Wie gendergerecht arbeiten deutsche Stiftungen?

Geschlechtergerechtigkeit
Illustration: Jakob Hinrichs

Das Thema Gendergerechtigkeit ist im Stiftungswesen unterrepräsentiert. Weil auch die Datenlage hierzu nicht zufriedenstellend ist, führte der Bundesverband Deutscher Stiftungen gemeinsam mit dem Beratungshaus PHINEO eine Befragung durch, deren Ergebnisse im Folgenden dargestellt werden.

So steht es um Geschlechtergerechtigkeit...
 

... in der Förderpraxis

Bislang engagieren sich wenige Stiftungen mit Projekten im Bereich Geschlechtergerechtigkeit. Die Stiftungen in der Umfrage, die es tun, setzen vor allem Projekte gegen Gewalt an Frauen (46 Prozent), gegen Diskriminierung und zum Hinterfragen von Geschlechterstereotypen (36 Prozent) um. Ansätze zur Reflexion von Männlichkeit sind selten (9 Prozent).

„Organisationen, die Projekte für Frauen und Mädchen machen, geht es in der Regel auch um gesellschaftspolitische Debatten und Strukturen. Das ruft bei manchen Förder*innen Berührungsängste hervor, weil das Engagement dadurch komplexer wird.“ (Felix Dresewski, Kurt und Maria Dohle Stiftung)

„Wir fördern nicht explizit Mädchen, sondern viele Projekte mit Schülerinnen und Schülern. Da achten wir darauf, dass gleich viele teilnehmen. Auffällig ist, dass viele Kulturprojekte, die wir unterstützen, gar nicht gendersensibel aufgestellt sind. Wir überlegen, ob wir die Förderkriterien dahingehend anpassen. Mein Eindruck ist, dass erst ein anderes Bewusstsein entsteht.“ (anonymisiert aus den Interviews)

Stiftungen können in all ihren Aktivitäten Geschlechtergerechtigkeit mitdenken, auch wenn sie etwa im Umweltschutz oder im Bereich Kultur tätig sind („Gender-Mainstreaming“). In der Praxis ist dieser Ansatz (noch) nicht verbreitet. 57 Prozent der fördernden Stiftungen sagten, dass sie bisher keinen Aspekt des Gender-Mainstreamings berücksichtigen und dies auch in Zukunft nicht für nötig halten. Hingegen vertreten nur 24 Prozent der operativ tätigen und 28 Prozent der sowohl fördernd als auch operativ tätigen Stiftungen diese Ansicht.

Doch es scheint ein Umdenken stattzufinden. Vor allem Stiftungen, die (auch) operativ tätig sind, wollen sich künftig mehr mit Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen und wünschen sich dabei Unterstützung (60 Prozent der operativ tätigen Stiftungen, 50 Prozent der Stiftungen, die fördernd und operativ tätig sind, und 39 Prozent der Förderstiftungen).

„Unsere Stiftung setzt sich seit ihrer Gründung aktiv mit diesen Themen auseinander und sieht das Thema Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsaufgabe für sämtliche Aktivitäten an.“ (offene Antwort aus der Umfrage)
 

... in der internen Stiftungsarbeit

Im obersten Leitungsgremium (Vorstand oder vergleichbares Gremium) sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert: In 72 Prozent der befragten Stiftungen sind Frauen in der Minderheit, in 29 Prozent der Fälle findet sich keine einzige Frau im Leitungsgremium. Bislang setzen wenige Stiftungen Maßnahmen um, um das Thema Geschlechtergerechtigkeit in ihrer Organisation voranzubringen. Am häufigsten wurden in der Umfrage geschlechtergerechte Sprache (34 Prozent) und Personalauswahl (26 Prozent) sowie die systematische Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den Lebensverhältnissen, Situationen und Bedürfnissen von Frauen und Männern in allen Stiftungsbereichen (19 Prozent) genannt. Zudem gibt es eine große Diskrepanz zwischen Maßnahmen, die Stiftungen sinnvoll finden, und Maßnahmen, die sie tatsächlich umsetzen. Zum Beispiel haben aktuell nur 4 Prozent der Stiftungen eine Ansprechperson für Diskriminierung und sexuelle Belästigung, obwohl 49 Prozent dies sinnvoll finden. 27 Prozent finden eine Quotenregelung für Führungspositionen sinnvoll, nur 2 Prozent haben eine.

„Im Vorstand unserer Stiftung sind eher ältere Menschen, Frauen sind in unseren Entscheidungsgremien kaum stark vertreten, es ist ein Spiegelbild der patriarchalen Gesellschaft. Hier muss noch viel Aufklärungsarbeit in Bezug auf das Thema Gender geleistet werden. In Teilen empfinde ich da auch eine ablehnende Haltung." (anonymisiert aus den Interviews)

„Geschlechtergerechtigkeit darf keine Randerscheinung sein, sondern gehört in den Fokus gestellt. Jede Organisation sollte sich regelmäßig kritisch zu diesem Thema hinterfragen.“ (Anna Häßlin, Schöpflin Stiftung)

„Wenn man auf Geschlechterunterschiede schaut, wird es unkomfortabel, weil es ein strukturelles Thema ist. Viele, die aus der privilegierten Machtposition auf das Thema schauen, haben die Befürchtung, etwas zu verlieren.“ (Sonja Schelper, filia.die frauenstiftung)

Die Ergebnisse der Befragung zeigen zudem eine Wechselwirkung zwischen externer Stiftungsarbeit und interner Geschlechtergerechtigkeit: Stiftungen, die Projekte im Bereich Frauen/Mädchen und Geschlechtergerechtigkeit fördern oder durchführen, sind intern gleichberechtigter aufgestellt als solche, die andere Schwerpunkte setzen. 91 Prozent von ihnen haben mindestens eine Frau im Leitungsgremium und nutzen deutlich häufiger Instrumente und Maßnahmen für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis.
 

Stiftungen wünschen sich Praxiswissen

Fast die Hälfte der Stiftungen in der Umfrage möchte sich zum Thema Geschlechtergerechtigkeit weiterentwickeln und wünscht sich Unterstützung. Insbesondere wollen sie voneinander lernen: Wo gibt es gute Beispiele für gendersensible Stiftungsarbeit? Welche Stiftungen haben erfolgreich Schritte hin zu einer diverseren Belegschaft umgesetzt? Wie verknüpfen andere Stiftungszweck und Geschlechtergerechtigkeit? Auch hier zeigen operativ arbeitende Stiftungen eine größere Bereitschaft, das Thema aktiv anzugehen, als fördernde Stiftungen (60 zu 39 Prozent).

„Ich würde mir eine Stelle beim Bundesverband wünschen, die das Thema Geschlechtergerechtigkeit bearbeitet und hilft, das in die Stiftungen zu tragen. Nützlich wären auch Informationen und Befähigung zu Werkzeugen, um das Thema in die Stiftungsarbeit einzubinden.“ (anonymisiert aus den Interviews)

Stiftungen, die sich keine Unterstützung wünschen, gaben hauptsächlich folgende Gründe an: Sie wollen das Thema explizit nicht behandeln, sie haben keine Zeit, sich mit dem Thema zu befassen, sie sehen keinen Bezug zwischen ihrem Stiftungszweck und dem Thema Gender oder sie fühlen sich bereits kompetent.


Die Eckdaten der Befragung

Die Umfrage, die der Wissenschaftliche Dienst des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und das Beratungshaus PHINEO gemeinsam durchgeführt haben, fand im März 2019 statt und umfasste zehn Fragen. 183 von 553 Stiftungen nahmen teil, etwa die Hälfte davon mit einem Gesamtkapital von über 1 Million Euro. 45 Prozent sind fördernd tätig, 14 Prozent operativ, 42 Prozent sowohl fördernd als auch operativ. Im Durchschnitt arbeiten 32 Personen haupt- oder ehrenamtlich in den befragten Stiftungen, die Spannbreite reicht hier von 1 bis knapp 1.000. Da es möglich war, Fragen zu überspringen, weicht die Stichprobengröße bei manchen Fragen ab. Bei starken Abweichungen machen wir dies kenntlich. Ergänzt wurde die Umfrage durch fünf exemplarische qualitative Interviews mit Stiftungsvertreter*innen, aus denen hier zitiert wird. Das Projekt wurde finanziell unterstützt von der Fondation Chanel.

Quelle: Caro Kott / PHINEO

Über die Autorinnen

Ruth Ditlmann, Ph.D., ist bei PHINEO im Bereich Analyse & Forschung tätig.
Katja Wagner leitet das Projekt „Mind the Gap“ bei PHINEO.

Beitrag aus: Stiftungswelt Herbst 2019

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