Digitale Hilfe für Mutter und Baby

Klaus Tschira Stiftung gGmbH

Tübingen/Heidelberg. Die Corona-Pandemie setzt werdende Eltern unter Stress. Deshalb ist das Pilotprojekt des Universitätsklinikums Tübingen besonders wichtig. Harald Abele, Professor an der Abteilung Hebammenwissenschaften, und sein Team haben sich etwas einfallen lassen: Online-Beratung für Schwangere und Wöchnerinnen. Die ersten Erfahrungen des von der Klaus Tschira Stiftung mit einer Anschubfinanzierung für die digitale Plattform ermöglichten Projektes sind rundum positiv – und werden Kreise ziehen.

Im Interview beschreiben Harald Abele sowie die Hebamme und Stillbeauftragte des Klinikums, Barbara Müllerschön, wie die Idee entstand und welche Erfahrungen bereits gesammelt wurden.

Wie kam es zur Idee?

Harald Abele: Es sind zwei Faktoren zusammengekommen. Zunächst besteht schon seit einiger Zeit ein Problem mit der Hebammenbegleitung in strukturschwachen Gebieten. Dann kamen die aufgrund der Corona-Pandemie erforderlichen strengen Hygieneregeln und die damit einhergehenden Verunsicherungen hinzu, die eine Begleitung der Schwangeren und Wöchnerinnen mit ihren Neugeborenen erschwert haben. Hier galt es, ein niederschwelliges Angebot zu schaffen, um den Bedarf aufzufangen und im Rahmen eines Pilotprojektes neue Wege zu gehen.

Wie war die Ausgangssituation?

Barbara Müllerschön: Die Ausgangssituation war unübersichtlich. Niemand hatte sich je Gedanken gemacht, wie die Versorgung in einer Pandemie, die das Gesundheitssystem so stark belastet, aussehen kann. Die üblichen Geburtsvorbereitungskurse konnten ganz plötzlich nicht mehr angeboten werden. Stillgruppen, Väterabende, Informationsveranstaltungen wie beispielsweise die Kreißsaalführungen wurden von heute auf morgen untersagt. Zudem gab es Besuchsverbote in allen Kliniken. Aber wir als Hebammen und Geburtshelfer hatten keine Berührungsängste und haben die Chance beim Schopf ergriffen.

Harald Abele: Die Situation hat das geburtshilfliche Team vor große Herausforderungen gestellt. Plattformen zur telemedizinischen Betreuung sind noch längst nicht flächendeckend in den klinischen Alltag und die ambulante Versorgung der Patientinnen integriert. Wir konnten hier dankenswerterweise in Tübingen und Heidelberg von unseren Vorerfahrungen des Projektes „Mind:Pregnancy“ profitieren, welches telemedizinische Elemente bei der psychologischen Betreuung von Schwangeren nutzt.

Was macht die Corona-Krise so besonders?

Barbara Müllerschön: Schwangere und Wöchnerinnen möchten das Beste für ihr Neugeborenes. Besonders schwierig ist die unzureichende Datenlage, um Aussagen im Hinblick auf die Sicherheit von Mutter und Kind in dieser Zeit der Pandemie machen zu können. Der Rückzug in das häusliche Umfeld und die damit verbundene Isolation führen außerdem dazu, dass Fragen unbeantwortet bleiben. Dies führt zu Ängsten und Unsicherheiten, die wiederum den Prozess der Geburt und den Verlauf im Wochenbett beeinflussen, wenn der Zugang zu fachlichem Rat erschwert ist. Vielfach müssen sich auch die Eltern der Wöchnerinnen isolieren, so dass die familiären Strukturen nicht da sind, um das Problem abzufedern. Und dann kommt noch dazu, dass die Besuchsmöglichkeiten im klinischen Umfeld stark eingeschränkt werden mussten.

Welche Erfahrungen konnten Sie bereits im Projekt machen?

Harald Abele: Ein erster Pilot ist im Perinatalzentrum Tübingen, das einen großen Einzugsbereich hat, bereits in Betrieb. Mit Unterstützung der Klaus Tschira Stiftung konnte eine niederschwellige Online-Hebammensprechstunde etabliert werden. Wöchnerinnen können sich bei Fragen über ein Online-Formular an die Sprechstunde wenden. Sie werden dann von Fachkräften angerufen und telefonisch beraten. Bei komplexeren Problemen ist eine Video-Sprechstunde in einem besonders geschützten Online-Raum möglich. Allein dies zu ermöglichen, setzt erhebliche technische Kniffe voraus. Auch die ersten Kurse der Elternschule zur Geburtsvorbereitung und Kreißsaalführung sowie Symposien für Schwangere mit bis zu 260 Teilnehmerinnen haben schon stattgefunden. Aktuell können durch die Förderung der Klaus Tschira Stiftung auch die Online-Angebote anderer Kliniken wie beispielsweise der Uni-Frauenklinik Heidelberg aufgebaut werden.

Barbara Müllerschön: Es ist nicht ganz einfach, das persönliche Gespräch zu ersetzen. Aber es geht besser, als wir erwartet haben. Eine digitale Strategie kann Brücken an Stellen bilden, die wir bisher nicht gesehen haben. Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv. Schwangere und Wöchnerinnen sind in der Regel digital ausreichend aufgestellt und sehr offen für diese Art der Beratung. Wir sehen schon jetzt eine hohe Akzeptanz bei den jungen Familien, aber auch bei unseren Hebammen und Geburtshelfern. Dies gilt jedoch nicht für Patientinnen mit Migrationshintergrund oder sprachlichen Problemen. Hier gilt es, weitere Wege zu suchen. Da bleiben wir dran.

Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Harald Abele: Die Frauen erhalten verbale niederschwellige Hilfe am Telefon oder vor der Kamera. So kann entschieden werden, ob eine Vorstellung bei der niedergelassenen Frauenärztin, Kinderärztin oder Klinik erforderlich ist, oder ob eine häusliche Versorgung weiterhin fortgesetzt werden kann. 

Woher kommen die Frauen?

Harald Abele: Die Wöchnerinnen stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Aktuell erstreckt sich das Einzugsgebiet von hinter dem Bodensee bis nach Stuttgart und Umland. Heidelberg ist derzeit in der Implementierungsphase, sodass wir in Kürze mit einer deutlichen Erweiterung des Angebots rechnen und dann einen großen Teil Baden-Württembergs abdecken. Das Angebot wird evaluiert und auf Kongressen vorgestellt und vielleicht in ganz Deutschland als niederschwelliges Angebot der Entbindungskliniken Schule machen.

Barbara Müllerschön: Erfreulich ist, dass die Studierenden der Hebammenwissenschaft in Tübingen im Rahmen ihrer Praxiseinsätze durch die Fachkräfte in die Beratung eingebunden werden. Sie lernen hier viel über die Versorgung und Probleme in strukturarmen Gebieten. Wir hoffen, mit diesem Pilotprojekt weitere Leistungserbringer dafür zu gewinnen, Telemedizin in die Betreuung von Schwangeren und jungen Müttern einzubinden.

Welches sind konkrete Anfragen oder Probleme?

Barbara Müllerschön: Die Anliegen erstrecken sich von typischen Stillproblemen, der Gewichtszunahme von Neugeborenen, Schreikindern, Fragen zum sicheren Schlafen des Neugeborenen bis zu Fragen zur Wundheilung. Eigentlich das gesamte Spektrum der Betreuung im frühen Wochenbett. Auch die werdenden Väter empfinden das Kursangebot mit der Möglichkeit, individuelle Fragen zu stellen, als sehr hilfreich.

Gab es Vorbilder?

Harald Abele: Natürlich gibt es bereits digitale Angebote für Geburtsvorbereitungskurse. Es galt bei diesem Projekt jedoch, aus der Not eine Tugend zu machen. Der Zugang sollte niederschwellig und nicht mit Kosten verbunden sein. Da insbesondere auch die im Projekt eingebundenen Fachleute wenig Erfahrung mit solchen digitalen Formaten haben, kann man wirklich von einem Pilotprojekt sprechen, vor allem was die individuelle Beratung angeht. Glücklicherweise hat sich alles einfacher umsetzen lassen als angenommen.

Ist das Projekt zeitlich begrenzt?

Harald Abele: Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Letztlich benötigt die Überführung in die Regelversorgung entsprechende Ressourcen. Hier hoffen wir, wissenschaftliche Daten durch das Institut für Hebammenwissenschaften in Tübingen zu gewinnen, um den Bedarf genauer abschätzen zu können. Wir sind der Meinung, dass es auch nach der Corona-Pandemie Bedarf für solche innovativen Lösungsansätze geben wird.

Barbara Müllerschön: Diese Art der Leistungen sollte einen festen Platz in der medizinischen Versorgung von Schwangeren einnehmen. Die Online-Beratung schließt eine echte Lücke. Schön, dass wir das entwickeln dürfen. Was als Notlösung begann, hat sich zu einem sehr hilfreichen Angebot gemausert. Und manchmal gelingt sogar der Brückenschlag in die physische Welt: Nicht selten können wir durch unser Netzwerk Schwangere, die persönliche Hilfe vor Ort dringend benötigen, doch noch an niedergelassene Hebammen vermitteln.

Fragen: Kirsten Baumbusch

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Die Klaus Tschira Stiftung

Die Klaus Tschira Stiftung (KTS) fördert Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik und möchte zur Wertschätzung dieser Fächer beitragen. Sie wurde 1995 von dem Physiker und SAP-Mitgründer Klaus Tschira (1940–2015) mit privaten Mitteln ins Leben gerufen. Ihre drei Förderschwerpunkte sind: Bildung, Forschung und Wissenschaftskommunikation. Das bundesweite Engagement beginnt im Kindergarten und setzt sich in Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen fort. Die Stiftung setzt sich für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein. Weitere Informationen unter: www.klaus-tschira-stiftung.de

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