Das »Wissen der Vielen« nutzen: Stadtentwicklung als kollaborativer Prozess

Wie können Orte des Gemeinsamen in Zukunft aussehen und funktionieren? Dies war die Ausgangsfrage eines offenen Planungsprozesses für eine neue Art der Stadtentwicklung, den die Schöpflin Stiftung in Lörrach in den letzten vier Jahren gemeinsam mit den Menschen vor Ort erprobt hat. Begonnen hat alles mit 15.000 Quadratmetern unbebauter Fläche im Herzen unseres Heimatstandorts Lörrach-Brombach, direkt gegenüber des »Stammsitzes« der Stiftung. Auf dem brachliegenden stiftungseigenen Grundstück sollte etwas Neues entstehen.

Ein erster Planungswettbewerb brachte zwar einen vielgelobten Entwurf für ein Wohnquartier, doch traf er nicht den Kern dessen, was uns vorschwebte: Einen Ort zu schaffen, in dem das Miteinander im Vordergrund steht, der erobert, genutzt und gemeinsam »belebt« werden will. Uns wurde bewusst, dass so ein Ort nicht entstehen kann ohne die Menschen, für die er gedacht ist. Die Stiftung entschied sich für ein Experiment: Das Areal wurde zum Testgelände, auf dem Demokratie und Beteiligung auf ganz unterschiedliche Weise erprobt und erlebt werden sollten.

Hierfür engagierte die Stiftung ein Team um die Künstler Christoph Schäfer und Margit Czenki, die mit ihrer 2014 gegründeten »PlanBude« in Hamburg St. Pauli die Regeln der Stadtplanung auf den Kopf gestellt haben. Ihr Fokus sind durch Kunst geprägte Ansätze, wie Stadt anders gedacht und gebaut werden kann. Dabei setzen sie auf das »Wissen der Vielen«. Für das neue Schöpflin-Gelände schufen sie den Namen »FABRIC«, der widerspiegeln sollte, dass es in diesem Ansatz darum geht, das soziale Gewebe zu erkunden und zu stärken. Der Name dient zudem als Referenz auf das Erbe der Textilindustrie in der Region.

Das FABRIC-Team startete im April 2018 in Lörrach mit einer sechsmonatigen »Wunschproduktion«, bei der Nachbar*innen, Lörracher*innen, Stiftungsmitarbeiter*innen und Gäste aufgerufen waren, ihre Wünsche und Ideen für das Quartier einzubringen. In einem eigens dafür errichteten »Plankiosk« standen den Menschen dafür zahlreiche kreative und auch überraschende Hilfsmittel zur Verfügung. Sie konnten zeichnen, malen, kneten, bauen, die Zukunft des Geländes als Soundtrack konzipieren oder einfach nur (er-)träumen. Alle Ideen und Entwürfe wurden dokumentiert und in einem »Wunscharchiv« gesammelt. Am Ende kamen auf diese Weise über 1.600 Vorschläge zusammen.

Im Februar 2019 wurden die Ergebnisse der »Wunschproduktion« der Öffentlichkeit vorgestellt und im Anschluss daran zu Themenclustern verdichtet und in einer städtebaulichen Machbarkeitsstudie auf ihre Realisierbarkeit hin überprüft. Das FABRIC-Team fungierte dabei als »Anwalt der Wünsche« und sorgte dafür, dass alle Vorschläge gewürdigt wurden. Parallel wurden auf dem Areal immer wieder Angebote geschaffen, die die Menschen zur (Übergangs-)Nutzung einluden: Über »Sommerkantinen« und selbstgebaute Bade-Oasen, bis hin zu Bobby-Car-Rennstrecken und mobilen Pumptracks. Auf diese Weise ist das zukünftige Quartier schon heute ein Ort, den insbesondere Familien und Jugendliche gerne und regelmäßig aufsuchen.

Nach Wunschproduktion und Machbarkeitsstudie stand jedoch noch eine weitere entscheidende Phase des Projekts an: die städtebauliche Planung, in der die Wünsche und Ideen in konkrete und realisierbare Vorschläge umgesetzt wurden. Und auch für diesen Prozessschritt hat sich die Stiftung entschieden, das »Wissen der Vielen« zu nutzen. In einem für städtebauliche Planungen höchst ungewöhnlichen »Werkstattverfahren« wurden vier internationale Architekturbüros sowie Landschaftsarchitekt*innen, Mobilitätsexpert*innen und Energie- und Klimaexpert*innen beauftragt, gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Begleitet wurden sie dabei vom Basler Projektentwicklungsbüro denkstatt sàrl sowie einem Beirat, dem Prof. Dr. Christiane Thalgott, ehemalige Stadtbaurätin aus München, Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg und Andreas Ruby, Direktor des Schweizer Architekturmuseums in Basel, angehörten, außerdem Vertreter*innen der Schöpflin Stiftung, die Bürgermeisterin von Lörrach, Monika Neuhöfer-Avdic, und die Ortsvorsteherin von Brombach, Silke Herzog. Auch dieser sechsmonatige Prozess ist nun seit Ende April erfolgreich beendet.

Das Ergebnis aller Phasen dieses experimentellen und intensiven Beteiligungsprozesses hat uns darin bestätigt, dass nicht nur das Ziel entscheidend ist, sondern auch der Weg dorthin. Denn er färbt auf das Ergebnis ab. Der aus dem Werkstattverfahren entstandene Entwurf, der die Wünsche der Bürger*innen in vielfältiger Weise aufgenommen hat und widerspiegelt, legt den Schwerpunkt auf das Miteinander, so wie es sich auch die Stiftung gewünscht hat:

Es sind öffentliche Workshop- und Werkstatträume vorgesehen, genauso wie Wohnungen für unterschiedliche Formen des Zusammenlebens. In allen Erdgeschossen der bis zu sieben Gebäude wird es öffentliche oder gewerblich nutzbare Flächen geben. Mit einer Ortschaftskantine und einem Café wird dem Wunsch nach einem niedrigschwelligen gastronomischen Angebot Rechnung getragen, in dem nicht der Konsumzwang sondern die Begegnung im Fokus steht. Die Stiftung selbst wird auch in ein Gebäude ziehen und den Ort nutzen, um verstärkt mit den Lörracher*innen in Kontakt und Austausch zu kommen. Alle Gebäude stehen in einem Park; Herzstück des autoarmen Quartiers werden großzügige Freiflächen, die zur Nutzung einladen.

Bis zur Umsetzung wird es noch eine Weile dauern, mit der Fertigstellung der ersten Gebäude ist frühestens Anfang 2026 zu rechnen. Doch schon jetzt können wir als Stiftung sagen, dass sich der aufwändige Prozess gelohnt hat. Für uns ist er ein weiterer Beweis für die Kraft eines Ansatzes, der auf »bottom-up« statt auf »top-down« setzt und auf diese Weise nicht nur die besten Ideen und kreativsten Lösungen hervorbringt, sondern in Verbindung mit einem kollaborativen Prozess das Gemeinschaftliche und den Gemeinsinn in den Mittelpunkt rückt. So wird aus dem »Wissen der Vielen« der »Nutzen der Vielen«.

Kontakt

Larissa Wegner

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