Zweispurig unterwegs

Social-Bee-Gründerin Zahra Bruhn
Fotos: David Ausserhofer

Das Münchner Start-up Social-Bee vermittelt Geflüchtete an Unternehmen. Damit bewegt es sich zwischen Gemeinnützigkeit und Ertragsorientierung – genau wie Stiftungen auch.

Yohans Hamid gehört zu denen, die es geschafft haben. Der 30-Jährige aus Eritrea kam 2014 nach Deutschland. Sein Ziel: eine feste Arbeit finden. Er stieß auf das Start-up Social-Bee, das Geflüchtete an Unternehmen vermittelt. Social-Bee nahm sich seiner an und verschaffte ihm eine vorübergehende Stelle beim Hersteller Zeppelin Baumaschinen. Hamid hatte keinerlei Vorqualifikationen und begann erst einmal, in der Lagerlogistik zu arbeiten. Er machte den Staplerschein, schlug sich gut – und wurde nach einem Jahr übernommen. Nachdem er zwischenzeitig sein Können an der Lackierstation bewiesen hatte, arbeitet er dort mittlerweile zu 80 Prozent und hat damit einen deutlich anspruchsvolleren Job übernommen. „Yohans hat sich vom einfachen Lagerhelfer hin zur Fachkraft entwickelt“, sagt Zahra Bruhn, Gründerin von Social-Bee. „Das ist ein toller Erfolg.“

Social-Bee unterstützt Geflüchtete bei ihrer Integration in den Arbeitsmarkt seit 2016. Dabei fungiert das Münchner Start-up als Puffer zwischen Unternehmen und Geflüchteten. Ähnlich wie eine Zeitarbeitsfirma stellt es die Arbeitssuchenden bei sich an und verleiht sie dann für ein Jahr an Unternehmen. Das Ziel: die endgültige Übernahme in eine Ausbildung oder eine feste Stelle. Zwar erhalten alle Social-Bee-Mitarbeitenden ein Gehalt, um Profit im herkömmlichen Sinne geht es dem Unternehmen aber nicht: Alle zusätzlichen Einnahmen fließen in Sprachkurse, Unterstützung bei Behördengängen, Weiterbildungen und die allgemeine Stabilisierung der Geflüchteten. Dabei geht es oft um Notfälle – etwa bei der Wohnungssuche, Versicherungsfragen, rechtlichen oder persönlichen Problemen. „Wir übernehmen quasi eine Lebensbetreuung“, sagt Bruhn.

Mehr als 1.700 Sozialunternehmer in Deutschland

Mit wirtschaftlichen Mitteln einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen – das ist der Grundgedanke sogenannter Social Start-ups wie Social-Bee. Sie setzen sich für gleiche Chancen am Arbeitsmarkt für alle Bevölkerungsgruppen ein, machen sich für fairen Konsum stark oder entwerfen ökologisch nachhaltige Produkte. In Deutschland gibt es mehr als 1.700 Sozialunternehmer, heißt es in einer aktuellen Studie der NGO Ashoka und der Unternehmensberatung McKinsey. Sie arbeiten mal mehr, mal weniger gewinnorientiert, verfolgen aber in jedem Fall – ganz ähnlich wie Stiftungen – einen sozialen Zweck.

Social-Bee-Gründerin Bruhn brennt seit ihrem Studium für das Thema Social Entrepreneurship. Die 28-Jährige hat Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitete nebenbei in einem Venture Capital Fonds, in dem es um erneuerbare Technologien ging. Schon damals beschäftigte sie sich gern mit der Frage, wie sich mit unternehmerischen Mitteln soziale Verantwortung übernehmen lässt. Ein Auslandssemester in Stockholm im Jahr 2015 gab den Anstoß: Bruhn lernte eine Syrerin kennen, die nach Schweden geflüchtet war, und engagierte sich mit ihr in der Flüchtlingsersthilfe.

Dabei kam sie mit vielen Geflüchteten in Kontakt und erkannte schnell das zentrale Problem: Sie alle wollten eine langfristige Arbeitsstelle – doch nur wenige wurden fündig. „Viele Unternehmen versprachen zwar, Geflüchtete einzustellen. Die Realität sah aber anders aus“, sagt Bruhn. „2016 beschäftigten alle DAX-Unternehmen zusammen gerade einmal vier Geflüchtete.“ Das habe vor allem an den strukturellen Herausforderungen gelegen. Denn viele Geflüchtete kommen ohne Sprachkenntnisse nach Europa, wissen nicht, wie der Arbeitsmarkt funktioniert, und kennen viele Regeln nicht. Solche Menschen bei sich einzustellen, fällt vielen Unternehmen schwer.

Diese Hürden zu überwinden, dabei wollte Bruhn den Unternehmen helfen. Ihr Gedanke: Indem sie sie bei der Integration der Geflüchteten entlastet, will sie die Firmen motivieren, mehr von ihnen einzustellen. Dabei fokussiert sie sich auf Geringqualifizierte. „Sie haben es besonders schwer, einen langfristigen Job zu finden.“

Viel Überzeugungsarbeit erforderlich

Im Jahr 2016 machte Bruhn ernst: Sie schmiss ihr Studium und lieh sich 20.000 Euro Startkapital von ihren Eltern, die offenbar schon damals an die Idee ihrer Tochter glaubten: „Ich hatte bisher keine Berührungspunkte zu den Themen Flucht und Zeitarbeit. Im Nachhinein weiß ich gar nicht, warum meine Eltern das gemacht haben“, sagt sie und lacht. Zusammen mit ihrem Kommilitonen Maximilian Felsner gründete sie die Social-Bee gGmbH. Auf der Suche nach Geflüchteten vernetzten sie sich mit ehrenamtlichen Organisationen. Die allerdings reagierten skeptisch. „Wir hatten es doppelt schwer, weil wir mit Zeitarbeit ein gesellschaftlich sehr umstrittenes Geschäftsmodell hatten. Wir mussten daher viel Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Bruhn.

Das erste Start-up, mit dem Social-Bee zusammenarbeitete, war der Essenslieferant Foodora. Schnell wurde den Gründern klar, mit wie viel Kleinarbeit die Integration der Geflüchteten verbunden war: „Wir besorgten ihnen Fahrräder für die Lieferungen, organisierten Fahrradkurse und Google-Maps-Kurse, weil viele die Karten nicht richtig lesen konnten“, erzählt Bruhn. Auch an die rechtlichen Rahmenbedingungen der Zeitarbeit mussten sich die Gründer erst herantasten.

Doch nach den Anfangsschwierigkeiten ging es bergauf. Geflüchtete fassten Vertrauen in das Modell, brachten Freunde mit – das Netz von Social-Bee wuchs. Rund 200 Geflüchtete konnten dadurch bisher in den Arbeitsmarkt einsteigen, knapp die Hälfte von ihnen wurde nach dem ersten Jahr von einem Unternehmen übernommen. Das Kernteam von Social-Bee ist mittlerweile auf 24 Beschäftigte gewachsen, die an den Standorten München und Stuttgart arbeiten. Inzwischen vermittelt das Unternehmen vor allem an kleine und mittlere Firmen, die viel Personalbedarf haben – etwa in der Lagerlogistik, der Produktion und im Service, zum Beispiel Bäckereien und Bio-­Supermarktketten. Zu den mehr als 70 Kunden gehören Aldi, Alnatura, die Bäckerei Hofpfisterei und der Reinigungsgeräte-Hersteller Kärcher.

Erlernen der Sprache ist häufig eine Herausforderung

Inzwischen kennen die Mitarbeitenden von Social-Bee die häufigsten Baustellen der Geflüchteten und profitieren von ihrer Erfahrung. Dennoch: „Es ist sicherlich nicht einfacher geworden“, sagt Bruhn. „Bei denen, die nach drei Jahren in Deutschland noch immer auf Arbeitssuche sind, wird die Betreuung eher herausfordernder.“ Geringqualifizierte Geflüchtete, auf die das Modell abzielt, seien es nicht unbedingt gewohnt, zu lernen. Für viele ist der von ­Social-Bee vermittelte Job die erste richtige Arbeitsstelle. Auch die Sprache ist häufig eine Herausforderung. Social-Bee wünscht sich von den Geflüchteten, dass sie über die Arbeit hinaus Deutsch lernen, und organisiert Sprachkurse, die auch die Hälfte der Geflüchteten nutzt. „Wir arbeiten daran, Hürden für die Sprachkurse abzubauen, damit noch mehr daran teilnehmen,“ so Bruhn.

Dazu kommt: Unternehmen kommunizieren häufig nicht deutlich genug, was sie brauchen. „Viele sagen zum Beispiel, dass sie kein gutes Deutsch verlangen. In der Realität zeigt sich dann aber, dass sie oft durchaus hohe Ansprüche haben“, sagt Bruhn. Kritisch seien deshalb die ersten Wochen im Betrieb. Hier zählt der erste Eindruck – sonst sind die ohnehin vorsichtigen Unternehmen schnell abgeschreckt. Erfüllt ein Geflüchteter die Anforderungen partout nicht, versucht Social-Bee, die Stelle schnell nachzubesetzen. „Wenn die Geflüchteten die ersten drei Monate überstehen, haben sie gute Übernahmechancen“, sagt die Gründerin. 88 Prozent der Geflüchteten, die mindestens drei Monate bei Social-Bee angestellt waren, wurden von den Unternehmen übernommen.

Der Erfolg von Social-Bee sorgt dafür, dass sich der Münchener Standort inzwischen zu 95 Prozent über die Zeitarbeit finanzieren kann. Dennoch sind Bruhn und ihre Mitarbeitenden weiterhin auf externe Geldgeber angewiesen. Zu den größten Förderern gehören die Schöpflin- und die Aqtivator-Stiftung. Sie unterstützen das Unternehmen mit Spenden und gering verzinsten Darlehen. Bruhn weiß, dass viele Stiftungen zögern, in Social Start-ups zu investieren – schließlich ist nicht sicher, ob ihr Modell am Ende funktioniert. Dennoch ist sie überzeugt, dass soziales Unternehmertum ganz im Sinne des Stiftungsgedanken ist. „Schließlich haben wir das gemeinsame Ziel, gesellschaftlich etwas zum Guten zu wenden.“

Beitrag aus: Stiftungswelt Winter 2019
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