "Wenn ich durch die Stadt laufe, bekomme ich oft gesagt: 'Hau doch ab, du Krüppel'." Die Worte treffen ihn. Die Worte treffen den Leser. Rudi wiederum erzählt von seinem Weg zu Gott – sein unerschütterliches Vertrauen berührt. Hans bezeichnet seinen Alltag als eintönig und schreibt: "Als Obdachloser wird man in unserer Gesellschaft zu wenig beachtet." Doch statt sich verärgert über diesen Missstand zu äußern, fährt er dankend fort: "Aber es gibt auch einige Menschen, die sich um uns kümmern."

Menschen wie Birgitta Spiller-Barbaric oder die Kapuziner, die den Franziskustreff in Frankfurt leiten. "Ich merke, dass sich unsere Gäste freuen, wenn andere an ihrem Leben Interesse haben", erzählt die Sozialpädagogin. "Gleichzeitig erlebe ich aber oft, wie unsicher viele Erwachsene sind, weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie einem Obdachlosen begegnen. Weil sie Scheu haben, ihn anzusprechen."

Der Blog ist eine Chance: für die Notleidenden, die hier eine Plattform finden, wo sie sich schonungslos offen den anderen mitteilen können. Aber auch für den Rest der Gesellschaft. Vielleicht kann er sogar einen kleinen Teil dazu beitragen, die Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, wieder zurück zur Mitte zu holen. Reinlesen lohnt sich in jedem Fall!

Kontakt

Paulus Terwitte

+496929729618

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