Sozialverträgliche Rendite statt Betongold

Die Berliner Stiftung Nord-Süd-Brücken investiert in Wohnimmobilien. Allerdings nicht in Häuser, sondern in die Grundstücke, auf denen sie stehen. Das ist gut für die Rendite - und für die Mieter. 

Ein Mietshaus mitten im aufstrebenden Berlin-Kreuzberg klingt im ersten Moment wie das optimale Spekulationsobjekt. Ist es aus Sicht einiger Investoren auch, und trotzdem brauchen die Mieter keine Sorge vor sprunghaften Mietsteigerungen haben: Die Berliner Stiftung Nord-Süd-Brücken hat das entsprechende Grundstück im vergangenen Jahr gekauft und stellt es per Erbbaurecht für die kommenden Jahrzehnte einer eigens gegründeten Eigentümer-Gesellschaft zur Verfügung, an der sich die Mieter beteiligen. „Wir sind keine Immobilienverwaltung“, betont Finanzreferentin Ingrid Rosenburg. „Bei der gewählten Konstruktion hält sich der Aufwand für uns in Grenzen, wenn das Projekt erst einmal steht.“ Gleichzeitig stimmt die Rendite: Rosenburg kalkuliert mit 3 bis 3,5 Prozent Erbbauzins pro Jahr.

Erbbaurecht: gut, um ethisch vertretbar zu investieren

Für die Stiftung ist es bereits das zweite Erbbaurecht-Projekt. Vor zwei Jahren hat die Stiftung ein Grundstück in Leipzig erworben, auf dem ein Projekt für inklusives Wohnen entsteht. Immobilien sind aus Sicht der Stiftung eine gute Anlageklasse, um in der anhaltenden Niedrigzinsphase Kapital aus fällig gewordenen Anleihen mit einer akzeptablen Rendite anzulegen. Derzeit investiert die Stiftung 15 Prozent ihres rund 17 Millionen Euro großen Vermögens in Immobilien, künftig soll der Anteil auf ein Drittel steigen. „Wie schnell das geht, ist auch eine Frage der Gelegenheiten“, sagt Rosenburg. Klassische Anlagen wie geschlossene Immobilienfonds waren der Finanzreferentin zu unattraktiv, zudem wollte die Stiftung sich nicht an der Spekulation auf Kosten von Mietern beteiligen. „Für uns ist das Erbbaurecht ein guter Weg, um ethisch vertretbar in Immobilien zu investieren.“

Negativ-Katalog für die Anlagen der Stiftung Nord-Süd-Brücken

Die Nord-Süd-Brücken haben schon kurze Zeit nach ihrer Gründung vor mehr als zwanzig Jahren begonnen, bei ihren Investments auf ethische Aspekte zu achten und diesen Ansatz immer weiter ausgebaut. Die Idee dahinter: Die Stiftung soll nicht nur mit den Fördergeldern Gutes bewirken, sondern auch vermeiden, in Unternehmen und Staaten zu investieren, die diesem Zweck entgegenstehen. Mittlerweile prüft Rosenburg bei jedem neuen Investment, ob es ethisch vertretbar ist. Die Anlagerichtlinien der Stiftung enthalten einen Katalog von mehr als einem Dutzend Kriterien. Demnach soll die Stiftung zum Beispiel weder Anleihen noch Aktien von Staaten oder Unternehmen kaufen, die Menschenrechte missachten, Raubbau an natürlichen Ressourcen betreiben oder einen gerechten Welthandel behindern und die Benachteiligung von Entwicklungsländern verschärfen.

"Es fehlt an geeigneten Mission-Investment-Chancen"

Dieser letzte Punkt des Kriterien-Katalogs stellt die direkte Verbindung zur eigentlichen Fördertätigkeit der Stiftung her, Entwicklungshilfe-Projekte in armen Ländern zu unterstützen. Vor dem Hintergrund wird klar, dass die Immobilienprojekte in Berlin- Kreuzberg und Leipzig nicht zur Fördertätigkeit der Stiftung zählen und damit auch nicht zum derzeit viel gepriesenen Mission Investing. Bei dieser Varianten geben Stiftungen die klassische Trennung von Geldanlage einerseits und Mittelvergabe andererseits auf und investieren direkt in zu fördernde Projekte. Das Mission Investing spielt bei den Nord-Süd-Brücken bislang nur eine vergleichsweise kleine Rolle: 650.000 Euro und damit rund vier Prozent des Stiftungsvermögens hat Rosenburg in einen vom Bundesentwicklungshilfeministerium initiierten Fonds investiert, der das Geld in Form von Mikro-Finanzierungen an Kleingewerbetreibende im mittleren Osten und in Nordafrika vergibt. Dass es nicht mehr ist, hat einen einfachen Grund: „Es fehlt an geeigneten Investment-Chancen“, sagt Rosenburg. „Das Management von Mikro-Finanz-Fonds ist häufig nicht überzeugend, hinzu kommt in vielen Fällen Kritik an überzogenen Zinsen. Außerdem richten sich solche Vehikel häufig an die Mittelschicht in den jeweiligen Ländern, und nicht an die armen Menschen, die wir mit unserer Hilfe erreichen wollen.“

Stiftung überträgt Stimmrechte an "Kritische Aktionäre"

Solange das Mission Investment nur auf Sparflamme kocht, ist das ethische Investieren für die Nord-Süd-Brücken der richtige und mit dem Stiftungszweck vereinbare Weg, Erträge zu erwirtschaften. Neben den Immobilien investiert die Stiftung einen großen Teil ihres Vermögens über die internationalen Kapitalmärkte und nutzt als Vehikel Fonds, die bei der Geldanlage bestimmte ethische Kriterien berücksichtigen. 34 Prozent des Portfolios sind in Mischfonds investiert, die in Aktien und Anleihen anlegen. Zum Beispiel stecken eine Million Euro des Stiftungsvermögens im „FairWorldFonds“, den die Raiffeisen-Fonds-Sparte Union Investment nach sozialen, ökologischen und entwicklungspolitischen Kriterien der Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ für die genossenschaftliche Ökobank GLS aufgelegt hat. Ziel des Fonds: Den fairen Handel fördern, um Rendite und Förderung des Gemeinwohls unter einen Hut zu bringen. Weiterer Dreh, um mit gezieltem Investieren etwas zu bewegen: Die Stiftung kauft in kleinem Umfang Aktien bestimmter Unternehmen und überträgt ihr Stimmrecht auf Nichtregierungsorganisationen oder den „Dachverband Kritische Aktionäre“, damit die Aktivisten auf den Hauptversammlungen der Unternehmen zu Wort und damit Einfluss auf deren Geschäftspolitik nehmen können. „Das ist für uns ein wirksamer Weg, um die Arbeit dieser Organisationen zu unterstützen“, sagt Rosenburg. Und der Aufwand hält sich in Grenzen – auch ein wichtiger Punkt für Stiftungen, die regelmäßig mit überschaubaren personellen Ressourcen auskommen müssen.

Autor

André Schmidt-Carré
freier Wirtschaftsjournalist

Weiterführende Links
Aktuelle Beiträge
Stiftungsrecht

Nachgefragt: Welche Themen beschäftigen Stiftungsaufsichten in der Corona-Pandemie?

Wir haben bei acht Stiftungsaufsichtsbehörden nachgefragt, wie sich die Corona-Pandemie auf ihre Arbeit auswirkt und welche Themen Stiftungen jetzt beschäftigen.

Mehr
Globales Engagement

Zusammenarbeiten, um die Kurve abzuflachen

Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf die afrikanische Philanthropie? Was sind in Zeiten der Pandemie die größten Heraus­forderungen für den Stiftungssektor in Kenia? Und wie geht er damit um? Wir haben bei Nancy Kairo von der African Venture Philanthropy Alliance und Evans Okinyi vom East Africa Philanthropy Network nachgefragt.

Mehr
Impuls

Ein besseres Neues Normal aktiv gestalten

Das Neue Normal: um die Welt nach der Corona-Pandemie drehen sich viele Gedanken und Gespräche. Wie werden wir leben, arbeiten, wirken in diesem Mix aus Katerstimmung, transformativen Lernerfahrungen und Sehnsucht nach dem Altbekannten? Als der erste Krisen-Schock Mitte Mai verdaut war, hat sich die Stiftung Bürgermut auf ihren Claim besonnen: Neues einfach machen. Denn wie es aussehen wird, das Neue Normal, passiert nicht einfach mit uns. Es liegt als Gestaltungschance und Gestaltungsauftrag in unser aller Hände.

Mehr
Stiftungs-News

Nachbarschaft in der Corona-Krise: Ein Zwischenfazit der nebenan.de Stiftung

Die gemeinnützige nebenan.de Stiftung fördert nachbarschaftliches Engagement in der Gesellschaft. In einem Interview mit der Stiftungswelt (Ausgabe Sommer 2020) äußerte Geschäftsführer Sebastian Gallander die Hoffnung, die Corona-Krise könne die Menschen in Deutschland ein Stück näher zusammenbringen. Drei Monate später haben wir bei ihm nachgefragt, ob sich diese Hoffnung bestätigt hat.

Mehr
Unsere Demokratie

Die verbindende Kraft von Dialog und Begegnung

Religionen motivieren Menschen, sich für andere und die Gemeinschaft einzusetzen. Sie können aber auch gesellschaftliche Konflikte, Abgrenzung und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und -gläubigen befeuern. Was können kirchliche und religionsnahe Stiftungen konkret für gesellschaftlichen Zusammenhalt tun? Über Ansätze der Stiftung Weltethos und der Hanns-Lilje-Stiftung habe ich mit Lena Zoller und Christoph Dahling-Sander gesprochen.

Mehr
Geschlechtergerechtigkeit

Klimawandel ist nicht genderneutral

Frauen sind weltweit in höherem Maße von den negativen Auswirkungen des Klimawandels sowie vom Raubbau an der Natur betroffen. Ein feministischer Ansatz, der vor Ort verwurzelt ist, kann eine machtvolle Quelle für Umweltschutz und Geschlechtergerechtigkeit zugleich sein. 

Mehr

Mehr zum Thema

Kapital und Wirkung

Nachhaltiges Investieren nach ESG-Kriterien

Nachhaltige Kapitalanlagen spielen für Stiftungen eine immer größere Rolle: Die ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) bieten hierfür eine wichtige Orientierung. Welche Auswirkungen die Kriterien auf Ertrag und Risiken der Kapitalanlagen haben, dazu spricht Klaus Siegers, Vorstandsvorsitzender der Weberbank, im Interview mit Stifter TV.

Mehr
Grundlagen beim Stiftungsvermögen
Theo Starck

Grundlagen Stiftungsvermögen

Rendite-Risiko-Profil, Anlagestrategie, Gesamtportfolio: Was muss man beachten, wenn man sich mit dem Vermögen der eigenen Stiftung auseinandersetzen möchte?

Mehr
Kapital und Wirkung

Nachhaltige Geldanlage: Wie transparent lässt sich die Wirkung messen?

Angelika Stahl und Jan Köpper von der GLS Bank sprechen mit Stifter TV über Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage von Stiftungen und NGOs – vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie.

Mehr