„Die SDGs sind unsere Messlatte“

Ein Wiedehopf auf einem Ast
Globales Engagement
Foto: Thomas Hinsche

Michael Beier, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung, über Fridays for ­Future und die Bedeutung von Stiftungen für den Klimaschutz.

Stiftungswelt: Herr Beier, die Bewegung Fridays for Future hat das Thema Klimaschutz ganz nach oben auf die Agenda gehoben. Wie können deutsche Stiftungen dieses Zukunftsthema aufnehmen?
Michael Beier: Der Klimakrise muss umgehend auf allen gesellschaftlichen Ebenen entgegengewirkt werden. Der Protest der jungen Menschen ist nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu geboten. Der Stiftungssektor trägt im Kampf gegen die Klimakrise eine besondere Verantwortung. Weniger als fünf Prozent der über 22.000 Stiftungen haben Klimaschutz als Stiftungszweck. Mit einem bekannten Gesamtkapital von etwa 68 Milliarden Euro haben deutsche Stiftungen einen maßgeblichen Anteil an der Gestaltung der Gesellschaft. Im Wesen von Stiftungen liegt es, dass sie langfristig und damit für die Zukunft wirken. Die Herausforderung für die Zukunft besteht darin, Klimaschutzmaßnahmen und Nachhaltigkeitsziele konkret in den Stiftungsalltag zu integrieren. Andere Arbeitsbereiche, wie etwa Digitalisierung, Fundraising oder Investitionen, müssen daraufhin ausgerichtet werden, nachhaltig, sozialverträglich und ressourcenschonend zu wirken.

Wie arbeitet Ihre Stiftung an ihrer eigenen Nachhaltigkeit? 
Nachhaltigkeitsberichte nach den Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI Standard) sind seit 2017 europaweit für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern Pflicht. Für Stiftungen gilt bisher keine entsprechende Berichtspflicht. Aus unserer Sicht ist im Zuge der geplanten Reform des Stiftungsrechts neben einer Publizitätspflicht auch eine Berichtspflicht zu Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility dringend nötig, um das Vertrauen in den Stiftungssektor und seine Glaubwürdigkeit zu bewahren. Die Heinz Sielmann Stiftung hat in den Jahren 2016 und 2018 freiwillig solche Berichte veröffentlicht.

Welche Bedeutung haben dabei die Sustainable Developement Goals (SDGs)?
Für uns sind die SDGs Messlatte für unser eigenes Handeln. Auf dieser Grundlage wurde die Entscheidung getroffen, das Umweltmanagementsystem EMAS und den Standard ISO 14001 für die Betriebsabläufe zu implementieren. Die Beschaffungsrichtlinie der Heinz Sielmann Stiftung berücksichtigt Aspekte der Nachhaltigkeit. Die Energieversorgung an drei Standorten wurde komplett auf erneuerbare Energien umgestellt. Der Fuhrpark wird kurzfristig mit Fahrzeugen bestückt, die die Abgasnorm EURO-6d-Temp erfüllen. Mit Angeboten für Jobfahrräder und Jobtickets wird es Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erleichtert, den Arbeitsweg klimafreundlich zurückzulegen. Für uns sind die Themen Ökologie, Ökonomie und Soziales immer ein harmonischer Dreiklang. An diesen Schrauben können und sollten auch Stiftungen drehen, deren Stiftungszweck nicht offensichtlich etwas mit Natur und Umwelt zu tun hat. Die Anlagestrategie für das Kapital ist ein weiterer Bereich, in dem Stiftungen Verantwortung für unsere Mitwelt übernehmen müssen. Mit dem stiftungseigenen NaturschutzFonds Deutschland setzen wir auf eine nachhaltige Kapitalanlage. Er orientiert sich an globalen nachhaltigen Anleihen- und Aktienindizes. Der Fonds zeigt seit seiner Auflage eine überdurchschnittliche gute Performance. Als Stiftungsfonds ist er für 99 weitere gemeinnützige Stiftungen geöffnet.

Sie arbeiten schon seit 25 Jahren in den Bereichen Natur- und Artenschutz. Wie können Sie auch heute die jüngeren Generationen wirkungsvoll ansprechen?
Wir sprechen alle Generationen zielgruppengerecht an und haben unsere Präsenz in den sozialen Netzwerken verstärkt. Unsere Internetseite wurde konsequent auf „mobile first“ umgestellt und Themen werden passgenau für die jeweiligen Kanäle aufbereitet. Das passiert aber nicht nur virtuell im Netz, sondern vor allem durch persönlichen Kontakt und unmittelbares Erleben im Rahmen unserer Umweltbildungsangebote. Denn kein Foto auf Instagram kann das reale Erleben etwa der Heideblüte im Sonnenuntergang oder eines leibhaftigen Wisents ersetzen. Es kann aber sehr wohl Lust darauf machen, in die Natur zu gehen und sich mit Flora und Fauna auseinanderzusetzen. Dazu bieten wir in unseren Natur-Erlebniszentren Gut Herbigshagen bei Duderstadt und Wanninchen in der Niederlausitz die Möglichkeit.

Welche Rolle spielt Ihr Engagement Center für die zukünftige Entwicklung? 
Wir zeigen Wege auf, Zeichen für die Nachhaltigkeit zu setzen und Gutes zu bewirken. Das Engagement Center bedeutet für uns als Stiftung, dass wir klare Angebote vom Biotopbaustein bis hin zu Zustiftungen vermitteln. Der langfristige Kontakt und das gemeinsame Ziel ermöglichen es uns auch, gemeinsam mit unseren Spenderinnen und Spendern in die Zukunft zu blicken; dazu gehören auch das Erbschaftsmarketing und das Nachlassmanagement. Ich bin überzeugt, dass sich diese Transparenz weiterhin in einem nachhaltigen Vertrauensverhältnis für unsere Stiftungsarbeit niederschlägt. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigen die Auszeichnungen mit dem DZI Spenden-Siegel und dem Spendenzertifikat des Deutschen Spendenrats.

Die Leonardo DiCaprio Foundation hat zusammen mit prominenten Philanthropinnen und Philanthropen die Earth Alliance gegründet, um noch mehr Wirkung für den Klimaschutz zu erzielen. Könnten Sie sich eine solche Multiakteurspartnerschaft für Ihre Stiftung vorstellen? 
Im Sinne des SDG 13 „Maßnahmen zum Klimaschutz“ und des SDG 17 „Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“ setzt sich die Heinz Sielmann Stiftung gemeinsam mit anderen Stiftungen und Akteuren international für die biologische Vielfalt ein. Als erste deutsche Nicht­regierungsorganisation wurden wir im Jahr 2018 technischer Partner der African Forest Landscape Restoration Initiative (AFR100) zur Wiederbewaldung von 100 Millionen Hektar Land auf dem afrikanischen Kontinent. Beispielhaft dafür stehen die stiftungseigenen Wiederbewaldungsprojekte in Äthiopien und Uganda mit lokalen Partnern. Außerdem gehört die Stiftung zu den Gründern der Plattform F20, eines globalen Zusammenschlusses von Stiftungen. Das Bündnis versteht sich als Brücke zwischen Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen. Die Netzwerke müssen zum Stiftungszweck und den bestehenden Projekten passen, dann erzeugen sie einen Mehrwert für die Stiftung. Dabei muss die eigene Rolle sichtbar bleiben. Für weitere Kooperationen auf nationaler oder internationaler Ebene ist die Heinz Sielmann Stiftung unter diesen Voraussetzungen immer offen.

Haben Sie Erfolg mit diesem Ansatz? 
Unsere Stiftung setzt deutschlandweit und international konkrete Projekte um. Die praktische Erprobung von Modellvorhaben und die Entwicklung von Best-Practice-Beispielen ist zielführend für die Umsetzung der SDGs. Diese Bausteine führen zu systemischen Veränderungen, denn aus ihnen heraus entstehen Kräfte, die wiederum Änderungen in der politischen Landschaft anstoßen. Dass wir damit erfolgreich sind, zeigt sich am Beispiel des Biotopverbunds Bodensee. In den letzten 15 Jahren wurden 131 Biotopbausteine an 44 Standorten gemeinsam mit Städten und Gemeinden geschaffen. Das ist ein großer Erfolg für den Erhalt der biologischen Vielfalt in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft. Das Vogel-Monitoring am Heinz-Sielmann-Weiher bei Billafingen im Bodenseekreis zeigt die Wirkung dieses Engagements. Nach Einrichtung des fünf Hektar großen Weihers stieg die Anzahl beobachteter Vogelarten bis heute auf 181 an, 14 davon wurden sogar neue Brutvögel. Weitere Biotopverbünde, zum Beispiel in Ravensburg und Nordost-Bayern, folgen und werden nach diesem Erfolgsrezept aufgebaut.

 

Interview: Dr. Annette Kleinbrod

Beitrag aus: Stiftungswelt Herbst 2019

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