Vielfalt im Geben. Einheit im Ziel.

Die Formen des Gebens und Stiftens scheinen vielfältiger zu werden. Das kann zunächst verwirren, doch gerade in dieser Vielfalt könnte die Stärke der nächsten Philanthropie liegen.

Viele Museen, Krankenhäuser oder Zoos wären in Deutschland im 19. Jahrhundert nicht entstanden, wenn sich Menschen nicht in Geberkreisen oder in gemeinnützigen Aktiengesellschaften zusammengetan hätten. Spenderinnen und Stifter gründeten „Giving Circles“ und nutzten Prinzipien der heute sogenannten Venture Philanthropie – ohne je von diesen Begriffen gehört zu haben.
 

Klassische Rechtsformen des Stiftens sind nicht mehr eindeutig

Die heutige Vielfalt des Spendens und Stiftens kann verwirren, weil sie auf zunehmende Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität – ja, auf die VUKA-Welt – trifft. In diesem Kontext scheinen alte Gewissheiten im Fluss. Selbst traditionelle Leitplanken des Sektors, wie klassische Rechtsformen des Stiftens, sind nicht mehr eindeutig und verschwimmen mit anderen Organisationsformen des Gebens. In solchen Zeiten scheint die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren 17 Sustainable Developments Goals (SDGs) ein wichtiger inhaltlicher Kompass zu sein. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich auf der „SDG Philanthropy Platform“ Stiftungen global vernetzen, dass die Rockefeller Foundation und die MacArthur Foundation eine Investment-Initiative mit Blick auf die SDGs initiiert haben und dass auch viele deutsche Stiftungen mit Blick auf deren Wirkung die SDGs als Indikatoren nutzen.

Giving Circles, Bürgerstiftungen oder Versprechen des Gebens („Pledges“) sind Ausdruck des 17. SDGs, das auf Partnerschaft und Kollaboration abzielt. Das gemeinsame Spenden und Stiften hat heute eine wachsende Bedeutung. Dass Partnerschaften wichtig für die Philanthropie sind, hat der Präsident des „Center for Effective Philanthropy“, Phil Buchanan, mit seltener Deutlichkeit in seinem jüngsten Buch „Giving Done Right“ zum Ausdruck gebracht: „In der Philanthropie wird Ihre Strategie mit ziemlicher Sicherheit scheitern, wenn Sie sie allein verfolgen.“
 

17 globale Ziele des Stiftens

Die SDGs 1 bis 16 sind jedoch vor allem ein inhaltlicher Kompass für die Welt des Spendens und Stiftens – und damit vielleicht auch ein Weg, die Legitimität des philan­thropischen Handelns zu unterstreichen. In den USA hat vor einigen Monaten die Denkfabrik „Bridgespan“ eine Studie zu den „Big Bets“, den „Großen Wetten“, vorgelegt. Damit sind Spenden über 10 Millionen US-Dollar gemeint. Die insgesamt 42,4 Milliarden US-Dollar, die zwischen 2000 und 2016 in dieser Form gespendet wurden, haben sich sehr ungleichmäßig auf die 17 SDGs verteilt. Die Hälfte aller Spenden gingen an das Nachhaltigkeitsziel „Gesundheit & Wohlbefinden“. Die Macher der Studie sahen dies als Indikator für eine fehlende Vielfalt des Spendens und Stiftens.

Die Vielfalt der Vehikel des Stiftens ist für die Arbeit an den SDGs eine Chance. Ein Family Office kann flexibel entscheiden, in welchem Feld eine Spende oder ein Investment getätigt werden soll. Crowdfunding kann bei einer Vielzahl von Menschen Legitimität für ein Thema schaffen. Die Stiftung kann Partnerschaften mit internationalen Organisationen oder Ministerien eingehen. Klug eingesetzt können die Eigenschaften jedes Vehikels die der anderen ergänzen und sollten deshalb verstärkt als strategische Verbünde gesehen werden.

Wir wissen empirisch noch immer zu wenig über die neuen Organisationsformen des Stiftens. Mehr verlässliche Daten wären für den Sektor hilfreich. Dann wäre die Vielfalt der Vehikel etwas weniger komplex in einer Zeit, in der wir uns anhand von 17 globalen Zielen gemeinsam für eine Sache engagieren können. 

Über den Autor

Michael Alberg-Seberich ist Geschäftsführer der Beratungsagentur Wider Sense.

Beitrag aus: Stiftungswelt Winter 2019
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