Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze, was können Stiftungen für Nachhaltigkeit tun?

Portraitfoto von Svenja Schulze, Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Bild: BPA/Steffen Kugler

Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze wird am Deutschen Stiftungstag 2022 in Leipzig teilnehmen. Im Kurzinterview erzählt sie uns, wie Stiftungen sich noch mehr für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen können und wie sehr Pandemie und Ukraine-Krieg das Erreichen der Ziele der Agenda 2030 beeinflussen.
 

Frau Schulze, was können deutsche Stiftungen für mehr Nachhaltigkeit tun?

Sehr viele Stiftungen setzen sich seit langem für Nachhaltigkeit ein, für Themen wie Umweltschutz, Bildung, Wissenschaft und vieles mehr. Dass sich der diesjährige Deutsche Stiftungstag dem Thema Nachhaltigkeit widmet, ist ein starkes Signal, denn in Sachen Nachhaltigkeit müssen wir noch viel mehr tun. In diesem Jahr etwa ist der „Earth Overshoot Day“ der 28. Juli. Das ist der Tag, an dem weltweit das aufgebraucht ist, was sich im Laufe des Jahres regenerieren kann. Für Deutschland war dieser Tag schon der 4. Mai. Seitdem leben wir gewissermaßen "auf Pump" – also zulasten der Umwelt, der restlichen Welt und vor allem der folgenden Generationen.

„Dass sich der diesjährige Deutsche Stiftungstag dem Thema Nachhaltigkeit widmet, ist ein starkes Signal, denn in Sachen Nachhaltigkeit müssen wir noch viel mehr tun.“
Svenja Schulze, Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Nachhaltigkeit ist kein Thema, was an den Grenzen Deutschlands Halt macht. Globale Herausforderungen und Bedrohungen lassen sich deshalb auch nur in internationaler Zusammenarbeit lösen. Ich denke etwa an die Lösung von Kriegen und Konflikten, die Klimakrise, das epochale Artensterben und die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen, aber auch Themen wie Armut und Hunger. Bislang arbeitet jedoch nur eine Minderheit deutscher privater Stiftungen international. Auch wenn der Trend steigt – nur etwa zehn Prozent der Stiftungen befasst sich mit nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit oder dem Thema Völkerverständigung. Mehr Stiftungen sollten sich gezielt für die 17 Nachhaltigkeitsziele und die Agenda 2030 engagieren. Die Ziele geben uns eine hervorragende Orientierung darüber, wo wir ansetzen müssen. 

Was können Stiftungen tun, was der Staat nicht tun kann?

Staatliche Entwicklungszusammenarbeit allein reicht nicht, um die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zu erreichen. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich zwar auf vielen Ebenen - wir kooperieren bilateral, also in der direkten Zusammenarbeit mit anderen Staaten, wir arbeiten mit internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder finanzieren die entwicklungspolitischen Aktivitäten der Europäischen Union – doch eine ganz eigene und wichtige Rolle hat die zivilgesellschaftliche Entwicklungszusammenarbeit. Gerade Stiftungen arbeiten auf Basis ihres sozialen und oft unternehmerischen Hintergrunds langfristig und wirkungsorientiert. Es ist gut und wichtig, dass Stiftungen ihre Projekte, in eigener Verantwortung entwickeln und durchführen, getreu dem Subsidiaritätsprinzip. Bürgerschaftliches und stifterisches Engagement soll sich entfalten und wird von uns mit Rat, Tat und Finanzierungszuschüssen unterstützt. Das erlaubt viel Raum für Innovation.

Um ein Scharnier zwischen meinem Ministerium und der Stiftungs- und Philanthropielandschaft zu bilden, haben wir bei Engagement Global eine spezialisierte Servicestelle eingerichtet. Sie dient als Ansprechpartner für alle, die sich in Entwicklungsländern, aber auch hier in Deutschland in der Bildung für nachhaltige Entwicklung einbringen möchten.

Wie haben Pandemie und Ukraine-Krieg das Erreichen der Agenda 2030 beeinflusst?

Gegenwärtig erleben wir viele Krisen, die sich überlagern und verstärken.  Die Corona-Pandemie zeigt das besonders deutlich. Gerade für die ärmeren Länder ist sie zu einer Poly­pan­demie geworden mit gesund­heit­lichen, aber auch mit wirt­schaft­lichen und sozialen Folgen. Es gibt Rückschritte in allen Bereichen der Agenda 2030, die sich nicht so schnell wieder aufholen lassen. So waren die Schulen lange geschlossen und Kinderarbeit hat zugenommen. Tuberkulose und Malaria breiten sich wieder besonders aus und fordern viele Todesopfer. Sehr, sehr vielen Ent­wick­lungs­ländern fehlen die Strukturen und die finanziellen Mittel, um auf diese vielschichtigen Pan­de­mie­folgen reagieren zu können.

Hinzu kommt, dass die Pandemie noch nicht überwunden ist und jetzt auch noch die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine bewältigt werden müssen, durch den sich die weltweite Ernährungs­lage nochmals dramatisch verschärft hat. Die Lebensmittelpreise sind weltweit um ein Drittel gestiegen und jetzt auf Rekordniveau. Es droht die schwerste Hungers­not seit dem Zweiten Weltkrieg. Putin führt Krieg mit dem Hunger. Er nutzt aus, dass viele Länder auf der Welt abhängig sind von russischen und ukrainischen Agrarprodukten. Auf dem G7-Treffen der Entwicklungsministerinnen und -minister im Mai haben wir deshalb ein Bündnis für globale Ernährungssicherheit gestartet, um unser Engagement zur Bekämpfung der Hungerkrise zu bündeln und international abzustimmen, um Hunger mit gemeinsamer Kraft zu bekämpfen. So erreichen wir viel mehr als jeder und jede für sich.