Frau Paus, wie kann bürgerschaftliches Engagement gestärkt werden?

Bild: Laurence Chaperon

"Bürgerschaftliches Engagement ist sehr wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt", bekräftigt Lisa Paus. Doch wie kann dieses Engagement in Deutschland gestärkt werden? Dazu wird die Bundesfamilienministerin auf dem Deutschen Stiftungstag 2022 eine Keynote halten. Unser Vorab-Interview mit ihr.

Sie sind Bundesengagementministerin. Wie viele Menschen sind in Deutschland ehrenamtlich engagiert und warum ist bürgerschaftliches Engagement so wichtig für unsere Gesellschaft? 

Bürgerschaftliches Engagement ist sehr wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stärkung der demokratischen Werte. Das gilt ganz besonders in Zeiten wie diesen, wo Krieg in einem Nachbarland der EU herrscht, wo die Preise steigen wie seit langem nicht mehr und wo der Klimawandel zu Hitze und Trockenheit führt.

Da ist es ein Zeichen der Hoffnung, wenn sich immer mehr Menschen freiwillig engagieren: 2019 waren es 40 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland, fast zu gleichen Teilen Frauen und Männer. Zwanzig Jahre vorher waren es noch gut 30 Prozent.

Dabei ist das Engagement so bunt wie unsere Gesellschaft. Die meisten Menschen engagieren sich im Bereich Sport und Bewegung, andere in Kultur und Musik, im sozialen Bereich, für Schule und Kindergarten, für die Kirchen, für die Umwelt, für Naturschutz und Tierschutz. Besonders schön finde ich den am häufigsten genannten Grund, warum Menschen das tun:  Spaß und Freude am Engagement.

In welchem gesellschaftlichen Bereich ist bürgerschaftliches Engagement im Jahr 2022 am wichtigsten? Rücken in Anbetracht der heutigen Krisen - Corona, Ukraine-Krieg - neue Aufgaben und Bedürftige stärker in den Fokus? 

Die Stärke des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland liegt gerade darin, dass sich die unterschiedlichsten Menschen für die verschiedensten Themen unserer pluralistischen Gesellschaft engagieren. Um dies zu unterstützen, wurde vor zwei Jahren auf Initiative unseres Ministeriums die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt – DSEE - gegründet.

Aber natürlich rücken in Krisenzeiten bestimmte Themen in den gesellschaftlichen Fokus. Dies ist in 2022 vor allem der Ukraine-Krieg und die Menschen, die vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet sind. Die Hilfsbereitschaft war und ist hoch, um den aus der Ukraine geflüchteten Menschen in Deutschland das Ankommen zu erleichtern.

So hat auch die DSEE schnell und flexibel reagiert. Sie hat das Netzwerk "Alliance4Ukraine" mitbegründet, hat Tausende FFP/2-Masken am Berliner Hauptbahnhof verteilt und Mitte Juli das neue Förderprogramm "Ehrenamt hilft gemeinsam - ankommen, mitmachen, Gesellschaft gestalten" gestartet.  Wir haben sie mit 15 Millionen Euro zusätzlich unterstützt.

Wie wichtig ist bürgerschaftliches Engagement im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus? Das Ministerium fördert in diesem Bereich ja zahlreiche Initiativen: Was ist hier erfolgreich? Und wo braucht es stärkeres Engagement?

Das Engagement der Zivilgesellschaft ist hier essentiell. Der Staat braucht die Unterstützung engagierter Bürger*innen, die sich aktiv für unsere Demokratie einsetzen und deren Gegnern entschieden entgegentreten. Zur Förderung dieses Engagements hat unser Ministerium im Jahr 2015 das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ ins Leben gerufen, das sich mittlerweile in seiner zweiten Förderperiode befindet. Zurzeit werden darüber rund 600 Projekte unterstützt. Das Programm setzt dabei an den „Orten der Prävention“ an, also z.B. ganz konkret in Familien, Bildungseinrichtungen, bei den Peergruppen, der Freizeitgestaltung, im Netz oder dem Strafvollzug.

„Das Engagement der Zivilgesellschaft ist [...] essentiell. Der Staat braucht die Unterstützung engagierter Bürger*innen, die sich aktiv für unsere Demokratie einsetzen und deren Gegnern entschieden entgegentreten.“

Lisa Paus, Bundesfamilienministerin

So sollen junge Menschen erreicht werden, die gefährdet sind, demokratie- und menschenfeindliche Haltungen zu entwickeln oder sich zu radikalisieren.„Demokratie leben!“ ist als lernendes, das heißt auf Veränderung angelegtes Programm konzipiert. So ist es möglich, schnell zu reagieren, wenn neue Probleme auftauchen – wie zum Beispiel der Umgang mit Verschwörungsnarrativen im Zuge der Corona-Pandemie.


Was können Stiftungen tun, um das Engagement in Deutschland weiterhin zu stärken?

Stiftungen sind als "Pioniere" und "Motoren des Wandels" ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Mit ihren Angeboten tragen sie dazu bei, dass Kommunikation zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen stattfindet.

Eine besondere Rolle kommt dabei den Bürgerstiftungen zu: sie sind ein Beispiel für Graswurzeldemokratie, an der sich jeder in seinem persönlichen Umfeld beteiligen kann. Zudem bieten sie gute Möglichkeiten, zügig und lokal durch solidarisches Handeln auf gesellschaftliche Probleme zu reagieren.

Deshalb unterstützen wir als Ministerium seit Jahren den Bürgerstiftungsgedanken und fördern aktuell das Projekt „Bürgerstiftungen im Blick! - Lokales Engagement für Zusammenhalt und Nachhaltigkeit stärken!“ des Bundesverbands Deutscher Stiftungen.

Der Bundesverband ist eine der 24 Trägerorganisationen des Programms „Menschen stärken Menschen“. Mehr als 176.000 Patenschaften hat das Programm schon gestiftet. Was ist das Ziel von solchen Patenschaften und für wen kommen sie in Frage?

Das Programm "Menschen stärken Menschen" unterstützt Patenschaften, in denen sich Menschen für andere Menschen einsetzen und dabei auch ihre persönlichen Beziehungen in die Waagschale werfen. Das Programm ist sehr erfolgreich dabei, diejenigen zu erreichen, denen eine Perspektive für die Zukunft fehlt und die durch andere Angebote schwer zu erreichen sind.

Ziel ist es, auch diese Menschen in die Gemeinschaft zu integrieren und ihnen die Möglichkeit zu gleichberechtigter Teilhabe zu bieten. So werden auch im Angesicht des Ukrainekonflikts die Strukturen des Programms genutzt, um Geflüchtete hier in Deutschland zu unterstützen.

Kern des Programms sind Patenschaften, etwa bei niedrigschwelliger Alltagsbegleitung, bei der Erschließung der Nachbarschaft, bei Hausaufgabenbetreuung oder beim Lernen für den Schulabschluss. Dabei kann es sich um 1:1-Beziehungen, Familienpatenschaften oder Gruppenpatenschaften handeln.