Annalise-Wagner-Preis 2020 für die Dissertationsschrift "Eine gebrochene Sammlung"

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Cover der Publikation "Eine gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung in Neubrandenburg (1890-1945)" von Dr. Elke Pretzel

„Kultur trotzt Corona“: Die Annalise-Wagner-Stiftung vergibt auch in diesem Jahr den mit 2500 Euro dotierten Annalise-Wagner-Preis an einen hervorragenden Text mit Bezug zur Region Mecklenburg-Strelitz im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Unterstützt wird die Preisvergabe von der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Aus 69 Bewerbungen und Vorschlägen hat die Jury im Jahr 2020 zum 3. Mal in der Stiftungsgeschichte eine Hochschulschrift ausgewählt.

Ausgezeichnet wird die kunstwissenschaftliche Dissertation von Dr. Elke Pretzel aus Jürgenstorf im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Sie setzt sich auseinander mit dem Thema: „Eine gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung in Neubrandenburg (1890-1945); Rekonstruktion der während des Zweiten Weltkrieges verlustig gegangenen Sammlung als Beispiel für Kulturgutverluste kleinerer Museen in Mecklenburg“. Die Publikation wurde im Juni 2020 veröffentlicht (ISBN 978-3-941681-61-3).  In der Begründung der Jury zur Preisvergabe heißt es: „Auf der Grundlage langjähriger und akribischer empirischer Forschungen, durchgehend faktenbasiert und methodisch breit aufgestellt“ macht diese Publikation eine „verlorene Kunstsammlung wieder sichtbar“: Sie gibt der vor 130 Jahren gestifteten, vor 75 Jahren am Kriegsende verschollenen, bis vor 30 Jahren fast vergessenen historischen Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg“ (1890-1945) „wieder ein Gesicht“. 

Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg

Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945) war das einzige bürgerlich begründete Kunstmuseum der Region Mecklenburg-Strelitz und gehörte von 1890 bis 1945 zu den drei kommunalen Museen der Stadt Neubrandenburg. Seit den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs sind die Sammlungsbestände verschollen, Ausstellungsort und Dokumente fielen am Ende des Zweiten Weltkriegs einem verheerenden Stadtbrand zum Opfer. Die Zeit zwischen 1945 und 1990 prägten „öffentliches Schweigen und Diskurs-Tabu“ zum Verlust dieser Sammlung. Im „Gedächtnis“ von Stadt und Region fasste die Erinnerung an Geschichte und Traditionen dieses Kunstmuseums erst nach 1990 wieder Fuß. Einzige authentische Zeugnisse der Sammlungsobjekte sind tausende zerbrochene, verbrannte Scherben, die 2006 bei archäologischen Grabungen am Neubrandenburger Marktplatz entdeckt wurden.

Ein komplexes Bild von 55 Jahren „gebrochener Geschichte“

Trotz schwieriger Quellenlage zeichnet Dr. Elke Pretzel mit detailreicher Präzision und mit weitem kulturgeschichtlichem Blickwinkel ein farbiges, nuancenreiches, komplexes Bild von 55 Jahren „gebrochener Geschichte“ dieses Neubrandenburger Kunstmuseums, in dem sich die Brüche der Zeitgeschichte widerspiegeln. Dabei spielt auch die zwischen 1945 und 1990 „gebrochene Erinnerung“ an den kriegsbedingten materiellen und ideellen Kulturgutverlust eine wichtige Rolle und es geht um Probleme wie Chancen von Erforschung, Rekonstruktion und neuer Verankerung dieser „Kunst-Geschichte(n)“ im „Gedächtnis“ von Stadt und Region.

Die Dissertationsschrift von Dr. Elke Pretzel gehört zu den ersten, die „gebrochene Geschichten“ und kriegsbedingte Kulturgutverluste speziell von kleineren Museen und Kunstsammlungen in Mecklenburg und in Ostdeutschland wissenschaftlich beleuchten.

Auch über den kunstwissenschaftlichen Rahmen hinaus kann dieser wissenschaftliche Text viele Interessierte erreichen, weil es der Autorin gelingt, das akribisch mit Fakten untermauerte Bild der Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg so farbig auszumalen, logisch aufzubauen und gut verständlich zu beschreiben, dass der Leser leicht und fasziniert Zugang findet.

Über Dr. Elke Pretzel

Dr. Elke Pretzel ist seit 1988 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunstsammlung Neubrandenburg, die 1981 neu begründet wurde. Nach 1990 nahm diese Institution die Suche nach Informationen zu Geschichte und Kulturgutverlusten ihrer historischen Vorgänger-Einrichtung auf und erinnert heute in ihrer Dauerausstellung daran. Elke Pretzels Forschungen fußen im dienstlichen Auftrag, doch die akribische, schwierige Spurensuche führten sie weit darüber hinaus. Ihr Engagement für die „verlorene Sammlung“ wurde zur Herzenssache und ein Stück weit zur Lebensaufgabe.

Die öffentliche Verleihung des 29. Annalise-Wagner-Preises ist geplant (vorbehaltlich aktueller Regelungen zur Corona-Pandemie) am europäischem „Tag der Stiftungen“, dem 1. Oktober 2020, im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Annalise Wagners Heimatstadt Neustrelitz.