Mind the Gap

Illustration: Jakob Hinrichs

Die Umfrage, der Bundesverband Deutscher Stiftungen und das Beratungshaus PHINEO im März 2019 durchgeführt haben, zeigt, dass Stiftungen beim Thema Geschlechtergerechtigkeit noch aufholen können. Doch ein Wandel kündigt sich an: Fast die Hälfte der befragten Stiftungen möchte sich in der internen und externen Arbeit besser aufstellen und wünscht sich Unterstützung auf dem Weg dahin. Fünf Argumente, warum es sich für Stiftungsverantwortliche lohnt, das Thema jetzt anzupacken.

Geschlechtergerechtigkeit ist Voraussetzung, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen

Expert*innen sind sich einig: Geschlechtergerechtigkeit ist ein zentraler Faktor, um die 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige globale Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) bis 2030 zu erreichen. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist tief verwurzelt und in allen Bereichen – Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Ökologie – präsent. Nur wenn die Rechte von Frauen und Mädchen über alle Ziele hinweg gewährleistet werden, können wir eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft für nachfolgende Generationen gestalten. Haben Frauen beispielsweise gerechteren Zugang zu Bildung (SDG 4), verbessert das auch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt (SDG 8). Ihr Armutsrisiko sinkt (SDG 1) und die Versorgung, Gesundheit und Entwicklung der Frauen, ihrer Kinder und Familien werden positiv beeinflusst (SDG 2, 3). Die Wirtschaft gewinnt wichtige Impulsgeberinnen und Fachkräfte (SDG 8). Innovationskraft für die zentralen gesellschaftlichen Fragen, etwa den Klimawandel, wird mobilisiert (SDG 9).

Daraus folgt: Geschlechtergerechtigkeit ist auch für solche Stiftungen relevant, deren Aktivitäten auf den ersten Blick nicht direkt mit dem Thema Gender in Zusammenhang stehen, zum Beispiel in den Bereichen Umweltschutz, Kultur oder Gesundheit.

„Die Stiftungen in der Entwicklungszusammenarbeit machen es vor. Investitionen in Frauen und Mädchen sind der Hebel für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen und eine gerechtere, friedliche Gesellschaft. Wenn Stiftungen ihrem Anspruch nachkommen wollen, die Welt und unser Land nachhaltig und demokratisch zu gestalten, müssen sie auch in Deutschland die 50 Prozent Frauen und Mädchen bewusst einbeziehen und gezielter fördern. Alles andere wäre unglaubwürdig. Von allein schließen sich Gerechtigkeitslücken leider nicht.“ (Anke Pätsch, Bundesverband Deutscher Stiftungen)

„Zum Thema Geschlechtergerechtigkeit muss sich auch unsere Stiftung positionieren. Wir müssen uns nicht alle einig sein, aber wir brauchen einen Diskurs, um mehr Bewusstsein für das Thema zu entwickeln.“ (Anna Häßlin, Schöpflin Stiftung)
 

Gleichberechtigung ist ein Grundrecht – und damit für Stiftungen Prämisse ihres Handelns

Stiftungen arbeiten mit dem Anspruch, zu einer demokratischen und gerechteren Gesellschaft beizutragen. Deshalb sollte gendersensible Arbeit für sie selbstverständlich sein, denn sie fördern und unterstützen die Grundfeste unserer Demokratie und sind Vorbilder für gesellschaftlichen Wandel.

„Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist im Grundgesetz festgeschrieben. Natürlich dürfen Stiftungen nicht dahinter zurückfallen. Der Grundsatz der Gleichstellung sollte Richtschnur ihres Handelns sein. Dabei gewinnen alle: die Geförderten, die Gesellschaft und die Organisation selbst.“ (Prof. Dr. Joachim Rogall, Vorsitzender des Vorstandes des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen)

„Geschlechtergerechtigkeit sollte von Haus aus eine Selbstverständlichkeit für alle Bürgerinnen und Bürger sein.“ (offene Antwort in der Umfrage)
 

Stiftungen können in dem Bereich viel bewegen

Nur wenige Stiftungen engagieren sich bislang im Themenfeld Geschlechtergerechtigkeit. Hier gibt es eine klare Förderlücke und die Chance, das Thema durch eigene Impulse mitzugestalten. Stiftungen können dabei auf zweifache Weise zu mehr Gleichberechtigung beitragen. Sie können

  • gezielt Gender-Projekte fördern oder durchführen und
  • sie können Geschlechtergerechtigkeit in ihren Konzepten und Strategien reflektieren und dadurch langfristig einen größeren Beitrag zu sozialer, wirtschaftlicher, politischer und ökologischer Gerechtigkeit leisten.

Die Umfrage zeigt: Stiftungen, die sich mit ihren Projekten für Geschlechtergerechtigkeit engagieren, sind auch intern gleichberechtigter aufgestellt. Sie finden das Thema wichtiger und wollen sich hier weiterentwickeln. Operative und fördernde Tätigkeit und Organisationsentwicklung gehen Hand in Hand.

„Es gibt einen großen Bedarf, wir könnten viel mehr fördern, als es uns finanziell möglich ist. Viele Stiftungen haben noch immer ein geringes Bewusstsein für die Notwendigkeit und langfristige Wirkung von Förderung in diesem Bereich.“ (Sonja Schelper, filia.die frauenstiftung)
 

Gendersensible Stiftungen bewirken mehr

Zielgruppenbewusstsein ist ein essenzieller Teil von Wirkungsorientierung. Wer in Strategien und Projekten unterschiedliche Bedürfnisse der Geschlechter berücksichtigt, entfaltet eine nachhaltigere Wirkung, denn die

  • Aktivitäten sind besser auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten und
  • Ressourcen werden effektiver und zielgerichteter eingesetzt.

Die Umfrage weist darauf hin, dass operativ tätige Stiftungen im Vergleich zu ausschließlich fördernd tätigen Stiftungen Gender-Aspekte wichtiger finden. Sie erleben offenbar im direkteren Kontakt mit der Zielgruppe, wie unterschiedlich Jungen und Mädchen beziehungsweise Frauen und Männer auf ein Angebot reagieren und wie ein Vorhaben aufgebaut sein muss, um zielgruppenbewusst Wirkung zu erzielen.

„Wenn Aktivitäten an Zielgruppen vorbeigehen, ist das nicht wirkungsorientiert. Sensibilität für Zielgruppen ist uns wichtig. Man sollte sich möglichst intensiv und aus verschiedenen Blickwinkeln mit den Menschen befassen, die man als Stiftung erreichen will.“ (Felix Dresewski, Kurt und Maria Dohle Stiftung)

„In unserer Stiftung wird leider oft noch so argumentiert: ‚Wir wollen, dass es die besten Projekte sind, da spielt es keine Rolle, wer die Zielgruppe oder die Initiator*innen sind.‘ Ich glaube jedoch, wenn man Gender mitdenkt, fördert man systemischer.“ (anonymisiert aus den Interviews)
 

Gendersensible Stiftungen sind moderner und innovativer

Je diverser die Belegschaft und insbesondere die Führung eines Unternehmens aufgestellt sind, desto leistungsfähiger ist es. Für Stiftungen fehlen solche Daten bislang. Doch alles spricht dafür, dass Organisationen, die sich zu Diversität und Geschlechtergerechtigkeit bekennen, effektiver arbeiten und innovativer sind. Auch in Zeiten des Fachkräftemangels sind solche Organisationen attraktivere Arbeitgeber*innen.

Für Stiftungen bedeutet das, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Mitarbeitende mit unterschiedlichem Geschlecht, Alter, Herkunft, Bildungsstand usw. wohlfühlen und ihre Kompetenzen einbringen können. Flexible Arbeitszeiten, eine Ombudsperson oder gendersensible Sprache sind erste Schritte auf diesem Weg.

„Wir bieten über längere Lebensphasen (3 bis 5 Jahre) flexible Arbeits-, Urlaubs- und Vergütungsmodelle an. So ist es zum Beispiel möglich, in der Phase mit kleinen Kindern deutlich mehr bezahlten Urlaub zu nehmen.“ (offene Antwort aus der Umfrage)
 
„Gut fände ich persönlich, wenn Stiftungen Jobsharing-Modelle in der Personalentwicklung auf die Agenda nähmen, also insbesondere Führungspositionen mit zwei halben Stellen besetzten – so wie es große Konzerne bereits erfolgreich tun.“ (offene Antwort aus der Umfrage)


Lassen Sie uns gemeinsam weiterdenken!

Ist auch Ihnen das Thema Geschlechtergerechtigkeit wichtig und wollen Sie gemeinsam daran arbeiten? Haben Sie bereits erfolgreich erste Schritte umgesetzt und möchten Sie Ihre Erfahrungen mit anderen Stiftungen teilen? Dann nehmen Sie Kontakt auf, wir freuen uns sehr, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen!

katja.wagner[at]phineo[punkt]org

Über die Autorinnen

Merret Nommensen arbeitet in der Kommunikation von PHINEO und verfasst dort unter anderem Pressetexte und Publikationen.
Katja Wagner leitet das Projekt „Mind the Gap“ bei PHINEO.

Beitrag aus: Stiftungswelt Herbst 2019

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