Seit 30 Jahren im Einsatz für die Karl Kübel Stiftung

Karl Kübel Stiftung
Ralf Tepel arbeitet seit 1990 bei der Karl Kübel Stiftung, seit 2006 gehört er dem Vorstand an.

Ralf Tepel vom Vorstand der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie ist zuständig für den Bereich Entwicklungszusammenarbeit. Anfang Januar feierte er sein 30-jähriges Dienstjubiläum. Im Interview erzählt er, welche Momente ihm bislang in besonderer Erinnerung geblieben sind und was sich seit 1990 in der Stiftung gewandelt hat.

Wie kamen Sie vor 30 Jahren zur Karl Kübel Stiftung?

Ralf Tepel: Ich habe damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Südasienbüro in Dortmund gearbeitet. Dort bin ich in einem Rundbrief zufällig über die Stellenausschreibung „Sachbearbeiter für Indien-Projekte“ gestolpert. Auf diese Chance hatte ich gewartet, das wollte ich immer machen: Projekte in Indien aufbauen. Während meines Geografie-Studiums hatte ich in Indien für meine Diplomarbeit recherchiert, seitdem habe ich ein Faible für dieses Land.

Sie haben den Stifter Karl Kübel noch persönlich kennengelernt, welche Erinnerung haben Sie an ihn?

Tepel: Ich traf ihn zum ersten Mal im Zuge meines Vorstellungsgesprächs. Dr. George Arickal, einer der damaligen Geschäftsführer der Stiftung, fuhr direkt nach unserem Gespräch in Bensheim mit mir zu Herrn Kübel auf die Tromm. Er empfing uns in einem einfachen Wohnbereich im Souterrain des Hauses, wo er von Büchern und Zeitungen umgeben war. Herr Kübel stellte mir wenige, aber sehr präzise Fragen zu meinem Werdegang, insbesondere zu meinen Erfahrungen in Indien. Als wir wieder im Auto saßen, eröffnet mir Dr. Arickal, dass ich wohl gerade eingestellt worden war.

Ich habe Herrn Kübel immer als einen bescheidenen Menschen erlebt. Ihm ging es bei der nach ihm benannten Stiftung nicht darum, seinen Namen in die Welt zu tragen, sondern darum Menschen zu unterstützen und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, stets nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Wie hat sich die Karl Kübel Stiftung in den zurückliegenden 30 Jahren entwickelt?

Tepel: Die Stiftung ist in dieser Zeit stark gewachsen. Es gibt heute drei Bildungsinstitute, viel mehr Projekte und Mitarbeiter*innen. Die Zahl der Beschäftigten allein am Standort Bensheim hat sich etwa verdreifacht. Auch die Länder, in denen wir aktiv sind, haben sich verändert. Nachdem die Projektarbeit in Indien vorangetrieben worden war, folgten ab 1996 erste Kooperationen auf den Philippinen. Ende 1999/Anfang 2000 kam unter dem Eindruck des Kosovo-Krieges die Projektarbeit im Kosovo hinzu. Später erweiterte sich die Projektarbeit auf Nepal, Myanmar, Äthiopien und zuletzt Tansania. Ab Mitte der 90er Jahre wurde die entwicklungspolitische Bildungsarbeit in die Arbeit der Stiftung integriert, 2008 kam dann der entwicklungspolitische Entsendedienst „weltwärts“ hinzu. In der Inlandsarbeit hat sich insbesondere seit 2007 die Projektarbeit weiter fortentwickelt, um Eltern in ihren Kompetenzen zu stärken, damit sie ihre Kinder liebevoll umsorgen und fördern können. 2009 wurden zum Beispiel die ersten Drop In(klusive) gegründet, inzwischen gibt es mehr als 100 dieser Eltern-Kind-Treffpunkte in Hessen. 

Was hat sich in der Entwicklungszusammenarbeit getan?

Tepel: Hier hat sich über die Jahrzehnte einiges geändert, denn die Projekte haben zu Beginn meiner Tätigkeit noch weniger Eigenleistungen von den Menschen eingefordert. Heute werden Programme zur Einkommensförderung fast ausschließlich als Kleinkreditprogramme konzipiert, das bedeutet es gibt kaum noch Zuschüsse, sondern meist rückzahlbare Kredite. Außerdem arbeiten unsere Partner vermehrt als „Brückenbauer“, das heißt sie ermöglichen den Menschen den Zugang zu den verfügbaren staatlichen oder privaten Unterstützungsprogrammen, die es in den Partnerländern vielfach gibt. Mangel an Wissen über diese Möglichkeiten und auch Korruption verhindern allerdings oftmals den Zugang. Die Arbeit vieler unserer Partnerorganisationen hat sich von einem in der Vergangenheit stärker karitativ geprägten Ansatz hin zu einem mehr menschenrechtsorientierten Ansatz entwickelt, der es den Menschen ermöglicht, selbst ihre Rechte innerhalb der Gesellschaft einzufordern und zu vertreten.

Was ist Ihnen in der Entwicklungszusammenarbeit wichtig?

Tepel: Dass wir nie den Blick für den Menschen verlieren. Administrative Prozesse und Anforderungen, die einerseits wichtig und gerechtfertigt sind, um die Verwendung von Stiftungsgeldern, öffentlichen Mitteln und Spendengeldern nachzuweisen, nehmen zunehmenden Raum ein. Dabei müssen wir aufpassen, dass bei aller Bürokratie und Verwaltung der Kern unserer Arbeit, der Blick auf die Entwicklung des Menschen, insbesondere von Kindern und Familien, nicht verloren geht. Hier die richtige Balance zu finden, ist mir wichtig und dafür setze ich mich auch in den Verhandlungen mit Gebern und Ministerien ein.

Welche Pläne hat die Stiftung in der Entwicklungszusammenarbeit?

Tepel: Derzeit bauen wir unser Engagement in Afrika aus. Das ist uns wichtig, um insbesondere der Jugend dort Chancen zu eröffnen. Wir wollen mit unserer Arbeit vor Ort Perspektiven schaffen, Bildungschancen verbessern, qualifizierte berufliche Bildung anbieten und konkrete Einkommensmöglichkeiten vor Ort schaffen. Das haben wir in Äthiopien erfolgreich begonnen und wir werden unsere Arbeit schrittweise auf die Nachbarländer ausweiten. Qualifizierte Bildung und Ausbildung ist auch dort eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe am wirtschaftlichen und politischen Fortschritt.

Gibt es besondere Momente oder Ereignisse, an die Sie sich gern erinnern.

Tepel: Es gibt viele Momente, die ich sicher nie vergessen werde. Die Bilder der Tsunami-Katastrophe in Indien, die Gespräche und Begegnungen in den ersten Nachkriegstagen im Kosovo, die Zerstörungen nach dem Taifun Haiyan auf den Philippinen oder nach den verheerenden Erdbeben in Nepal. Das sind Momente, an die man sich vielleicht nicht gerne erinnert, die einem aber zeigen, dass man zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen hat, um dort tätig zu werden, Signale der Solidarität und des gemeinsamen Wiederaufbaus zu setzen.

Es sind aber auch die vielen Begegnungen mit Menschen, deren Lebensweg wir über viele Jahre hin begleiten und ein wenig mitgestalten durften. Viele der ehemaligen Kinderarbeiter, die unsere Brückenschulen besucht haben, sind heute selbstbewusste, verantwortungsvolle Menschen, die zum Beispiel als Schulleiter, Krankenschwestern, Wirtschaftsprüfer oder Ingenieure tätig sind und schon eine eigene Familie gegründet haben.

Was treibt Sie bei Ihrer Arbeit an?

Tepel: Wir, und damit meine ich alle Mitarbeitenden der Stiftung, haben einen wunderbaren Arbeitsplatz und Auftrag, Menschen insbesondere Kinder dabei zu begleiten, ihr Schicksal und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, zu gestalten, teil zu haben an der Gesellschaft, der Entwicklung und Zukunft. Und wir nehmen uns die Zeit, Menschen langfristig auf diesem Weg zu begleiten. Das ist wohl ein besonderes Kennzeichen der Stiftung, sich langfristig in Projekten zu engagieren. Als sehr schön und motivierend erlebe ich auch das gute Miteinander in der Stiftung.