Zusammenarbeiten, um die Kurve abzuflachen

Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf die afrikanische Philanthropie? Was sind in Zeiten der Pandemie die größten Heraus­forderungen für den Stiftungssektor in Kenia? Und wie geht er damit um? Wir haben bei Nancy Kairo von der African Venture Philanthropy Alliance und Evans Okinyi vom East Africa Philanthropy Network nachgefragt.

Nancy Kairo
Nancy Kairo

Kenia war eines der ersten Länder in Afrika, das seine Grenzen schloss und eine Ausgangssperre für seine Bürger und Bürgerinnen verhängte. Aber Regeln wie Abstandhalten oder häufiges Händewaschen sind in Slums oder informellen Siedlungen fast unmöglich zu befolgen. Menschen leben dort zusammengepfercht in sehr kleinen Behausungen, und sauberes Leitungswasser steht so gut wie nicht zur Verfügung. Auch in ländlichen Gegenden ist sauberes Wasser eine rare Ressource.

Dennoch waren die Einschränkungen erfolgreich, da bis heute sowohl die Zahl der Infizierten als auch die der Todesfälle vergleichsweise niedrig ist (bestätigte Infektionen: 17.975 und 285 Todesfälle bei 47,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern laut Johns Hopkins Corona Virus Resource Center, 28. Juli 2020). Doch das Risiko, Hunger zu leiden, ist für die Menschen in Kenia und anderen armen Ländern weitaus größer, als sich mit Corona zu infizieren. Millionen von Menschen haben ihre Arbeit verloren und verfügen damit über kein Einkommen mehr, um ihre Grundbedarfe zu befriedigen.

Nancy Kairo, Direktorin Ostafrika der African Venture Philanthropy Alliance (AVPA, siehe Kasten 1), und Evans Okinyi, Geschäftsführer des East Africa Philanthropy Network (EAPN, siehe Kasten 2), erzählen, dass Stiftungen und andere philanthropische Orga­ni­sa­tionen sofort eingesprungen seien und begonnen hätten, Gutscheine oder Geld für Nahrungsmittel und die Grundversorgung für die Menschen bereitzustellen, die durch die Ausgangssperre am härtesten be­troffen waren. Die Regierung von Kenia habe ebenfalls schnell reagiert und sich eng mit dem Dritten Sektor und Unter­nehmen abgestimmt, um die Notfallhilfe zu koordinieren.

Soforthilfe lief schnell an

Während sich einige internationale Organisationen der nationalen Koalition zur Bekämpfung von COVID-19 angeschlossen haben, scheinen kenianische Philanthropinnen und Philanthropen lieber direkt vor Ort zu arbeiten. Evans Okinyi glaubt, den Grund dafür zu kennen: Während lokale Stiftungen und gemeinnützige Organisationen mehr Interesse daran hätten, wahrgenommen und gesellschaftlich anerkannt zu werden, zöge es die internationale Philanthropie vor, im Hintergrund zu wirken. Letztere nehme eine eher abwartende Haltung ein, um zunächst zu sehen, welche Maßnahmen die Regierung ergreift. „Wir haben es mit einem sehr beweglichen Ziel zu tun“, ergänzt Nancy Kairo. Und fügt hinzu: „Viele befürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht.“

Sowohl Okinyi als auch Kairo meinen, dass die Covid-19-Krise als eine Art Katalysator für bessere Zusam­men­arbeit und Partnerschaften von Stiftungen sowie anderen Philanthropen und Philanthropinnen und zwischen der Regierung, dem Dritten Sektor und der Wirtschaft gewirkt habe. Ein Silberstreif am Horizont sei das, sagen sie. Beide hoffen, dass die Zusammenarbeit nach der Krise noch verstärkt wird. Sowohl AVPA als auch EAPN haben ihre strategischen Pläne für 2020 neu aufgestellt, um den be­son­deren Anforderungen ihrer jeweiligen Mitglieder während der Pandemie gerecht werden zu können.

Ein Großteil der Arbeit beider Verbände besteht in der Entwicklung eines Ökosystems für Philanthropie und soziale Investitionen. Wie der Rest der Welt mussten AVPA und EAPN sämtliche Treffen und Pro­gramme nach Ausbruch der Pandemie in den virtuellen Raum verlagern. Ein Vorteil der Digitalisierung ist, dass sich mehr Stakeholder beteiligen können. Andererseits sind die Internetverbindungen oft schlecht; zudem verfügen längst nicht alle Partner über die notwendige Ausstattung, um online zu arbeiten. Auf jeden Fall aber gibt es eine vermehrte Nachfrage nach Plattformen und anderen (neuen) digitalen Räumen, um sich austauschen und voneinander lernen zu können.

Kampf gegen Fake News

Nicht zuletzt ist klare Kommunikation noch wichtiger geworden. Nancy Kairo macht auf die Notwendig­keit nachprüfbarer und korrekter Informationen aufmerksam, um Fake News etwas entgegensetzen zu können, die sich über die sozialen Medien rasant ausbreiten können. Beide Verbände planen zudem, Umfragen und Studien durchzuführen, um verlässliche Informationen für Geldgeberinnen und Geldgeber zur Verfügung zu stellen. AVPA wird in Kürze eine Übersichtsstudie zur Philanthropie veröffentlichen, die schon vor der Covid-19-Pandemie geplant war. EAPN ergänzt und erweitert fortlaufend seine Datenbank zur Philanthropie in Ostafrika.

Auch wenn die mit der Pandemie verbundene Förderung unterschiedliche Schwerpunkte hat, sehen sich die Stiftungen in Kenia und in Deutschland mit einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert: Wie können Gelder angesichts der riesigen Nachfrage und Notlagen fair und transparent verteilt werden? Die Frage, nach welchen Kriterien Geld zur Lösung von Problemen zur Verfügung gestellt werden soll und wie Förderungen gerecht ausgewählt werden können, bereitet vielen Stiftungen hier wie dort Kopfzerbrechen.

Die Mitglieder und Partner von AVPA und EAPN machen sich daher Sorgen, wie sie flexibel bleiben und Antragsprozesse so gestalten können, dass sie unbürokratisch und zugleich gerecht sind. Nancy Kairo und Evans Okinyi loben den philanthropischen Sek­tor für seine umgehende und unkomplizierte Reaktion auf die Krise und die sich verändernden Bedarfe ihrer Geförderten und der Gesellschaft insgesamt.

Krise als Chance

Ein Thema, das beide gleichermaßen beunruhigt, sind die Perspektiven ihrer eigenen Organisationen, was deren weitere finanzielle Förderung betrifft. Nancy Kairo betont, dass die Geldgeberinnen und Geldgeber von AVPA für die zukünftigen Aktivitäten neue Prioritäten akzeptiert haben, zum Teil sogar neue stra­tegische Planungen, während sie ihre Geförderten auch kurzfristig weiter unterstützen. Evans Okinyi hingegen be­fürch­tet, dass die Organisationen und Stiftungen neue Schwerpunkte setzen und nicht mehr Verbände wie EAPN, die das philanthropische Ökosystem unterstützen, finanzieren werden. Trotzdem betonen beide, dass sie viel Anerkennung für ihre erfolgreiche Anbahnung und Koordination von Kooperationen während der Krise erfahren haben. In gewisser Hinsicht hat die Krise beide Organisationen gestärkt.

Die größte Unsicherheit birgt sowohl in Kenia als auch global die Frage, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Steht uns das Schlimmste noch bevor? Wird es eine zweite Welle von Covid-19 geben? Wann können sich Stiftungen  wieder auf das „normale“ Geschäft konzentrieren oder vielmehr auf das „neue Normal“? Denn ein Zurück in den Alltag, wie er vor Corona war, wird es wohl so schnell nicht geben. Darauf muss sich auch die Philanthropie weltweit einstellen.

Um mehr darüber zu erfahren, wie Organisationen in Afrika mit Covid-19 umgehen, können Sie sich auf YouTube Aufnahmen der Webinare #CrushtheCurve anhören, die von AVPA and Sankalp Dialogue angeboten wurden.

Die African Venture Philanthropy Alliance (AVPA) ist ein pan-afrikanisches Netzwerk, das darauf hinar­beitet, soziale Investitionen in Afrika strategisch zu fördern, finanzielles und intellektuelles Kapital bereitzustellen und Menschen zu motivieren, an der Lösung der drängendsten sozialen Probleme mitzuarbeiten.

Der Blick richtet sich dabei auf die ganze Bandbreite von Sozialinvestoren und -investorinnen (Philanthropen, Private-Equity-Investorinnen, Kreditgeberinnen und -geber, CSR-Programme, Stiftungen, Regierungsorganisationen). Ihnen soll die Chance  gegeben werden, ihre Ressourcen in kooperativer und sich gegenseitig verstärkender Art und Weise einzusetzen. Ziel ist es, eine möglichst große soziale Wirkung zu erzielen.

AVPA glaubt an die transformative Kraft sozialer Investitionen und deren transparente und nachvollziehbare Verwendung. Effektive soziale Investitionen können durch verschiedene innovative Organisationen bedeutende Wirkung erzielen und unterschiedliche finanzielle Renditen abwerfen – von negativen (Förderungen) über niedrige (Kredite) bis hin zu marktüblichen Erträgen (Impact Investment).

Das East Africa Philanthropy Network (EAPN), das aus der East Africa Association of Grantmakers (EAAG) hervorgegangen ist, ist ein Mitgliederverband von Trusts, Bürgerstiftungen, Unternehmensstiftungen sowie anderen fördernden und nicht fördernden Organisationen. Sie wurden mit dem Ziel vereint, durch Philanthropie den gesellschaftlichen Wandel in Ostafrika zu fördern.

EAPN fördert die Entwicklung von Wissen und Fähigkeiten sowie gegenseitiges Lernen seiner Mitglieder und anderer wichtiger Akteurinnen und Akteure. Außerdem unterstützt der Verband philanthropische Innovation, vermittelt Kooperationen und fördert die Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung der Philanthropie.

Autor
Sabine Friedel

Referentin der Geschäftsführung

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