Post-COVID: Carstens-Stiftung weitet Forschungsförderung aus

Copyright Porträt Dr. Jeitler: Immanuel Krankenhaus Berlin, Foto: Carolin Ubl
Dr. Heidemarie Haller & Dr. Michael Jeitler

Ein Projekt leitet Prof. Dr. Gustav Dobos, Universitätsklinikum Essen, ein weiteres Dr. Michael Jeitler, Charité Berlin. Beide setzen auf eine Steigerung der Selbstwirksamkeit der Betroffenen, um die Symptombelastung zu verringern. Im Idealfall liefern sie daneben neue Erkenntnisse über das wissenschaftlich immer noch wenig durchdrungene Phänomen.

Patientendaten aus aller Welt zeigen, dass nach akuter SARS-CoV-2-Infektion die Gesundheit noch Monate durch Spätfolgen beeinträchtigt sein kann – und das nicht nur bei PatientInnen, bei denen ein Krankenhausaufenthalt notwendig war, sondern auch nach milden Verläufen. (1) Die Prävalenzen von länger als 6 Monaten schwanken zwischen 18 und 67%. (2) In den bisherigen Untersuchungen finden sich mehr als 50 vielfältige und unspezifische Symptome. (3) Zwar lassen sich diese zu Clustern zusammenfassen, etwa Fatigue, kardiopulmonalen Symptomen (z.B. Dyspnoe), neurokognitiven Symptomen (z.B. Konzentrationsstörungen), Schmerzen, sensorischen Störungen (z.B. Geruchsverlust) und psychischen Störungen (z.B. Depression); hinreichend erklärende Faktoren für einen ursächlichen Zusammenhang sind allerdings noch nicht gefunden. Insgesamt bleibt Post-COVID damit schwer greifbar und ist in seiner Ausprägung mit sogenannten medizinisch unerklärbaren Syndromen (MUS) vergleichbar.

Potenzial der Komplementären und Integrativen Medizin

Obwohl die beschriebenen Symptome bekannten funktionellen oder psychosomatischen Diagnosen ähneln, für deren Behandlung integrativmedizinische Ansätze die mitunter beste Evidenz aufweisen, werden 91% der PatientInnen mit MUS ausschließlich von Allgemeinmedizinern und Fachärzten für somatische Medizin betreut. (4) "Naturheilkundlich-regulationsmedizinische Ansätze bergen somit das Potenzial, sowohl Therapieoptionen als auch Erklärungen für Symptome zu finden, die zum jetzigen Zeitpunkt durch ein rein biophysiologisches Krankheitsmodell nicht zu fassen sind", sagt Prof. Dr. Gustav Dobos, Direktor des Zentrums für Naturheilkunde und Integrative Medizin des Universitätsklinikums Essen.

Was man nämlich weiß, ist, dass Symptomakzeptanz, Reduktion von Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten, Entwicklung von Achtsamkeitsskills, Selbsthilfestrategien, Steigerung der Selbstwirksamkeit, Steigerung der physischen Aktivität und die wahrgenommene soziale Unterstützung zu den Mechanismen gehören, die die MUS-Symptomatik beeinflussen. (5-9) Genau diese sind eine Domäne traditioneller Naturheilverfahren, finden sich beispielsweise in den fünf Therapiesäulen nach Kneipp: Ernährung, Bewegung, Hydrotherapie, Phytotherapie und Ordnungstherapie.

Projekt: Multimodales Gruppenprogramm auf Basis von Kneipp

Ein Forscherteam um Prof. Dr. Dobos und Dr. Heidemarie Haller wird in Kooperation mit Prof. Dr. Dr. Mark Stettner und Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz aus der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Essen eine einfach verblindete, randomisiert kontrollierte Studie mit zwei Armen durchführen. Insgesamt sollen 86 ProbandInnen mit Post-COVID-Syndrom eingeschlossen und zufällig in zwei Gruppen verteilt werden.

Gruppe 1 wird ein 10-wöchiges Gruppenprogramm durchlaufen, das auf den Therapiesäulen nach Kneipp basiert. Die ProbandInnen werden einmal wöchentlich in einem Umfang von jeweils drei Stunden zusammenkommen, demnach wird es zu jeder Kneipp‘schen Säule zwei Einheiten geben. Diese beinhalten einen edukativen und einen praktischen Teil mit dem Ziel, eigene Strategien zur Krankheitsbewältigung zu entwickeln und diese aktiv in den Alltag zu integrieren. Pflanzenbasierte Vollwertkost und medizinische Tees sollen genutzt werden, um die Rekonvaleszenz zu stärken. Achtsame Bewegungseinheiten in der Natur sollen dabei helfen, die Wirkung des Tageslichts bzw. von Vitamin D auf das Immunsystem zu nutzen. Im Bereich Hydrotherapie werden Wasseranwendungen, Trockenbürstungen sowie Wickel und Auflagen zum Einsatz kommen. Es wird eine ärztliche Beratung zu pflanzenheilkundlichen Optionen bei individuellen Symptomen wie Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, Schmerzen, Husten, Ängsten oder Gedankenkreisen geben. Ordnungstherapeutisch soll schließlich eine Balance der Lebensführung in beruflichen, familiären und sozialen Bereichen erleichtert werden. Hierzu werden beispielsweise Entspannungs- und Meditationsverfahren vermittelt. Um das Gelernte zu vertiefen, erhalten die TeilnehmerInnen in Gruppe 1 zusätzlich ein Selbsthilfebuch und 'Hausaufgaben'.
Gruppe 2 stellt die Kontrollgruppe dar und wird zunächst auf eine Warteliste gesetzt. In beiden Gruppen ist zu jedem Zeitpunkt jeweils die Standardtherapie (zusätzlich) erlaubt. Ebenso soll in beiden Gruppen ein Symptom- und Therapietagebuch geführt werden.

Geprüft werden soll in erster Linie, ob das Gruppenprogramm als Add-On zur Standardtherapie die Selbsthilfefähigkeiten besser steigern und die Belastung durch die Post-COVID-Symptome stärker lindern kann, als die Standardtherapie allein. Auch Parameter der Lebensqualität, der kardiovaskulären bzw. pulmonalen Leistungsfähigkeit und des sog. Flourishings, des "Aufblühens" der ProbandInnen als motivierte Persönlichkeiten, werden u.a. zu vier Zeitpunkten vor, während und bis zu 16 Wochen nach Ende der Interventionsphase erfasst.

Projekt: Multimodales Online-Angebot und Biosignalanalyse

Einen ähnlichen Weg geht auch das zweite Forscherteam, mit einem Unterschied: auch hier werden Grundprinzipien einer pflanzenbasierten Vollwerternährung, der Hydrotherapie nach Kneipp, naturheilkundliche Selbsthilfestrategien sowie Elemente der Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin vermittelt – allerdings online. "Die Studie stellt einen Prototyp für die optimale Nutzung moderner digitaler Tools in naturheilkundlichen Versorgungssituationen dar und könnte als Best-Practice-Modell für Online-Therapieansätze fungieren", sagt Dr. Michael Jeitler, Stellv. Forschungskoordinator in der Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin. Hierfür gibt es einen dringenden Bedarf, denn man weiß, dass in Präsenz nur ein Sechstel der Bevölkerung mit entsprechenden praxisnah vermittelten Lebensstilinterventionen erreicht wird. (10)

Die Hypothese: Die körperliche Belastbarkeit von PatientInnen mit Post-COVID-Syndrom verbessert sich durch eine Kombination aus naturheilkundlicher Therapie im Online-Setting und Routineversorgung stärker als durch die Routineversorgung allein. Insgesamt 120 ProbandInnen sollen in die zweiarmige, randomisiert-kontrollierte Studie eingeschlossen werden. Gruppe 1 wird über einen Zeitraum von 2 Monaten einmal wöchentlich eine Online-Schulung von jeweils 120 min. Dauer erhalten. Dazu wird es die Empfehlung geben, das Gelernte täglich in etwa 30-minütigen Übungen zuhause zu vertiefen. Ebenso soll ein Online-Tagebuch geführt werden. Die Beobachtungsdauer pro PatientIn beträgt 12 Monate. Die Kontroll-Gruppe 2 wird auch hier zunächst auf eine Warteliste gesetzt.

Ein Highlight des Projekts stellt eine physiologische Teilstudie dar, in welcher die Etablierung und Validierung einer Biosignal-Charakterisierung des Post-COVID-Syndroms und insbesondere der prominenten Fatigue-Symptomatik (11) im Mittelpunkt steht. Hierzu werden bei PatientInnen mit Fatigue gleichzeitig Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz, Puls, elektrodermale Aktivität und Hirnaktivität gemessen. "Dieser Ansatz soll ermöglichen, die bislang schwer objektivierbaren klinischen Symptomveränderungen der Fatigue objektiv zu quantifizieren", so Dr. Jeitler. "Wir erhoffen uns ein besseres Verständnis über die Fatigue selbst sowie ihre Rolle im Post-COVID-Syndrom. Idealerweise wird dies zukünftig die Diagnose verbessern."

Darüber hinaus wird es eine eingebettete qualitative Teilstudie geben. Nach zwei Monaten werden sowohl einige ProbandInnen als auch behandelnde HausärztInnen in Einzelinterviews zu ihren Wahrnehmungen und Erfahrungen befragt, um die naturheilkundlichen Interventionen langfristig noch besser auf die Bedürfnisse und Bedarfe der PatientInnen anpassen zu können.

Die Carstens-Stiftung
Die gemeinnützige Karl und Veronica Carstens-Stiftung wurde 1981 vom damaligen Bundespräsidenten und seiner Ehefrau gegründet. 40 Jahre nach ihrer Gründung ist die Carstens-Stiftung eine bedeutende Wissenschaftsorganisation auf dem Gebiet der Naturheilkunde und Komplementärmedizin und hat mit einer Fördersumme von 40 Millionen Euro über 300 Forschungsprojekte unterstützt. Sie setzt sich für die Verankerung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin in der medizinischen Forschung und Patientenversorgung ein. Hauptaufgaben sind die Förderung wissenschaftlicher Forschung und des medizinischen Nachwuchses sowie die fundierte Aufklärung über Anwendung und Nutzen naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Verfahren.

Literatur:
(1) Förster, C., M.G. Colombo, A.-J. Wetzel, P. Martus, and S. Joos, Persistierende Symptome nach COVID-19. Dtsch Arztebl International, 2022. 119(10): p. 167-174. Link
(2) Wong-Chew RM, Rodríguez Cabrera EX, Rodríguez Valdez CA, Lomelin-Gascon J, Morales-Juárez L, de la Cerda MLR, Villa-Romero AR, Arce Fernández S, Serratos Fernandez M, Bello HH et al: Symptom cluster analysis of long COVID-19 in patients discharged from the Temporary COVID-19 Hospital in Mexico City. Ther Adv Infect Dis 2022, 9:20499361211069264. Link
(3) Lopez-Leon S, Wegman-Ostrosky T, Perelman C, Sepulveda R, Rebolledo PA, Cuapio A, Villapol S: More than 50 Long-term effects of COVID-19: a systematic review and meta-analysis. medRxiv 2021. Link
(4) Haller H, Cramer H, Lauche R, Dobos G: Somatoform disorders and medically unexplained symptoms in primary care. Dtsch Arztebl Int 2015, 112(16):279-287. Link
(5) Pourová M, Klocek A, Řiháček T, Čevelíček M: Therapeutic change mechanisms in adults with medically unexplained physical symptoms: A systematic review. J Psychosom Res 2020, 134:110124. Link
(6) 21. Sarter L, Heider J, Kirchner L, Schenkel S, Witthöft M, Rief W, Kleinstäuber M: Cognitive and emotional variables predicting treatment outcome of cognitive behavior therapies for patients with medically unexplained symptoms: A meta-analysis. J Psychosom Res 2021, 146:110486. Link
(7) Larun L, Brurberg KG, Odgaard-Jensen J, Price JR: Exercise therapy for chronic fatigue syndrome. Cochrane Database Syst Rev 2017, 4(4):Cd003200. Link
(8) Leaviss J, Davis S, Ren S, Hamilton J, Scope A, Booth A, Sutton A, Parry G, Buszewicz M, Moss-Morris R et al: Behavioural modification interventions for medically unexplained symptoms in primary care: systematic reviews and economic evaluation. Health Technol Assess 2020, 24(46):1-490. Link
(9) van Gils A, Schoevers RA, Bonvanie IJ, Gelauff JM, Roest AM, Rosmalen JG: Self-Help for Medically Unexplained Symptoms: A Systematic Review and Meta-Analysis. Psychosom Med 2016, 78(6):728-739. Link
(10) Jordan, S. and E. von der Lippe, Teilnahme an verhaltenspräventiven Maßnahmen. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 2013. 56(5): p. 878-884. Link
(11) Ortelli, P., D. Ferrazzoli, L. Sebastianelli, M. Engl, R. Romanello, R. Nardone, I. Bonini, G. Koch, L. Saltuari, A. Quartarone, A. Oliviero, M. Kofler, and V. Versace, Neuropsychological and neurophysiological correlates of fatigue in post-acute patients with neurological manifestations of COVID-19: Insights into a challenging symptom. Journal of the neurological sciences, 2021. 420: p. 117271-117271. Link