Der Comicbuchpreis 2020 geht an: „Sibylla“ von Max Baitinger

Max Baitinger

Max Baitinger ist mit seinem Band „Sibylla“ Preisträger des Comicbuchpreises der Berthold Leibinger Stiftung 2020. Die Preisverleihung findet am Montag, 4. Mai 2020, um 18 Uhr im Literaturhaus Stuttgart statt. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird zum sechsten Mal verliehen.

Max Baitinger greift in seinem Band die Geschichte der Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz aus dem 17. Jahrhundert auf. Die Graphic Novel „Sibylla“ spielt dabei mit verschiedenen Text- und Zeitebenen und bricht so hintergründig die lineare Biografie der früh verstorbenen Lyrikerin Sibylla Schwarz und setzt sich gleichzeitig mit der Lebenswirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges, mit Vertreibung und Exil, Sittenlehre und religiösen Bekenntnissen auseinander. Mit ihrem „ersten kompromisslos feministischen Gedicht der Weltliteratur“ (Erika Greber 2008) beansprucht Schwarz‘ Werk besondere Aktualität.

Max Baitinger war bereits 2016 mit „Röhner“ Finalist beim Comicbuch-preis. Er arbeitet als freischaffender Illustrator in Leipzig, vertreibt eigene Zines und Drucke seiner Arbeiten und veranstaltet mit befreun-deten KollegInnen den „Millionaires Club“, das Leipziger Comic- und Grafik-Festival. Jurorin Barbara Buchholz begründet die Entscheidung für Baitingers Band so: Mit „Sibylla“ zeigt Max Baitinger, wie frisch und leichtfüßig ein biografischer Comic daherkommen kann. Gewitzt und gekonnt beginnt er ein Erzählgerüst aus verschiedenen Ebenen zu konstruieren, das von bemerkenswerter grafischer Stärke zeugt. Baitingers Konzept des Porträts einer außergewöhnlichen deutschen Dichterin hat Baitinger die Jury überzeugt: „Sibylla“ wird mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet.

Die neun ausgezeichneten Finalistenarbeiten im diesjährigen Wettbewerb sind mit jeweils 2000 Euro dotiert:

Diese Auszeichnung erhält: „Ein deutsches Tier in einem deutschen Wald“ von Anke Feuchtenberger. In seiner Jurorenbegründung dazu Juror Andreas Platthaus: Wenn eine Künstlerin wie Anke Feuchtenberger seit Jahren ein umfangreiches Comicprojekt betreibt und darin alle Formen, mit denen sie das Metier bereits bereichert hat, nicht nur noch einmal aufnimmt, sondern weiterentwickelt und aufeinander abstimmt, dann befindet sich ein Meisterwerk im Entstehen. "Ein deutsches Tier in einem deutschen Wald" heißt die auf mehr als 250 Seiten angelegte, in einem ostdeutschen Dorf angesiedelte Geschichte, deren Zeitraum die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts umfasst. Die aus Feuchtenbergers Schaffen vertraute verstörende Körperlichkeit und Verwundbarkeit werden hier auf die Spitze getrieben, und zugleich erreicht die Schwarzweißgraphik einen neuen Höhepunkt an Expressivität. Niemand sonst erzählt wie Anke Feuchtenberger, keiner kann sich dem Sog dieses Comics entziehen.

Feuchtenberger war schon 2015 Finalistin beim Comicbuchpreis.

Zu „Route wird neu berechnet“ von Jul Gordon, ebenfalls bereits Finalistin beim Comicbuchpreis 2015, schreibt Jurorin Brigitte Helbling: Das Thema sei da, erklärt die Künstlerin in ihrem Exposé, ein Gerüst ebenfalls erstellt, die Art der Zeichnung und Erzählung vorsichtig festgelegt... alles andere werde im Weiterarbeiten an dieser Geschichte einer Realitätsverschiebung (eines Realitätsverlusts?) weiter an Konturschärfe gewinnen. In diesen Zeichnerinnen-Händen wirkt das wie ein höchst verheißungsvolles Comic-Abenteuer. Mit den Seiten, die von dem Projekt bereits vorliegen, öffnet sich eine Tür in ein eher alltägliches Universum, das gleichzeitig seltsam opak daherkommt. Das macht wach und neugierig, und kurze Überblicke über nächste Kapitel verführen gerade auch in ihrer klaren Unbestimmtheit.

Auch der Schweizer Stefan Haller hat mit „Schattenmutter“ das Finale erreicht. Das begründet Petra Morsbach als Jurymitglied folgendermaßen: Die Mutter des Zeichners Stefan Haller (*1972) litt an einer ungeklärten psychischen Krankheit (Depression? Bipolare Störung? Schizophrenie?), die seine Kindheit überschattete, ohne dass darüber gesprochen wurde. Fünf Jahre nach ihrem Tod begann er die Geschichte in diesem Comic zu verarbeiten: nachdenklich, ohne Vorwurf, ohne Wehleidigkeit, sehr genau. Er stellt seine Befindlichkeit nicht in den Mittelpunkt, sondern erfasst den Mikrokosmos der ganzen Familie, die, jeder auf eigene Weise, von der Krankheit der Mutter geprägt war: deren Unruhe, Übermüdung, Überreizung, Nervenschwäche, emotionalem Rückzug. Behutsam neugierig treibt der Autor seine Forschung voran. Es gibt keine fortlaufende Story, sondern Gespräche, Erinnerungen, auch das (authentische) Tagebuch der Mutter wird so einfühlsam wie schonungslos bebildert. Wenige Episoden, insbesondere die Tagebucherzählungen der Mutter, sind in Frames gefasst, meistens bewegen sich die Figuren wie suchend über das weiße Papier, der Hintergrund ist – wenn überhaupt – mit wenigen Strichen skizziert. Die Zeichnungen wirken einfach, fast naiv. Aber man spürt auf jeder Seite die Notwendigkeit dieser Kunst.

Ein zweites Mal, nach 2015 nun 2020, erreicht Nienke Klöffer (alias Nienke Ka-Boom) das Finale mit „Das Zeitalter der Fische“. Petra Morsbach erklärt die Auszeichnung: Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches“, sagt der abgestürzte Altphilologe zum Ich-Erzähler in Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ von 1937. Gemeint ist die von Zeitgeist, Revanchismus und Nazi-Propaganda verrohte Jugend des „Dritten Reiches“ vor dem Krieg, und in eben der Zeit lässt die Zeichnerin, 1988 in Karlsruhe geboren, ihre Comic-Adaption auch spielen. Sie hat die Handlung klug verdichtet. Es sind kraftvolle Schwarzweiß-Zeichnungen, überlegt arrangiert, mit einem nicht virtuosen, aber beseelten Strich. Überzeugend die Atmosphäre von Aggressivität, Pubertät, Verblödung und Sehnsucht, individuell und intensiv das Porträt des ohnmächtigen Lehrers mit seinen erotischen, politischen und transzendentalen Nöten, sogar Horváths humane Verzweiflung überträgt sich. Eine verblüffende Leistung einer jungen Künstlerin, die ein halbes Jahrhundert nach dem Roman unter ganz anderen Verhältnissen zur Welt kam.

Jurorin Brigitte Helbling schreibt zur Arbeit des Finalisten Nicolas Mahler:„Ulysses“: Die Kreativkraft hinter dieser Comicversion von James Joyces „Ulysses“ macht sich nicht zum ersten Mal daran, üppige Weltliteratur in erstaunlich zurückgenommene Bilder-Epen überzuführen. Hier nun interessierte der etwas andere Ansatz, der (zum Beispiel) Nachrichten aus einem Wiener Weltblatt mit dem Flanieren und Schreiben eines langnasigen, behuteten Herrn verrührt. Die Frage, wo wird das alles hinführen? scheint dann in aufregend unabsehbare Richtungen zu gehen. Das wiederum wirkt der Vorlage ganz und gar angemessen – mit oder ohne Schere und Altpapier. Was aber wird wohl – falls überhaupt –später aus den „Ja“s von Molly Bloom? Wir sind gespannt.

Stefanie Stegmann schreibt zu Eva Müllers „Arbeit ist das (halbe) Leben“: Der Comic erzählt die Geschichte einer Arbeiterfamilie über drei Generationen. In Erinnerungen, detaillierten Milieu- und Alltagskulturbeschreibungen legt Eva Müller frei, wie Armut, Herkunft und Milieu genau das formen, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu als Habitus beschreibt. Wie stark dieser wiederum die eigene Selbstwahrnehmung und Denkhaltung prägt und über Generationen hinweg Menschen formt, die auch in Zukunft die eigene Klasse, das eigene Milieu eher nicht in Frage stellen, zeigt die Autorin an ihrem eigenen Werdegang. Im Verlassen des Herkunftsmilieus, in der Selbstdistanzierung analysiert Eva Müller Strukturprinzipien. In klaren, kraftvollen, eindrücklichen Bildern und pointierten Dialogen beschreibt sie ihre eigene bemerkenswerte Emanzipation als Künstlerin, erzählt von Rissen und Brüchen, wie von Ängsten und Selbstinfrage-stellungen, die unabhängig von ihrem Erfolg bis heute nicht von ihrer Seite weichen.

Zur Finalistenarbeit „Sommer“ von Lena Steffinger merkt Juror Frank Druffner an: In ihrem Projekt „Sommer“ behandelt die gebürtige Stuttgarterin Lena Steffinger die Veränderungen von Freundschaft in zwei Dreierkonstellationen. Eindrucksvoll, aber unaufdringlich thematisiert sie die Parallelität persönlicher Erinnerungen und enttäuschter Gefühle, von Vertrauen und Misstrauen in behutsam formulierten Texten und lyrischen Bildern. Dabei werden gleichzeitig die Möglichkeiten des Comics bis an seine Gattungsgrenzen ausgelotet.

Auch das Zeichner-/Autorenduo Jochen Voit (Finalist 2019 mit Hamed Eshrat) und Sophia Hirsch mit „Ernst Busch – der letzte Prolet“ sind im Finale. Dazu Juror David Basler: Jochen Voit legt der Jury mit „Ernst Busch, der letzte Prolet“ ein umfassendes, präzis recherchiertes Szenario vor. Dazu passen die farblich zurückhaltenden Zeichnungen von Sophia Hirsch. Ernst Busch, eine wichtige historische Figur Deutschlands und Idol der Linken im 20. Jahrhundert, als alten, verbitterten Greis darzustellen und dazu in Rückblenden sein Leben zu erzählen, hat uns überzeugt.

Nacha Vollenweider, bereits 2016 Finalistin, erhält die Auszeichnung dieses Mal für „Zurück in die Heimat“, Florian Höllerer dazu: Nacha Vollenweiders autobiographische Comicerzählung beginnt und endet mit einem Spaziergang durch das argentinische Córdoba, der Heimatstadt der Autorin. Dazwischen kommt vieles zu Tage: die Eheschließung mit ihrer Partnerin in Hamburg, die Trennung in Brasilien, die Rückkehr nach Argentinien. Nacha Vollenweiders Bildsprache ist klar und plakativ, kann ihre Ruhe aber jederzeit verlieren - etwa im mehrseitigen Zoom auf den drohungsgeladenen Mund der Hamburger Standesbeamtin oder im Rückgriff auf Farbe, wenn die Umweltzerstörungen des Lithium-Abbaus im Nordwesten Argentiniens, notwendig für unsere umweltfreundlichen Elektroautos, ins Auge gefasst werden.

Kontakt

Brigitte Diefenbacher

07156 303 35201

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