Das Ende der „Kreidezeit“

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Elisabeth Mayweg-Paus (37), Pädagogische Psychologin

Was genau ist Medienkompetenz und wie lässt sie sich vermitteln? Wie lernt man in digitalen Umgebungen? Mit diesen Fragen befasst sich Elisabeth Mayweg-Paus am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Commerzbank-Stiftung ermöglicht ihre Forschung.

Frau Mayweg-Paus, der digitale Wandel ist in vollem Gange. Er betrifft uns alle und sorgt für tiefgreifenden Wandel, auch bei uns in der Commerzbank. Welche Rolle spielt die fortschreitende Digitalisierung in den Bildungswissenschaften?
Elisabeth Mayweg-Paus: In den Bildungswissenschaften, wie in anderen universitären Fachdisziplinen auch, hat die Digitalisierung einen direkten Einfluss auf Forschung und Lehre. So werden Forschungsdaten und Lehrmaterialien immer öfter digital bereitgestellt. Zudem verändern sich die Anwendungs- und Berufsfelder der angehenden Bildungswissenschaftler, ob als Lehrer in der Schule oder als Personalentwickler in Unternehmen. Von ihnen wird im Berufsleben erwartet, dass sie digitale Bildungsangebote ausgestalten können. Und genau das ist inzwischen auch Teil des Studiums. Die Ausbildung digitalisierungsbezogener Kompetenzen wird also sowohl für Lehrende und als auch für Lernende immer wichtiger und zum eigenständigen Bildungsziel. Kurz: An den Bildungsstätten ist das Ende der „Kreidezeit“ eingeläutet. Die Studierenden müssen deshalb bereits im Studium auf die Anforderungen eines zunehmend digitalen Bildungswesens vorbereitetet werden.

Wie hat Ihr Institut auf die neuen Anforderungen reagiert?
Mayweg-Paus: Bei uns am Institut für Erziehungswissenschaften bieten wir entsprechend Lehrveranstaltungen an, die sich mit der Rolle der Digitalisierung im Bildungsbereich befassen. Dabei ist das eigene Erleben von digitalen Lehrangeboten im Studium wichtig, denn letztlich entwickeln sich aus diesen persönlichen Erfahrungen heraus auch die Veränderungen an den Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen. Diese Veränderungen wiederum bieten der bildungswissenschaftlichen Forschung Stoff für neue Themen und Fragestellungen.

Mit welchen Forschungsschwerpunkten befassen Sie sich und welche gesellschaftliche Relevanz haben diese Fragen?
Mayweg-Paus: Mich interessiert, wie digitale Kommunikationsprozesse den Wissens- und Kompetenzerwerb von Lernenden beeinflussen. Ein zentraler Fokus liegt auf der Entwicklung eines kritisch-reflektierten Umgangs mit Informationen. Durch die vielen Informationen im Netz wird es zunehmend schwerer einzuschätzen, woher diese Informationen kommen, was „richtig“ ist und welchen Quellen wir vertrauen können. Zudem verstehen wir die zugrunde liegenden Prozesse und Mechanismen meist nur oberflächlich. Durch den Austausch mit anderen lernen wir unterschiedliche Perspektiven und Hintergründe kennen, können so ein differenziertes Verständnis ausbilden und auch in komplexen Situationen angemessene Entscheidungen treffen. In einem aktuellen Projekt befassen wir uns mit der Fragestellung, wie ein in diesem Sinne gewinnbringender Austausch zwischen Lernenden im digitalen Raum bestmöglich gefördert werden kann.

Der reflektierte Umgang mit Informationen ist auch ein Auftrag der Kultusministerkonferenz. Was ist denn notwendig, um Lehrer und Kinder medienkompetent auszubilden?
Mayweg-Paus: Medienkompetenz umfasst mehrere Bereiche. Dazu gehören unter anderem Kommunizieren, Reflektieren und auch das Recherchieren von Informationen. Diese sind eng miteinander verwoben. Deshalb sollten möglichst natürliche Lernsettings geschaffen werden, damit Lernende die Herausforderungen der Digitalisierung direkt erfahren können. Da schwer vorherzusagen ist, wie genau unsere zuküftige Realität in einer zunehmend digitalisierten Welt aussieht, geht es weniger nur um das technische Know-how, als vielmehr um die Flexibilität, auf Neuerungen zu reagieren und bestehende Kompetenzen weiterzuentwickeln. Für Lehrpersonen bedeutet dies auch, dass sie sich regelmäßig mit ihrer Rolle als Vermittler von digitalen Themen und als Gestalter von digitalen Bildungsangeboten auseinandersetzen.

Wissenschaftsbetrieben wird nachgesagt, eine eher starre Struktur zu haben. Eignet sich eine klassische Universität überhaupt als Vorreiter und Inputgeber für die Entwicklung digitaler Inhalte und Formate?
Mayweg-Paus: An den Universitäten hat sich in den letzten Jahren eine Menge verändert. Sie sind dynamischer, kooperativer und flexibler geworden. Vor allem die in den einzelnen Arbeitsgruppen betriebene Forschung ist oft aktuell und innovativ, wird also einer solchen Vorreiterrolle durchaus gerecht. Die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen wie in meinem Falle dem Einstein-Center Digital Future oder dem Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft treibt dies noch weiter voran. Als schwierig erweist es sich dagegen noch immer, Forschungsergebnisse schnell in die Bildungspraxis zu transferieren. Es kann Jahre dauern, bis empirisch geprüfte Ansätze auch wirklich umgesetzt werden. Die Aufgabe der Universität liegt allerdings auch darin, den Prozess der Digitalisierung kritisch-reflektierend zu begleiten. Hierzu muss sie selbst ihre Arbeitsweisen und Abläufe ständig überprüfen, modernisieren und hinterfragen. Die Digitalisierung ist eine der größten Herausforderungen, vor denen auch die Universität steht.

Welche Ergebnisse kann die Universität für ihre Studierenden konkret vorweisen?
Mayweg-Paus: Vorlesungen werden inzwischen in Form von E-Lectures digital bereitgestellt, Lernplattformen ermöglichen den Studierenden die orts- und zeitunabhängige Auseinandersetzung mit Lerninhalten. An der Humboldt-Universität, die ja eine Präsenzuniversität ist, werden solche digitalen Angebote mit herkömmlichen Veranstaltungsformaten wie zum Beispiel ergänzenden Tutorien zur digitalen Vorlesung als Blended-Learning-Formate kombiniert. Dies bringt eine Menge Vorteile mit sich, da so auf die individuellen Bedürfnisse der Studierenden eingegangen werden kann und gleichzeitig die Identifikation mit dem Fach und mit der Institution Universität erhalten bleibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt

Kirsten Böddeker

06913685466

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