Von Lerneffekten und Gänsehautmomenten

DFL Stiftung/Witters

Bei der „Tandem Young Coach-Ausbildung“ lernen junge Menschen mit und ohne Behinderung im Tandem, als Fußballtrainer*innen zu arbeiten. Autorin Mara Pfeiffer hat Anfang Juni ein Tandem in Mainz begleitet. Die DFL Stiftung fördert die Ausbildung der SCORT Foundation.

„Drei – zwei – eins!“ „Fuß!“ Tumulte auf dem Kunstrasenplatz am WOLFGANG FRANK CAMPUS des Mainzer Bruchwegs. Zehn, fünfzehn, zwanzig Füße suchen Kontakt mit Fußbällen. Kinder lachen, stolpern, überlegen, die Zunge zwischen die Lippen gepresst. Fabian Schwalbach sieht der Gruppe zu. Er ist hochkonzentriert. Der 22-Jährige war es, der gerade das Wort „Fuß“ über den Platz gerufen hat, nachdem sein Trainer Bruno Pasqualotto von drei runtergezählt hatte.

Fabian, den hier alle Fabi nennen, beobachtet die Gruppe und erspäht einen Jungen, der – mit einem Fuß auf dem Ball – alleine sein Gleichgewicht nicht halten kann. Der junge Mann sucht Blickkontakt mit Bruno, der ihm aufmunternd zunickt. Fabi nähert sich dem wackeligen Jungen, umfasst vorsichtig seine Arme und hilft ihm dabei, festen Halt zu finden. Die beiden strahlen einander an.

Es ist genau diese Szene, die dazu führt, dass Instruktor Tim Müller später ein dickes Sonderlob für Fabi aussprechen und ihm eine besondere Gabe attestieren wird. „Du siehst Dinge, nimmst wahr, was wichtig ist!“ Doch das weiß der Blondschopf mit Trisomie 21, der an der „Tandem Young Coach-Ausbildung“ teilnimmt, in diesem Moment in der Hitze eines Junimorgens noch nicht. Fabi ist einfach nur zufrieden damit, erfolgreich Hilfestellung geleistet zu haben.

AUSBILDUNGSWOCHE IN MAINZ

Insgesamt zwölf „Tandems“ sind in dieser Juniwoche in Mainz zu Gast: Jugendliche und junge Erwachsene mit körperlicher oder geistiger Behinderung, samt einer Vertrauensperson – oft Trainer*innen. Gemeinsam nehmen sie an der besonderen Ausbildung der SCORT Foundation, organisiert von der Football Club Social Alliance, teil. Unterstützt wird die Ausbildung, die fünf Tage dauert, von der DFL Stiftung und der DFB-Stiftung Sepp Herberger. Ziel ist, Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu befähigen, im Fußball als Trainer*in tätig zu sein. Für Fabi ist es ein Heimspiel: Er ist riesiger Fan vom 1. FSV Mainz 05 und begeistert davon, hier zu sein.

Am ersten Tag steht in der MEWA Arena zunächst Teambuilding und Kommunikation auf dem Programm: Ohne geht im Teamsport schließlich nichts! Nachmittags beschäftigen die jungen Teilnehmer*innen sich mit dem Handbuch, in dem verschiedene Übungseinheiten in leichter Sprache und mit gut verständlichen Illustrationen aufgeführt sind. Nach der Kaffeepause folgt die Einheit in Selbstwahrnehmung: Wie ist es, im Stadion mit Rollstuhl unterwegs zu sein? Das ist eine ganz neue Erfahrung für alle Beteiligten.

Fabi spielt Fußball, seit er denken kann. Früher mit Freund*innen oder auch mal mit seiner älteren Schwester. „Die ist aber schon lange ausgezogen.“ Er lacht. Seit 2013 gehört Fabi zum „Team United“, der inklusiven Fußballmannschaft von Teutonia Köppern. Bruno ist dort sein Trainer und zudem Gründer des Teams. Als Coach einer D-Jugend hat er vor zwölf Jahren einen Jungen mit kognitiver Beeinträchtigung in seine damalige Mannschaft geholt, der sich zuvor nur Absagen eingehandelt hatte. „Die Jungs haben das überragend gemacht“, erinnert er sich. So entstand die Idee für ein inklusives Team, in dem inzwischen rund 60 Menschen allen Alters kicken.

ÜBER DIE TANDEM YOUNG COACH-AUSBILDUNG

Die Ausbildung in Tandems gibt es seit 2010. Entstanden ist sie aus dem „Special Youth Camp“ der SCORT Foundation. „Da haben wir gemerkt, dass die Kinder und Jugendlichen ein starkes Bedürfnis haben, etwas weiterzugeben“, erzählt Projektmanagerin Lea Hinnen. Sie hat in der Vergangenheit vor allem beeindruckt, wie beide Tandempartner voneinander lernen. Lebhaft erzählt sie von einem Vater, für den eine Vertrauensübung mit seinem behinderten Sohn eine emotionale Erfahrung war: Weil er es nicht kannte, sich auf den Jungen zu verlassen. „Es ist toll, zu sehen, wenn jemand merkt: Ich darf meinem Kind mehr zutrauen“, sagt Hinnen.

„Ich will Kindern Fußball beibringen“, erklärt Fabi, der total motiviert ist für seine Ausbildung. Wissensvermittlung, das kennt er aus der Arbeit im Kindergarten, der er mit Liebe nachgeht. Am zweiten Ausbildungstag erarbeiten die Tandems Übungseinheiten. Fabi und Bruno sind für die Aufwärmübungen zuständig. Eine davon, den Magneten, kennen sie aus ihrem eigenen Training. Fabi hat direkt eine Idee dafür, wie er sie vermitteln möchte. Dazu haben die Young Coaches mit Kindern aus einer Förderschule in dieser Woche gleich zweimal die Gelegenheit.

Auch fünf so genannte Instruktor*innen aus Proficlubs arbeiten an diesen Tagen mit den jungen Menschen. Sie beobachten, notieren und helfen bei Fragen weiter. Willy Schmid (74) und Brigitta Fumagalli (67) sind vom FC Basel angereist. Sie arbeiten schon seit 2008 für die SCORT Foundation und ihre Ruhe färbt auf die jungen Traineranwärter*innen ab. Zwischen den Einheiten scherzt Brigitta gut gelaunt mit einem der Jugendlichen, Willy fachsimpelt mit einer Young Coach über einen Elfer, der am Vorabend in der Nations League gepfiffen wurde.

Der gesamte Bericht ist auf der Website der DFL Stiftung zu finden.