Der Fuggerei-Code

Brunnen in der Fuggerei
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Foto: Eckhart Matthäus

Seit einem halben Jahrtausend bietet die Fuggerei in Augsburg Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine soziale Heimat – und trägt damit zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums soll das Erfolgsmodell nun auch in anderen Ländern Wirklichkeit werden. Über einen Stiftungszweck für die ganze Welt.

Den Begriff des gesellschaftlichen Zusammenhalts definiert wohl jeder und jede für sich ein bisschen anders. Der eine ist schon zufrieden, wenn man sich freundlich grüßt und weiß, dass der Nachbar zuverlässig ein Paket entgegennimmt. Andere sind in Nachbarschaftsinitiativen aktiv oder haben ein Ehrenamt übernommen. Auch viele Stiftungen engagieren sich im Bereich der Chancengleichheit bzw. Teilhabe und tragen so zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Darüber hinaus sind sie auch Treiber in Politik und Gesellschaft.

Jede noch so kleine Initiative ist wichtig, um den aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Stiftungen tun dies im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig, denn sie sind per se auf Ewigkeit angelegt. So manche Stiftung hat ihr Wirken bereits vor vielen hundert Jahren begonnen – ganz nach dem Willen und den Vorstellungen ihres Stifters. So wie vor 500 Jahren am 23. August 1521: Damals stiftete der Augsburger Kaufmann und Bankier Jakob Fugger „auf ewig“ eine soziale Heimat für Bedürftige seiner Stadt: In der nach ihm benannten Sozialstiftung, der Fuggerei, bot er ihnen ein sicheres und bezahlbares Dach über dem Kopf, dass ihnen die Chance auf ein gelingendes Leben gab – und bis heute gibt.

Wie alles begann

Vor 500 Jahren waren in Augsburg viele Handwerker und Tagelöhner samt ihren Familien von Armut bedroht. Jakob Fugger entschied sich zu handeln und konzentrierte sich mit seiner Stiftung auf die sogenannten Hausarmen: Menschen, die von ihrer Arbeit kaum leben konnten, aber nicht betteln gingen. Als „würdige“ Arme wurden sie teils in Armenhäusern mit Almosen versorgt. Denn öffentliche Bettler galten als „unwürdige“ Arme und standen damals wegen ihrer großen Zahl unter strenger Aufsicht der Stadt.

So leistete Jakob Fugger gezielt Hilfe zur Selbsthilfe. 300 Menschen fanden damals in seiner Fuggerei ein Zuhause. Bedenkt man, dass Augsburg zur damaligen Zeit nur 30.000 Einwohner hatte, wird schnell klar, dass er das damalige Sozialsystem auf einen Schlag deutlich entlastete. Als Bewohner der Fuggerei waren die Hausarmen von der Sorge um ein Dach über dem Kopf befreit, konnten als Familie beieinanderbleiben und durch ihre Arbeit wieder auf die Beine kommen.

Jakob Fugger sah sich immer als Bürger seiner Heimatstadt Augsburg. Für ihn war die Stiftung der Fuggerei eine logische Konsequenz und ein Dienst an seinen Mitbürgerinnen und -bürgern. Es war eine Art Gegenleistung oder anders gesagt: ein Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in seiner Stadt.

Auch wenn er zu den reichsten und erfolgreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit zählte, begegnete Jakob Fugger laut historischen Chroniken den Menschen auf Augenhöhe. Deshalb war es ihm wichtig, dass die Bedürftigen nicht ganz ohne Gegenleistung wie Almosenempfänger in der Fuggerei leben. Im Stiftungsbrief legte er als Gegenleistung drei Gebete am Tag und einen Rheinischen Gulden im Jahr fest – damals etwa der Wochenlohn eines Handwerkers. Und bis heute ist es bei diesem Obolus geblieben: 88 Cent müssen die Bewohnerinnen und Bewohner im Jahr bezahlen, nur die Nebenkosten wie Strom oder Heizung müssen von ihnen selbst getragen werden.

Die Bewohner sind der Fuggerei dankbar, dass sie ihnen die Sicherheit einer Wohnung und damit die Chance auf ein gelingendes Leben gibt. In der Fuggerei können sie aufatmen, zur Ruhe kommen, das Leben neu anpacken und genießen. Und sie freuen sich, dass sie Jakob Fugger mit den drei Gebeten etwas zurückgeben können – auch das gehört zu einer Begegnung auf Augenhöhe: dass man sich bedanken kann. Und schließlich war Jakob Fugger der festen Überzeugung, dass er sein Vermögen von Gott empfangen hat – und er wollte auf Erden etwas davon zurückgeben. Denn er war sich sicher: Ohne Gottes Willen hätte er nie so reich werden können.

Die Fuggerei heute

Bis heute leben in der Fuggerei bedürftige Augsburger Bürgerinnen und Bürger katholischen Glaubens. Ein tiefer Einschnitt war die schwere Bombardierung Augsburgs im Februar 1944, bei der auch die Fuggerei zerstört wurde. Seit ihrem Wiederaufbau haben rund 1.400 Menschen in einer der 140 Wohnungen eine soziale Heimat gefunden – im Schnitt lebten sie dort jeweils rund 14 Jahre. Dabei wurden die Aufnahmekriterien immer wieder an das jeweils herrschende Ausmaß der Bedürftigkeit angepasst.

So war in den Jahren nach den beiden Weltkriegen die Fuggerei nur Älteren zugänglich, da aufgrund der hohen Bewerberzahlen in Zeiten dramatischer Wohnungsnot schlicht
Prioritäten gesetzt werden mussten. In der Nachkriegszeit änderte sich die strukturelle Armut zunehmend, und nach der Einführung der Hartz-IV- Gesetzgebung wurden ab 2008 auch wieder junge Familien und vor allem Alleinerziehende in der Fuggerei aufgenommen. Bis heute ist die Nachfrage nach einer Wohnung in der Sozialsiedlung ungebrochen hoch – mit seit einigen Jahren steigender Tendenz.

Was Jakob Fugger in Augsburg erschaffen hat, sorgte übrigens schon vor 500 Jahren weit über die Grenzen Augsburgs hinaus für Staunen. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg gab es an anderen Orten Bestrebungen, die Fuggerei nachzuahmen. Sogar aus Äthiopien kam eine Delegation, um sich die Sozialsiedlung anzusehen. Doch alle bisherigen Versuche wurden nicht weiterverfolgt. Denn auch, wenn es so einfach wirkt: Die Fuggerei basiert auf einem außerordentlichen Konzept, das offensichtlich nicht so einfach zu kopieren ist.

Next 500: Soziale Heimat vervielfältigen

Dabei war offensichtlich genau dies der Wunsch des Stifters: dass seine Fuggerei Nachahmer findet. Denn in eine Steintafel über einem der Tore der Fuggerei ließ er die Worte „in exemplum“ schreiben – und wollte damit zum Ausdruck bringen, dass seine Gründung der Sozialsiedlung auch andere zu Freigebigkeit inspirieren sollte.

Daher hat sich die Familie Fugger zum Jubiläum der Fuggerei im August 2021 das Ziel gesetzt, nicht nur auf 500 Jahre Stiftungsgeschichte zurückzublicken, sondern auch 500 Jahre in die Zukunft zu schauen. „Wir möchten das Unkopierbare als Impuls in die Welt senden, um Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit zu geben, durch eigene Kraft wieder auf die Beine zu kommen“, sagt Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger, Vorsitzende des Fuggerschen Familienseniorats. „Also verdichteten wir die Bestimmungen im Stiftungsbrief von Jakob Fugger zu einer DNA der Fuggerei und haben diese in modernen Worten im Fuggerei-Code zusammengefasst.“

Was einfach klingt, war ein langer, schwieriger und diskussionsreicher Prozess, an dem zahlreiche Experten beteiligt waren. Das Ergebnis sind drei Sätze, die es in sich haben. Denn sie stellen die Grundlage dar, um das Augsburger Modell erfolgreich in die Welt zu tragen und überall „Fuggereien der Zukunft“ entstehen zu lassen. Dieser sogenannte Fuggerei-Code lautet:

„Dieser Ort ist ein kuratierter Lebensraum für die Ewigkeit. Für eine minimale spirituelle und monetäre Gegenleistung ermächtigt die Stiftung Bedürftige aus der Region, ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen. Das Konzept der Fuggerei setzt Maßstäbe seit 1521.“

Hinter jedem Wort steckt eine tiefere Bedeutung, deren Essenz die Grundlage für soziale Innovationen auf der ganzen Welt sein soll. So bezeichnet die Formulierung „dieser Ort“ mehr als eine Wohnung. Es ist ein Lebensraum, in dem sich die Menschen entfalten können und die Möglichkeit bekommen, sich eine Existenz aufzubauen. Es ist unbedingt notwendig, dass dieser Ort ein „kuratierter Lebensraum“ ist. Das gibt nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern stellt zugleich klar, dass ein Entscheidungsgremium Veränderungen und Anpassungen vor Ort begleitet. „Wenn die Administration nicht vor Ort ist, die Stimmungen und Probleme der Bewohner nicht auf- und annimmt, dann kann das Konzept der Fuggerei nicht funktionieren“, erklärt Wolf-Dietrich Graf von Hundt, Administrator der Fuggerschen Stiftungen . „Das erleben wir hier in Augsburg jeden Tag.“

Was schon für Jakob Fugger essenziell war, hat auch in den Fuggerei-Code Einzug gehalten: „für die Ewigkeit“. Es geht nicht darum, schnell und billig viele Wohnungen hochzuziehen. Es geht darum, Verantwortung für die Zukunft von Anfang an mitzudenken. Das beginnt bei einer nachhaltigen finanziellen Grundlage. Es bedeutet aber auch, nachhaltige und langlebige Materialien zu verwenden.

Man hätte die zerstörte Fuggerei nach der Bombennacht im Februar 1944 auch aufgeben können. Doch die damals Verantwortlichen waren sich der Bestimmung „für die Ewigkeit“ bewusst und haben die Fuggerei neu und sogar noch größer als ursprünglich wiederaufgebaut.

Aus den drei Gebeten am Tag ist die „spirituelle Gegenleistung“ geworden. „Wir wollten die Gegenleistung vom katholischen Glauben lösen und das Transzendente deutlich machen“, erklärt Graf von Hundt. Denn die Spiritualität müsse zum Ort und Wertesystem passen, an dem sich die Fuggerei der Zukunft befindet. Der Grundgedanke allerdings bleibt: den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihrem Stifter Danke sagen zu können. „Das hat etwas mit Würde und Augenhöhe zu tun“, so Graf von Hundt. Aus diesem Grund ist auch die „monetäre Gegenleistung“ im Fuggerei-Code verankert: Auch Menschen in schwierigen Lebenslagen ist es wichtig, nichts geschenkt zu bekommen, sondern für ihren Wohnraum mit einer Gegenleistung zu bezahlen.

„Aus der Region“ heißt, dass man nicht gebürtig aus der Umgebung einer Fuggerei der Zukunft kommen muss, aber mit der Region, in der sie steht, verwurzelt sein sollte. „Selbstbestimmt“ ist ein Terminus, der von Jakob Fugger selbst stammen könnte: Denn die Hilfe zur Selbsthilfe auf dem Weg in ein Leben, in dem man selbst bestimmt, wohin es gehen soll, war für ihn ein wichtiges Ziel seiner Stiftung.

Maßstäbe seit 1521

Dass „Würde“ eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich in der heutigen Fuggerei in ganz unterschiedlicher Weise. Zum Beispiel in der Architektur: Jeder Bewohner hat einen eigenen Eingang, seine eigenen vier Wände, seinen geschützten Bereich. Und: Die Wohnungen sind groß – so groß, dass auch eine Familie mit Kindern darin Platz findet und früher ein Handwerker dort seinem Beruf nachgehen konnte.

Der Schlusssatz des Fuggerei-Codes – „Das Konzept der Fuggerei setzt Maßstäbe seit 1521“ – soll deutlich machen: Was im 16. Jahrhundert mitten in Augsburg entstand, ist alles andere als Mittelmaß. Hier wurden schon vor Hunderten von Jahren Innovationen angestoßen und umgesetzt – und so soll es auch weitergehen.

Natürlich muss auch die Frage gestellt werden, ob wirklich an jedem Ort dieser Welt auf Basis dieses Codes eine Fuggerei entstehen kann. Es kann sicherlich auch Regionen geben, in denen eine Fuggerei nicht möglich ist – etwa in Diktaturen oder in Ländern mit Kastensystem. Wo Menschen unterdrückt oder nach ihrer Herkunft in verschiedene Kasten eingeteilt werden, scheint ein selbstbestimmtes Leben kaum möglich.

Und genau dies – ein selbstbestimmtes Leben – ist es, was Jakob Fugger den Menschen zurückgeben wollte. Dass seine Idee nach 500 Jahren ein Zukunftsmodell ermöglicht, würde ihn sicher stolz machen – und wer weiß, ob er mit seiner Formulierung „in exemplum“ nicht genau diese Vision verband. Wenn nun wirklich auf Basis des Fuggerei-Codes weltweit weitere Sozialsiedlungen entstehen sollten, hat sich der Impuls von Jakob Fugger mehr als bewährt. Er hat etwas zurückgegeben – an die Gesellschaft. In einer Stiftung. Und in einer Idee für viele Generationen – in den nächsten 500 Jahren vielleicht nicht nur in Augsburg, sondern auf der ganzen Welt. 

Über die Autorin

Astrid Gabler ist Leiterin Kommunikation und Programme der Fuggerschen Stiftungen.

Das Jubiläum der Fuggerei

Vor 500 Jahren, am 23. August 1521, gründete der Kaufmann Jakob Fugger in Augsburg die heute älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt – die nach ihm benannte Fuggerei. Aus Anlass dieses Jubiläums findet ab dem 23. August 2021 in Augsburg ein Jahresprogramm statt. Auf den Jubiläumsauftakt im August folgen monatliche Themenschwerpunkte zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, die dann mit einem Programmfestival in einem Pavillon auf dem zentralen Augsburger Rathausplatz als krönender Abschluss im Frühsommer 2022 internationale Aufmerksamkeit erzielen. Weitere Informationen unter www.fuggerei-next500.de

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