Stärken stärken - der Schlüssel liegt im Lokalen

Globales Engagement
Foto: Visual Harvest, Adrian Popa

Bürgerstiftungen sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Förderern und Geförderten. Dies zeigt sich einmal mehr in Krisenzeiten: Bürgerstiftungen sind als starke lokale Partner unverzichtbar.

Die European Community Foundation Initiative baut auf länderübergreifenden Erfahrungsaustausch derer, die in und für die 800 Bürgerstiftungen in 26 Ländern Europas arbeiten. In Zeiten von Corona mit geschlossenen Grenzen in Europa, in Zeiten in denen Voneinanderlernen dringendsten und aktuellen Handlungsnotwendigkeiten weichen muss, ist es ein hoffnungsvolles Signal, wenn 21 Länder online ihre Erfahrungen austauschen.

Bürgerstiftungen als lebendiges Zeichen einer starken Zivilgesellschaft

In den 26 Ländern Europas, in denen Bürgerstiftungen als Organisationsform der Zivilgesellschaft wirken, sind die Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der weltweiten Pandemie höchst unterschiedlich. Wirtschaftliche Stärke unterscheidet sich genauso wie Zustand der Gesundheitssysteme. Zudem prägt der Staat mit unterschiedlicher Art und Geschwindigkeit das Umfeld, in dem Zivilgesellschaften tätig werden können. Und dennoch zeigen die Gespräche mit nationalen Partnern, dass Bürgerstiftungen als Organisationsform der lebendigen Zivilgesellschaft überall eine ideale Ausgangslage haben, um schnell und unbürokratisch auf die mit der Corona Krise verbundenen Auswirkungen zu reagieren: sie mobilisieren Ressourcen, verbinden Menschen und Organisationen und reagieren mit neuen Handlungsmustern und Hilfsangeboten.

Engagement der Bürgerstiftungen in Italien

Bürgerstiftungen stehen an vorderster Front! In Brescia, Lecco und Parma sammeln sie dringend benötigte Spenden für die dortigen Krankenhäuser. In Novarese, Monza, Brianza, Varesoto und Canavese unterstützen sie Nachbarschaftsdienste oder wirtschaftlich in Not geratene lokale gemeinnützige Organisationen. 

Bürgerstiftungen als starke Partner in Großbritannien

Auf starke und gewachsene Strukturen der Bürgerstiftungsbewegung können die Briten bauen. Seit 1976 entwickeln sich die 46 Bürgerstiftungen dort mit Unterstützung des nationalen Mitgliederverbandes als wichtige Institutionen für die lokale Zivilgesellschaft. Vor allem in Krisenzeiten, so etwa beim Jahrhunderthochwasser 2016 oder jetzt im Sturm der Pandemie, sind sie als unabhängige Institution vor Ort Partner für die Regierung, werden zum wichtigen Bindeglied des lokalen Engagements. Der National Emergency‘s Trust möchte mit 15 Millionen Pfund die Menschen unterstützen, die infolge des Coronavirus-Ausbruchs in Not geraten sind. Die Bürgerstiftungen übernehmen dabei die Rolle der Verteilung. Warum sind sie in besonderer Weise dafür geeignet? Weil sie über umfassendes Wissen in ihren Gemeinden verfügen, über die vorrangigen Bedürfnisse vor Ort ebenso wie über Lösungsansätze. Darum sind die Bürgerstiftungen diejenigen, die sicherstellen, dass die Gelder dorthin gelangen, wo sie am dringendsten benötigt werden und die größte Wirkung erzielen können.

Notfallfonds in Rumänien

In Rumänien haben die 19 zum Teil noch recht jungen Bürgerstiftungen gemeinsam einen Notfallfonds für notleidende Krankenhäuser im Kampf gegen Covid gegründet. Unterstützungswillige können über landesweite SMS-Nummern spenden. Es kam bereits mehr als eine Million Euro zusammen, eine beachtliche Leistung für ein Land, indem die Bürgerstiftungen selbst jeden Euro benötigen, um zu stabilen und widerstandskräftigen Organisationsformen heranzuwachsen.

Bürgerstiftungen als Vermittler in Belgien und Tschechien

In Belgien ebenso wie in Tschechien verzichten die Bürgerstiftungen darauf, eigene Spendenkampagnen zu starten. Sie stellen ihre jahrelange Erfahrung im Lokalen mit gewachsenen Partnerschaften zu gemeinnützigen Einrichtungen zur Verfügung. Die Bürgerstiftungen als wertvolle Brücke zwischen denen, die helfen wollen und denen, die Hilfe zum Helfenkönnen benötigen.

Kochen für das Krankenhauspersonal in Ungarn

In Ungarn unterstützen die Bürgerstiftungen ihre lokalen Krankenhäuser mit der Lieferung von gespendeten Gesichtsmasken und sammeln Geld für Medikamente oder anderes medizinisches Gerät. Oder sie kochen für das Krankenhauspersonal und organisieren dafür auch noch die Fahrradkuriere!

Hilfe unter erschwerten Bedingungen

Aber auch den Bürgerstiftungen, egal ob in Deutschland oder in Ungarn, brechen wichtige Finanzierungskanäle weg. Benefizveranstaltungen, Giving Circles oder Swimathons: All die kreativen Veranstaltungen fallen in diesem Jahr ins Wasser. Eintagesveranstaltungen, wie zum Beispiel der Swimathon in Budapest, bringen nicht nur finanzielle Mittel, sondern vor allem dringend benötigte Unterstützung der Bevölkerung.

Das Wegbrechen solcher Finanzierungsinstrumente gefährdet nicht nur die Fördermöglichkeit vor Ort, sondern auch die Bürgerstiftung als Organisation selbst. Betriebskosten können auch in Bürgerstiftungen nicht zum Nullpreis erbracht werden. So droht den Helfern in der Stunde der Not, selbst handlungsunfähig zu werden.

Auch Bürgerstiftungen benötigen daher Finanzhilfen, wenn die Widerstandskraft und Kreativität von Bürgerstiftungen als handlungsfähige Organisation in Krisenzeiten aufrechterhalten werden soll, und die Zivilgesellschaft auch in Zeiten des „Danach“ eine starke Rolle in unseren Demokratien einnehmen soll.

Der organisationsimmanente Drang, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme vor Ort beizutragen, fordert die 800 Bürgerstiftungen in Europa genauso wie die lokalen Einrichtungen, die sie mit ihrem Wirken unterstützen. Hinzu kommt die Notwendigkeit, die eigene Organisation mit Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen effektiv und effizient durch die Krise zu führen.

Wie auch immer das Umfeld nach Covid aussehen wird, Bürgerstiftungen werden wichtiges Bindeglied zwischen Förderern und Geförderten bleiben. Fördern wir die Fördernden!


Mehr Zahlen und Fakten

CANDID, eines der größten Researchinstitute in den USA für den gemeinnützigen Sektor, untersucht und dokumentiert seit 1980 die Arbeit der institutionellen Philanthropie, auch und besonders in Krisenzeiten wie bei 9/11 oder der schweren Rezession 2009. Deren Blick in das Verhalten von Stiftungen bei vergangenen Katastrophen unterstreicht die Notwendigkeit, Bürgerstiftungen als Organisationen besonderes Augenmerk zu schenken:

Bei der großen Rezession 2009 waren Bürgerstiftungen in den USA die ersten Stiftungen, die tätig wurden. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) der im April 2009 befragten Bürgerstiftungen gaben an, dass sie sich in besonderen Initiativen engagieren, um ihre Gemeinden bei der Bewältigung der lokalen Folgen der Krise zu unterstützen. Dies geschah zu einem Zeitpunkt (sechs Monate nach Beginn des Abschwungs), als nur 14 Prozent aller Stiftungen angaben, sich an solchen Initiativen zu beteiligen. Die Bürgerstiftungen wurden aber auch stärker in Mitleidenschaft gezogen als andere Stiftungen: Der Personalabbau in Bürgerstiftungen war infolge der Rezession fast doppelt so hoch (29 Prozent) wie bei unabhängigen Stiftungen und Unternehmensstiftungen (15 Prozent).

Autor
Anja Böllhof

Leiterin European Community Foundations Initiative

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