Wohnraum stiften: Neue Ideen braucht das Land

Projekt denk-mal EISWERDER13, Berlin-Spandau
Kapital und Wirkung
Foto: Mietergenossenschaft Selbstbau eG, Berlin

Einige Stiftungen setzen als Stiftungszweck oder aus Gründen der Wirtschaftlichkeit auf Immobilien- und Grundbesitz, teils sehr erfolgreich. Andere Stiftungen wiederum versuchen, Wohnraum und Boden dem Markt zu entziehen - und gehen hierbei innovative Wege.

Immobilien zwischen Renditeerwartung und Gemeinnützigkeitsanspruch  

Die Wohnungsfrage bewegt nicht nur die Gesellschaft insgesamt, sondern ist voll im Stiftungssektor angekommen. Die Berliner Stiftungswoche lief Anfang April unter dem Motto „Wem gehört die Stadt?“ und widmete sich vorrangig der Wohnproblematik. Auf dem Deutschen StiftungsTag in Mannheim trafen sich wichtige Stiftungsvertreter zu einem zweiteiligen Wohnungsgipfel. Für immer mehr Stiftungen werden Immobilien als Investitionsobjekte interessant. Bei sinkenden Renditeerwartungen durch Niedrigzinsen konnten Stiftungen, die qua Satzung oder durch Investmententscheidungen in Immobilien investieren, in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gute wirtschaftliche Entwicklungen verzeichnen. 

Doch für andere Stiftungen und andere gemeinnützige Organisationen sind Boden, Immobilien und Wohnungen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen interessant. Die Stiftung trias beispielsweise setzt sich bereits seit Jahren für alternative und gemeinnützige Eigentums- und Wohnformen ein. Andere Initiativen gehen neue Wege, um gemeinwohlorientierte Wohnungspolitik voranzutreiben. Für den Community Land Trust (CLT) Friedrichshain-Kreuzberg und den Verein Erste Sahne sind Stiftungen hierbei von zentraler Bedeutung. 

Demokratisierung von Boden durch Stiftungsbesitz 

„Unser Ziel ist es, vor allem Boden der Spekulation zu entziehen“, erklärt Rolf Novy-Huy, Vorstand der Stiftung trias. Die in Hattingen ansässige Stiftung fördert neben spekulationsfreier Bodennutzung auch alternative Wohnformen und Ökologie. Die Stiftung selbst strebt hierbei keinen aktiven Immobilienbesitz an. Vielmehr sei es das Ziel, Grundstücke zu erwerben. Deren Nutzung wird dann, beispielsweise über Erbbaurechte, vor allem an selbstorganisierte und gemeinschaftliche Wohnprojekte übertragen. Die Stiftung trias arbeitet insbesondere mit Projekten zusammen, „die besondere ideelle Ziele verfolgen: Wohnraum für behinderte Menschen, Geflüchtete, Schaffung von Ateliers, Aufnahme von Altenwohn- und Demenz-WGs“, so Novy-Huy.  

Dieses Konzept einer Bodenstiftung inspiriert auch den Community Land Trust (CLT) Friedrichshain-Kreuzberg, der sich noch in der Startphase befindet. Ziel der Initiative ist es, Grund und Boden dauerhaft dem Markt zu entziehen und deren Nutzung durch Nachbarschaftsgremien zu demokratisieren. „Verwurzelung in der Nachbarschaft, Trennung von Boden und Haus für dauerhafte Sicherung, Zusammenarbeit von Nutzern, Nachbarschaftsinitiativen und öffentlichen Körperschaften, Fokus auf Menschen und Gewerbe, die besonders von Verdrängung betroffen sind“, seien die Kernelemente des Projekts, erklärt Andre Sacharow von der Initiative. Während Grundstücke dauerhaft einer Bodenstiftung übertragen werden sollen, wird über die Nutzung dieser Grundstücke in der Folge demokratisch und gemeinschaftlich bestimmt. In Deutschland kenne er kein vergleichbares Projekt, so Sacharow. In Ländern wie den USA oder Großbritannien gibt es jedoch schon seit einigen Jahrzehnten ähnliche Projekte.  

Für den ebenfalls in Berlin aktiven Verein Erste Sahne spielen Stiftungen eine zentrale Rolle, um gemeinnützigen Wohn- und Gewerberaum zu bewahren. Der Verein sammelt Geld, um Immobilien aufzukaufen. Diese sollen dann in Stiftungseigentum übertragen werden. Stiftungen seien auf Ewigkeit angelegt und hätten keinen Besitzer, wodurch die aufgekauften Immobilien für immer dem Markt entzogen seien, erläutert der Unternehmer und Gründer von Erste Sahne e.V., Hamid Djadda: „Das Ziel sind viele Stiftungen in der Art“ und nicht die Gründung „einer gigantischen Stiftung“. In Berlin-Friedenau hat Erste Sahne bereits eine erste solche Stiftung gegründet, die einem Traditionsglaser seine Gewerberäume auf Lebenszeit sichert. 

Enteignungen für das Gemeinwohl? 

Wie die Interviewpartner zur Berliner Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ stehen? Die Stiftung trias bringe für die Forderung viel Sympathie auf, halte jedoch „eine Enteignung, trotz Artikel 14 Grundgesetz, für rechtlich nicht umsetzbar“, erklärt Novy-Huy. Statt im Besitz städtischer oder landeseigener Wohnungsgesellschaften sehe er Wohnungsbestände außerdem lieber in der Hand von Genossenschaften. Ähnlich sieht es auch Hamid Djadda. Landeseigentum könne durch das Land auch verkauft werden, wie es beispielsweise in Berlin massiv geschehen ist. Aus privatem gemeinnützigem Stiftungsbesitz lasse sich Immobilieneigentum hingegen nicht veräußern. Außerdem würden durch Enteignungen keine neuen Wohnräume geschaffen werden, was aber bei anhaltendem Zuzug in die Großstädte dringend notwendig sei. 

„Auch Stiftungen müssen keinen Maximalertrag erwirtschaften“ 

Und was sollten Stiftungen im Immobilienbereich noch leisten? Gerade in puncto langfristiger und ethischer Investments setzt der Community Land Trust Friedrichshain-Kreuzberg auf Stiftungen. Das sieht Rolf Novy-Huy genauso: „Auch Stiftungen müssen keinen Maximalertrag erwirtschaften, sondern können sich mit einem angemessenen Ertrag, einem ‚decent profit‘, zufriedengeben.“ Hamid Djadda wünscht sich von Stiftungen mehr Konsequenz beim Erreichen ihrer gemeinnützigen Ziele: „Bei den Vergaben von Darlehen haben sie höhere Zinssätze als die Banken! Wir brauchen Stiftungen, die effektiv Probleme lösen.“ 

„Stiftungen können nicht die weißen Ritter sein“

Wir sprachen mit Ingo Strugalla, dem Leiter des Arbeitskreises Immobilien des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, über die aktuelle Miet- und Immobilienkrise.

Mehr

Sozialverträgliche Rendite statt Betongold

Die Berliner Stiftung Nord-Süd-Brücken investiert in Wohnimmobilien. Allerdings nicht in Häuser, sondern in die Grundstücke, auf denen sie stehen. Das ist gut für die Rendite - und für die Mieter.

Mehr
Fallbeispiele Kapital & Wirkung
Aktuelle Beiträge
Stiftungsrecht

Kontoeröffnung: Welche persönlichen Daten müssen erhoben werden?

Steuerumgehungsbekämpfungsgesetz, Geldwäschegesetz: Zur Erhöhung der Transparenz bei Kontoeröffnungen sind auch rechtsfähige Stiftungen verpflichtet, umfangreiche Auskünfte über Personendaten der wirtschaftlich Berechtigten zu liefern.

Mehr
Globales Engagement

Zusammenarbeiten, um die Kurve abzuflachen

Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf die afrikanische Philanthropie? Was sind in Zeiten der Pandemie die größten Heraus­forderungen für den Stiftungssektor in Kenia? Und wie geht er damit um? Wir haben bei Nancy Kairo von der African Venture Philanthropy Alliance und Evans Okinyi vom East Africa Philanthropy Network nachgefragt.

Mehr
Impuls

Digitale Plattformen neu denken: Förderung von Pluralismus und Inklusion

Digitale Plattformen sind beliebter denn je – können aber auch die soziale Spaltung fördern und unsere eigenen Perspektiven weiter einengen. Doch wie können Stiftungen und weitere Akteure/innen der Zivilgesellschaft ihren Teil dazu beitragen, diese Entwicklung zu bremsen? Ein Plädoyer zur Förderung des Pluralismus. 

Mehr
Stiftungs-News

Hochschulen auf dem herausfordernden Weg zum Wintersemester

Die Corona-Pandemie zwang Hochschulen zu einer Vollbremsung: Der Präsenzbetrieb musste eingestellt, neue Online-Angebote organisiert und das Wintersemester geplant werden. Wie gehen Universitäten mittlerweile mit der Ausnahmesituation um?

Mehr
Unsere Demokratie

Oh wie Ostdeutschland – Impulse aus der Zivilgesellschaft

Trotz oder gerade aufgrund der Covid19-Pandemie wird deutlich, dass es einer starken und vielfältigen Zivilgesellschaft bedarf. Die Initiative Zukunftslabor Ost setzt sich für langfristige Partnerschaften und nachhaltiges demokratisches Engagement in Ostdeutschland ein.

Mehr
Geschlechtergerechtigkeit

Philanthropie ist ein feministisches Thema

Soll es voran gehen mit der Menschheit, müssen die Stimmen von Frauen durch philanthropische Mittel unterstützt werden, ihre Wahlmöglichkeiten, Partizipation, Bildung und Existenzgrundlagen.

Mehr

Mehr zum Thema

Kapital und Wirkung

So rentabel ist Betongold wirklich

Wer eine Immobilie als Geldanlage erwirbt, muss Kosten und Ertrag sorgfältig kalkulieren. Im zweiteiligen Blog-Gastbeitrag erklärt Matthias Krieger, Geschäftsführender Gesellschafter der Krieger + Schramm Unternehmensgruppe, worauf Stiftungen beim Kauf achten sollten. Teil 2: Wie Stiftungen die Rendite bestimmen – und ab wann sich die Investition in Betongold lohnt.

Mehr
Grundlagen beim Stiftungsvermögen
Theo Starck

Grundlagen Stiftungsvermögen

Rendite-Risiko-Profil, Anlagestrategie, Gesamtportfolio: Was muss man beachten, wenn man sich mit dem Vermögen der eigenen Stiftung auseinandersetzen möchte?

Mehr
Kapital und Wirkung

Wie Stiftungen die passende Immobilie finden

Immobilien gelten als eine der solidesten Formen der Kapitalanlage. Im zweiteiligen Blog-Gastbeitrag erklärt Matthias Krieger, Geschäftsführender Gesellschafter der Krieger + Schramm Unternehmensgruppe, worauf Stiftungen beim Kauf von Häusern und Wohnungen achten sollten. Teil 1: Wie Stiftungen die passende Immobilie finden.

Mehr