„Weimar geht weiter!“

Stiftungs-News
Foto: Detlef Eden

Nirgendwo in Deutschland gibt es einen Ort, an dem die Schicksale von Vertriebenen gezeigt werden. Das soll sich mit der neu gegründeten Stiftung Exilmuseum nun ändern. Bei einem Spaziergang über den ehemaligen Anhalter Bahnhof erzählen Gründungsdirektor Prof. Dr. Christoph Stölzl und Kuratorin Cornelia Vossen von ihren Plänen für das neue Haus.

"Dieser Ort hat zugleich eine Magie. Gerade, weil nur noch die Portalruine steht, finde ich ihn besonders geeignet für uns. Er hat etwas Transitäres – und Exil ist ja nichts anderes als Transit."
Cornelia Vossen
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Der Anhalter Bahnhof im Herzen der Hauptstadt bewegte die Geschichte: Hier empfing der letzte Deutsche Kaiser Wilhelm II. den letzten russischen Zaren Nikolaus II. Im Ersten Weltkrieg fuhren Truppentransporte vom Anhalter Bahnhof direkt an die französische Front. Und im Zweiten Weltkrieg flüchteten Zehntausende von hier aus ins Exil, darunter Persönlichkeiten wie Bertolt Brecht, Ada Brodsky, Heinrich Mann. Heute ist nur noch wenig vom einstigen Prachtbau erhalten; auf dem Gelände befinden sich ein Fußballplatz, eine Veranstaltungshalle, ein Park und eingangs eine freie Schotterfläche, die für den Bau des Exilmuseums vorgesehen ist. Vom Bahnhof selbst steht nur noch der Portikus des Haupteingangs etwas verloren da. Hier beginnen wir unseren Spaziergang.

Stiftungswelt: Herr Professor Stölzl, Frau Vossen, wenn Sie überdas ehemalige Bahnhofsgelände blicken, was assoziieren Sie mitdiesem Ort?
Prof. Dr. Christoph Stölzl: Für mich ist er ein städtebauliches Fragezeichen. Ich kenne diesen Ort schon sehr lange,das ist ein Unort. Wenn wie heute die Sonne scheint, geht es ja, aber kommen Sie mal im November bei Schneeregen hierher: Da rührt einen der ganze Jammer dieses Platzes an – ob man nun an die Soldaten im Ersten Weltkrieg denkt, die von hier aus direkt an die Front gebracht wurden, an die Deportationen, die vom Anhalter Bahnhof ihren Ausgang nahmen, an die vielen, die nach 1933 von hier aus ins Ausland flüchteten, an die Abschiedsszenen, die sich hier abgespielt haben. Gott sei Dank steht noch ein Teil des Portals, aber natürlich ist das keine befriedigende Antwort auf die Geschichte, die mit diesem Ort verbunden ist.

Die Stiftung Exilmuseum soll diese Antwort sein?
Stölzl:
Ja. Im November 2016 hat man bei einem Symposium mit Herta Müller, unserer späteren Schirmherrin, über einen Standort für ein Berliner Exilmuseum nachgedacht. Ich saß mit auf dem Podium, und da fiel mir spontan dieses Gelände ein. Der Anhalter Bahnhof ist der große Abschiedsbahnhof, der in den Memoiren vieler Künstler und anderer Exilanten immer wieder vorkommt. Meine Idee äußerte ich natürlich ohne Kenntnis der Besitzverhältnisse und der baurechtlichen Grundlagen, nur aus der Erinnerung an diesen geschichtsträchtigen, aber öden Platz.
Cornelia Vossen: Dieser Ort hat zugleich eine Magie. Gerade, weil nur noch die Portalruine steht, finde ich ihn besonders geeignet für uns. Er hat etwas Transitäres – und Exil ist ja nichts anderes als Transit. Wie ein Eintritt in eine andere Welt. Herta Müller meinte einmal, eigentlich sei das Portal selbst schon eine Exil-Skulptur. Ich finde, das stimmt.
Stölzl: Der Torbogen ist wie ein Fundstück. Er macht sofort die Geschichte auf – die Erinnerung und auch die Melancholie, die diesem Platz innewohnen. Als Symbol-Ort kann man sich gar nichts Besseres denken. Das Museum würde sich zudem passgenau in die Museumslandschaft hier einfügen: Gropius-Bau, Topografie des Terrors und Jüdisches Museum – all diese geschichtsbezogenen Orte sind nur zehn Minuten vom Anhalter Bahnhof entfernt. Und gegenüber eröffnet im nächsten Jahr das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Dürfen Sie denn bauen? Hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, dem das Grundstück gehört, Ihren Plänen inzwischen zugestimmt?
Vossen:
Mit der Zustimmung zum sogenannten Aufstellungsbeschluss durch die Bezirksverordnetenversammlung haben wir das klare parlamentarische Votum des Bezirks, dass das Projekt gewollt ist; das Verfahren für die Änderung des Bebauungsplans konnte gestartet werden. Natürlich wollen im nächsten Schritt nun alle sehen, was wir konkret vorhaben. Noch in diesem Jahr werden wir den Architektenwettbewerb ausschreiben, unser Wunschtermin für die Eröffnung des Hauses ist das Jahr 2025.
Stölzl: Wir möchten das Gelände vom Bezirk in Erbpacht bekommen. Aufseiten des Bezirks gibt es ein hohes Interesse am Thema unseres Projekts: Friedrichshain-Kreuzberg ist ja ein multikultureller Bezirk. Das heißt, das Thema Migration, Zwangsmigration und Exil ist hier vielen sehr vertraut. Darauf nehmen wir in der Ausstellung Rücksicht. Wir können aber kein Museum über die gesamte Migration des 20. und des frühen 21. Jahrhunderts machen, dazu bräuchten wir das Zehnfache an Geld und Platz. Es gibt ja außerdem in Berlin sehr viele, die sich darum kümmern – die Akademie der Künste, politische Gruppierungen, Privatinitiativen, die Bezirke und so weiter. Im Mittelpunkt wird bei uns die deutsche Vertreibungsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus stehen, von hier aus sind dann auch Brückenschläge zur Gegenwart möglich und gewünscht. Es wird auch einen eigenen Raum zu „Exil heute“ geben.

Planen Sie, mit anderen Einrichtungen, die sich des Themas Exil angenommen haben, zusammenzuarbeiten?
Vossen: Ja, wir verstehen uns als Plattform, das ist uns ganz wichtig. Es gibt sehr viele exilsammelnde und exilforschende Einrichtungen auf der ganzen Welt, mit denen wir kooperieren wollen.
Stölzl: Wir haben das Glück, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen. Viele Forscherinnen und Forscher haben sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit dem Thema Exil auseinandergesetzt.

Foto: Detlef Eden
Über die Gesprächspartner: Cornelia Vossen ist die Kuratorin des entstehenden Exilmuseums. Zuvor realisierte die Kunsthistorikerin gemeinsam mit Christoph Stölzl eine Ausstellung über den Schriftsteller Harry Graf Kessler im Max Liebermann Haus. Prof. Dr. Christoph Stölzl ist Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und Gründungsdirektor der Stiftung Exilmuseum.

Also ist das Thema bereits gut erforscht?
Stölzl: Ja und nein. Das Interessante ist, dass es jenseits der vielen berühmten Namen die erstaunlichsten Biografien gibt – ungeheuer spannend. Sozialdemokraten, Linke, Liberale und natürlich zu einem riesigen Teil jüdische Familien aus allen Schichten der Gesellschaft. Auffällig ist, dass mit diesen Menschen zugleich in weiten Teilen das moderne, zukunftsfähige Deutschland vertrieben worden ist. So ist etwa ein Drittel der Mitglieder der Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft (damals Trägerin der Kaiser-Wilhelm-Institute, der führenden Forschungseinrichtungen in Kaiserreich und Weimarer Republik und Vorläuferin der Max-Planck-Gesellschaft, Anm. d. Red.) während der NS-Zeit ins Ausland geflohen.

Am Veranstaltungssaal Tempodrom vorbei geht es weiter Richtung Park. Die Bahnsteige, auf denen vor über 100 Jahren Tausende von Reisenden auf ihre Züge warteten, sind noch immer erhalten. Mittlerweile jedoch hat sich die Natur die Bahnanlage zurückgeholt. Auf einem Schild heißt es „Gleis-Wildnis. Gefahr!“ Wir sind mutig und setzen unseren Spaziergang fort.

Was waren das für Menschen, die von hier aus ins Ausland geflohen sind?
Stölzl:
Eine der berühmtesten Geschichten ist die von Karl Amson Joel, dem Großvater des US-amerikanischen Sängers Billy Joel und Erfinder des Wäsche-Versands. Sein Unternehmen wurde von Josef Neckermann „arisiert“. Der Reichtum des Unternehmers Neckermann beruht auf der Aneignung des Geschäftsprinzips von Karl Amson Joel und seiner Firma. Das ist eine der großen Geschichten, es gibt ganz viele davon. Mehrere Tausend Filmschaffende sind geflohen, von den Regisseuren über Schauspieler und Filmarchitekten bis zu den Requisiteuren, Kameramännern und Cuttern. Der moderne Film Englands und der USA hat wesentliche Impulse von Emigranten erhalten. Die besten Fotografinnen und Fotografen Deutschlands und Österreichs mussten ins Exil gehen wie auch viele große Musiker. In den Unterhaltungskünsten das gleiche Bild. Kunstgeschichte, Soziologie, politische Wissenschaften: überall ein „Braindrain“ aus Mitteleuropa. Die Naturwissenschaften vor allem der USA sind signifikant vom Exil gestärkt worden. Zum Beispiel durch Carl Djerassi, den Erfinder der Antibabypille, die er selbst Wunschkindpille nannte. In Amerika sagte man in den 1930er-Jahren: „Hitler schüttelt den Baum des Geistes, wir sammeln dankbar die Früchte auf.“

Die Exil-Biografien als riesiger Schatz an Geschichten, den es zu entdecken und zu erzählen gilt?
Stölzl:
So ist es. Wir haben bisher 500 Biografien genauer ins Auge gefasst. Man könnte genauso 5.000 oder 100.000 nehmen. Ich erzähle Ihnen noch eine Geschichte: die von Victor Gruen.

Den Namen haben wir noch nie gehört.
Stölzl: Ich kannte ihn auch nicht, bis ich im Magazin New Yorker einen Artikel über ihn gelesen habe, anlässlich des 50. Jahrestages der ersten Shoppingmall. Gruen war ein junger sozialistischer Architekt aus Wien, der unter anderem politisches Kabarett machte und 1938 ins Exil nach New York ging. Dort baute er für Wiener Emigranten in der Fifth Avenue eine Boutique und erfand damit, was heute State of the Art ist: die zurückgesetzte Ladenfassade. Die Leute wurden dadurch quasi in das Geschäft hineingezogen. 1956 errichtete er in Minneapolis die erste Shoppingmall. Bei seinem Entwurf dachte er an die Wiener Ringstraße, also an einen Ort, der „Kauf und Lauf“ mit Kultur- und Sozialeinrichtungen vereinte. Ein Ort für urbanes Flanieren im europäischen Stil also. Beim Planen merkte er jedoch, dass es so nicht funktionieren würde.

Warum nicht?
Stölzl: Weil im Winter von Kanada her immer wieder gewaltige Kältewellen bis in den Mittleren Westen der USA strömen. Doch Gruen hatte auch dafür eine Lösung: Er erfand den „künstlichen Himmel“ als lichtdurchlässiges Dach, darunter zahlreiche Läden, aber auch Kultur- und Bildungseinrichtungen. Die Parkplätze packte er unter und hinter die Ladenstraßen. Es war ein großer Erfolg. Nach einigen Jahren allerdings waren die Kulturund Bildungsangebote weg – es blieb nur der Kommerz. Daraufhin leugnete er die Vaterschaft für die Shoppingmall und ging zurück nach Wien.

In Amerika sagte man in den 1930er-Jahren: „Hitler schüttelt den Baum des Geistes, wir sammeln dankbar die Früchte auf.“
Prof. Dr. Christoph Stölzl
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Wie wollen Sie solche Schicksale im Museum erzählen?
Vossen: Das kann nur medial funktionieren. Herr Stölzl und ich sind als Duo zum Exilmuseum gekommen; zuvor hatten wir im Jahr 2016 für die Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus eine Ausstellung über den Schriftsteller und Mäzen Harry Graf Kessler gemacht. Eine echte Herausforderung an uns als Erzähler. Denn es ging um die Tagebücher Harry Graf Kesslers – 10.000 Buchseiten, die es den Besucherinnen und Besuchern nahezubringen galt.

Wie haben Sie diese Herausforderung gemeistert?
Vossen: Indem wir ein komplettes Geschoss ausschließlich mit Filmen und Fotos aus der Zeit Harry Graf Kesslers bespielt und so – sortiert nach Leitmotiven – in die Gedankenwelt seiner Tagebuchaufzeichnungen eingeführt haben. Diese Erzählweise möchten wir auf das Exilmuseum übertragen. Wir wollen ja keine eigene Sammlung aufbauen, sondern Geschichten erzählen – und zwar auf moderne Weise, um vor allem ein jüngeres Publikum anzusprechen. Ich glaube, dass wir über diesen medialen Weg eine ganz andere Art von Archivschätzen heben können.

Ist es vielleicht auch deshalb jetzt höchste Zeit für ein Exilmuseum, weil es viele der Menschen, die in der NS-Zeit Vertreibung und Flucht erlebt haben und davon erzählen könnten, heute nicht mehr gibt?
Vossen:
Ja, und die noch lebenden Zeitzeugen wollen wir möglichst interviewen – in Form eines großen Gesprächs im sogenannten Diskurs- und Echoraum.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Vossen:
Wir planen, eine Reihe von Hochkantleinwänden in einem Halbkreis anzuordnen; auf ihnen sind leere Stühle zu sehen. Immer wieder kommen dann auf den Leinwänden unterschiedliche Menschen herein, nehmen Platz und sprechen über ihre Exil-Erfahrungen. Das sind zum einen eben Zeugen der NS-Zeit, zum anderen aber auch Experten, Philosophen, Autoren und Personen, deren Fluchterfahrungen ganz frisch sind. Unser Ziel ist es, einen lebendigen Diskurs zwischen ihnen herzustellen, eine Art Gespräch.

Foto: Detlef Eden
Vossen und Stölzl beim Spaziergang durch den Park am Anhalter Bahnhof und vor den Überresten eines ehemaligen Bahnsteiges.

Herr Stölzl, Sie haben einmal die Frage in den Raum gestellt, was aus Deutschland hätte werden können, wenn all die Persönlichkeiten, die in der NS-Zeit ins Exil gegangen sind, hiergeblieben wären. Wir würden diese Frage gern an Sie richten: Was wäre denn dann aus Deutschland geworden?
Stölzl:
Es gibt einen einfachen Satz des Historikers Fritz Stern – auch er übrigens ein Emigrant. Stern hat gesagt: Es hätte das deutsche Jahrhundert werden können. Natürlich ist es utopisch, über so etwas nachzudenken. Zugleich macht die Geschichte des Exils in der NS-Zeit deutlich: Das kulturelle „Weimar“ geht weiter. Es hat sich nur eben auf die Welt verteilt.

Soll das Museum auch ein politisches Statement sein? Immerhin leben wir auch jetzt wieder in einer von Flucht und Exil geprägten Zeit, Stichwort Flüchtlingskrise.
Vossen:
Ursprünglich sollte das Museum ausschließlich das NS-Exil erlebbar machen. Diese Idee hat dann eine gewisse Metamorphose durchlaufen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Exilforschung selbst immer mehr Aspekte der Migrationsforschung aufnimmt. Ich finde es sehr wichtig, die Besucherinnen und Besucher vor dem Hintergrund ihres aktuellen Erfahrungshorizontes abzuholen. Die kommen natürlich mit einer bestimmten Erwartungshaltung, die durchaus etwas mit der aktuellen politischen Situation zu tun hat, zu uns. Und stellen sich Fragen wie: Was ist mit unserer Demokratie? Warum erstarkt der Nationalismus? Weshalb hat die AfD plötzlich so viel Raum? Und ich glaube, dass unser Museum darauf auch Antworten geben kann – indem es zurückschaut. Ich glaube tatsächlich, dass man aus der Geschichte, also gleichsam im Blick zurück nach vorn, etwas lernen kann. Das Exilmuseum soll kein Ort der Depression, sondern ein Ort der Energie werden, die sich auch für unsere Gegenwart nutzen lässt.

Hätten Sie ein ganz konkretes Beispiel, wie man aus einem Fall der Geschichte, wie hier dem Exil, Lehren für unsere heutige Zeit ziehen kann?
Stölzl: So sehr sich die Massenflucht heute von der Elitenvertreibung damals unterscheidet, so gibt es doch manches, was vergleichbar ist. Was die Geschichte des Exils im Nationalsozialismus lehrt, ist, dass die Länder, die sich geöffnet und den Exilanten Arbeit gegeben haben, sowohl in ökonomischer als auch in kultureller Hinsicht ungemein profitiert haben. Und auch das Zweite ist sehr aktuell: Man kann an den Exil-Biografien ablesen, wie viel jemand, der sein Heimatland gezwungenermaßen verlässt, von dessen Kultur bewahren kann, ohne unglücklich zu werden. Oder andersherum: Wie sehr er sich auf die Kultur des Landes, in das er geflohen ist, existenziell einlassen muss. So kommt es zueinem wechselseitigen Austausch, der sehr fruchtbar werden kann. Das ist eine der Lehren, die wir aus der Vergangenheit ziehen können.

"Zugleich macht die Geschichte des Exils in der NS-Zeit deutlich: Das kulturelle „Weimar“ geht weiter. Es hat sich nur eben auf die Welt verteilt."
Prof. Dr. Christoph Stölzl
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Zeit für einige Fotos der beiden vor den ehemaligen Bahnsteigen des Anhalter Bahnhofs. Während Stölzl und Vossen mit einiger Ausdauer und viel Humor den Anweisungen des Fotografen Folge leisten, kommt eine Diskussion über den Namen des Museums auf. Soll es wirklich „Exilmuseum“ heißen? Oder doch eher „Haus des Exils“? Vossen plädiert für Letzteres: „Ich finde das Bild schön, dass die Exilanten von damals hier wieder ein Haus bekommen, einen Ort.“ Stölzl hält dagegen: „Wenn man sich in die Familie von seriösen Institutionen einreihen möchte, ist die Bezeichnung ‚Museum‘ einfach passender.“ Man darf gespannt sein, was letztendlich über dem Eingang stehen wird.

Wäre die Gründung eines solchen Museums nicht eigentlich eine staatliche Aufgabe gewesen? Vossen: So kann man es sehen. Bereits 2011 hat Herta Müller in einem offenen Brief an Angela Merkel ein Museum des Exils gefordert. Die Antwort des damaligen Kulturstaatsministers Bernd Neumann und seiner Nachfolgerin Monika Grütters ist eine sogenannte virtuelle Ausstellung, die Webseite „Künste im Exil“, ein Netzwerkprojekt unterschiedlicher Akteure. Aber eine solche digitale Darstellung ersetzt natürlich nicht das persönliche Erleben, noch dazu an einem historischen Ort in der Hauptstadt. Durch die private Initiative der Stiftungsgründung lässt sich das Projekt nun sehr schnell anschieben, dann wird man weitersehen.

Um ein Museum zu gründen, muss man ja aber nicht unbedingt eine Stiftung ins Leben rufen. Warum haben Sie sich für diese Organisationsform entschieden?
Stölzl:
Bernd Schultz, der Initiator der Stiftung und des Exilmuseums, hat mit dem Verkauf seiner umfangreichen Handzeichnungen-Sammlung aus fünf Jahrhunderten den Grundstock für das Exilmuseum gelegt und dafür die klassische Form der Stiftung gewählt, der der Ewigkeitsgedanke zugrunde liegt. Schultz ist davon überzeugt, dass die Geschichte von Vertreibung und Exil nach 1933 ein Kapitel in der deutschen und mitteleuropäischen Geschichte ist, dessen tiefe Wirkung bis heute zu spüren ist. Den Blick darauf offen zu halten, ist eine dauerhafte Aufgabe – gleich einem historischen Spiegel, in dem vieles sichtbar wird: Das, was verloren gegangen ist, aber auch das, was einst möglich war und ein Maßstab für unsere Gegenwart bleibt. Bernd Schultz ist beides gleichermaßen wichtig, nun sitzt bereits ein fünfköpfiges Team gemeinsam mit mir an der Ausarbeitung.

Autoren
Theo Starck

Referent Newsroom
Telefon (030) 89 79 47-84

Alle Beiträge von Theo Starck
Nicole Alexander

Chefredakteurin Stiftungswelt
Telefon (030) 89 79 47-70

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Weitere Informationen
Beitrag aus der Stiftungswelt Herbst 2019
Magazin Stiftungswelt

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