„Wir müssen die Sorgen ernst nehmen“

Sie sind laut, sie sind viele. Die Anhänger von Fridays for Future demonstrieren weltweit für mehr Klimaschutz, auch in deutschen Städten. Im Interview erklärt Vertreterin Carla Reemtsma, wie man Tausende Menschen organisiert und wie Stiftungen die junge Generation unterstützen können

Von Stockholm aus hat Greta Thunberg in rasanter Geschwindigkeit Leute auf der ganzen Welt gefunden, die gemeinsam mit ihr streiken. Jeden Freitag treffen sich vor allem Schüler*innen zum Streik und gehen gemeinsam auf die Straße. Ihr Ziel: mehr Klimaschutz in Wirtschaft und Politik. Schließlich muss vor allem die junge Generation noch lange mit den Folgen der Klimakrise leben. Hinter Fridays for Future (FfF) stecken hierzulande tausende Unterstützer*innen – vielleicht auch Millionen, keiner weiß das so genau. Eine Aktivistin von FfF in Deutschland ist die 21-Jährige Carla Reemtsma, die in Münster Politik und Wirtschaft studiert.

„Ich finde es schockierend, dass wir für Klimagerechtigkeit noch auf die Straße gehen müssen“
Carla Reemtsma
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Stiftungswelt: Frau Reemtsma, jede Woche demonstrieren allein in Deutschland Tausende im Namen von FfF. Wie hält man so eine große Gruppe zusammen?
Carla Reemtsma:
 Wir gehen das Ganze basisdemokratisch an. Fast ­alle, die sich bei FfF engagieren, sind Teil einer Ortsgruppe. Diese Gruppen kommen meist von allein durch die freitäglichen Demonstrationen zusammen. Die Gruppen bestimmen dann ein bis zwei Delegierte, die an unseren bundesweiten Telefonkonferenzen teilnehmen. Im alltäglichen Betrieb laufen Absprachen aber eher über jede Menge WhatsApp-Gruppen. Ich bin in bestimmt über 200 Gruppen und erhalte täglich Hunderte Nachrichten. Über die Gruppenchats und das Netzwerk der Delegierten organisieren wir uns und versuchen die anfallende Arbeit zu verteilen. Wir bekommen zum Beispiel sehr viele Anfragen von Medienschaffenden. Für einzelne Personen kann das schnell überhandnehmen. Schließlich sind die meisten FfF-Aktivist*innen noch in der Schule oder studieren.

Sie haben anfangs die Demos in Münster organisiert, nun gehören sie zu denjenigen, die die Bewegung bundesweit repräsentieren. Kommen Sie überhaupt noch zum Studieren? 
Mittlerweile tatsächlich eher in Teilzeit. Die restliche Zeit brauche ich für die Öffentlichkeitsarbeit für FfF und Klimastreiks. Auch wenn ich das gerne mache, finde ich es schockierend, dass wir für so etwas Grundlegendes wie Klimagerechtigkeit überhaupt noch auf die Straße gehen müssen.

Bei den FfF-Demonstrationen und im Internet müssen Sie und andere Klimaengagierte obendrein herbe Sprüche und viel Kritik einstecken. Manche werfen Ihnen Hysterie vor. Wie gehen Sie damit um? 
Das kommt auf den jeweiligen Menschen an und wie er seine Kritik äußert. Bei manchen merke ich direkt, dass eine Diskussion nichts bringt. Einige sind so festgefahren in ihrer Meinung, dass auch wissenschaftliche Fakten nichts mehr bringen. Trotzdem glaube ich, dass man mit Menschen sprechen muss und ihre Sorgen ernst nehmen sollte. Viele haben einfach Angst, dass mehr Klimaschutz für sie finanzielle Einbußen bedeutet. Um solche Leute zu erreichen, müssen wir ihre Ängste ernst nehmen – wir wollen ja auch, dass sie uns zuhören. Nur so können wir möglichst viele mitnehmen.

Welche Forderungen haben Sie konkret? 
Wir fordern den Kohleausstieg in Deutschland bis 2030, also acht Jahre früher als die Bundesregierung beschlossen hat, und eine hundertprozentige Stromversorgung aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2035. Wie Deutschland dieses Ziel erreicht, wollen wir nicht vorgeben. Schließlich ist der Klimawandel ein so komplexes Thema – da gibt es nicht den einen Weg. Herauszufinden, welcher der beste für Deutschland ist, ist nicht unser Job, sondern Aufgabe der Politik – immer wieder in Rücksprache mit den Bürger*innen. Damit am Ende nicht sowas wie das Klimapaket rauskommt, fordern wir mehr Teilhabe von Leuten aus der Klimaforschung. Dann hätte die Bundesregierung die CO2-Steuer nicht bei einem Preis festgesetzt, der erwiesenermaßen wirkungslos ist. Um die Klimaerwärmung zumindest noch zu bremsen, müsste Deutschland aus unserer Sicht zusätzlich sofort ein Viertel der Kohlekraftwerke abschalten und sämtliche Subventionen für fossile Energieträger streichen. Wir brauchen eine konsequente Energiewende.

Haben Sie schon mal daran gedacht, FfF zu einer Partei weiterzuentwickeln? 
Nein, wir haben kein Interesse daran, FfF in eine Partei umzuwandeln, zumal viele Aktive aus unseren Reihen bereits in verschiedenen Parteien Mitglied sind. Eine Partei zu gründen ist ein langwieriger Prozess mit vielen institutionellen Schritten. So etwas hält uns nur auf und ist nicht zielführend.

Glauben Sie nicht daran, dass eine FfF-Partei etwas bewirken könnte? 
Die Grünen sind schließlich auch aus einer Protestbewegung entstanden und heute eine etablierte Partei. Und wo stehen die Grünen heute? In Baden-Württemberg haben sie es sogar an die Länderspitze geschafft und stellen den Ministerpräsidenten. Passiert ist trotzdem nichts. Im Wahlkampf schreiben auch SPD, CDU und Co. Sprüche zum Klima auf ihre Plakate. Nach der Wahl ist das dann alles wieder vergessen.

Fehlt es der deutschen Politik an jungen Köpfen wie Ihnen, die frischen Wind in die Debatten bringen und den Klimaschutz vorantreiben? 
Für mich ist die Klimadebatte kein Generationenkonflikt. Das geht uns alle an. Es ist ja ein durchaus normales Phänomen, dass eher junge Menschen auf die Straße gehen und protestieren. Schüler*innen und Student*innen wie ich haben noch keinen Vollzeitjob oder Kinder und dementsprechend mehr Freizeit. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Zeit für etwas Sinnvolles wie die FfF-Streiks nutzen.

Viele Stiftungen engagieren sich für den Klimaschutz, Expert*innen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt etwa kooperieren bereits bei Veranstaltungen mit FfF. Können Sie sich allgemein eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Stiftungen vorstellen? 
Ja klar. Unsere Arbeitsweisen sind vielleicht verschieden, aber die Zielgruppen ergänzen sich gut. Hier wie dort engagieren sich Menschen, die etwas zum Guten bewegen wollen. Stiftungen, die sich für eine Kooperation mit FfF interessieren, oder Aktivist*innen auf Veranstaltungen einladen wollen, können sich gerne bei uns melden.

Einige FfF-Anhänger kritisieren den Kapitalismus als Brandbeschleuniger des Klimawandels. Stimmen Sie dem zu? 
Wir brauchen definitiv eine differenziertere und vor allem weniger tabuisierte Auseinandersetzung mit unserem Wirtschaftssystem, wenn wir über Ursachen der Klimakrise und Maßnahmen sprechen wollen. Solange 100 Konzerne für 70 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, werden wir die Klimakrise nicht lösen, indem wir im Privaten ein bisschen Müll vermeiden. In einer globalisierten Wirtschaft darf man die Macht von Geldströmen und Konzernen nicht kleinreden. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Verband der Kritischen Aktionäre zusammen. Bei Aktionärsversammlungen können Anteilseigner vor der Unternehmensleitung sprechen. Dieses Rederecht übertragen einige Aktionäre über den Verband an Mitglieder von FfF. So können wir unsere Forderungen auch gegenüber Unternehmen vortragen, sie mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren und uns Gehör verschaffen.

Stiftungen fördern zum großen Teil mit finanziellen Mitteln – welche Rolle spielt Geld für die Arbeit von FfF? 
Viele Unterstützer*innen haben uns gefragt, ob wir auch Spenden entgegennehmen. Das hat uns vor eine große Herausforderung gestellt. Um selbst ein Spendenkonto zu eröffnen, hätte aus FfF eine feste Organisation werden müssen. Die bringt aber immer Hierarchien und starre Abläufe mit sich. Das wollten wir nicht und haben deshalb eine andere Lösung gefunden. Unsere befreundete Organisation Plant for the Planet, die für ein besseres Klima weltweit Bäume pflanzt, führt treuhänderisch für uns ein Spendenkonto. Von dem Geld kaufen wir dann zum Beispiel Bastelmaterialien für Plakate auf den Demonstrationen und Flyer, zahlen Lautsprechermieten und finanzieren damit unsere Webseite. Wer etwas bewirken will, muss dafür zwangsläufig auch Geld in die Hand nehmen. Wer uns unterstützen will, kann das also auch auf diesem Wege tun. 

 

Das Gespräch führte Jennifer Garic

Über die Gesprächspartnerin:

Carla Reemtsma ist Mitorganisatorin der ­Münsteraner Fridays-for-Future-­Bewegung. Kontakt zu Fridays for Future über kooperationen[at]fridaysforfuture[punkt]de.

Beitrag aus: Stiftungswelt Frühling 2020
Magazin Stiftungswelt

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