Sozialunternehmen in Kenia: „Wer weit kommen will, geht gemeinsam“

Eine sogenannte „Talking Wall“, mit der für einen hygienischen Umgang mit Trinkwasser geworben wird.
Globales Engagement
Foto: Tilmann Straub/Siemens Stiftung

Die Siemens Stiftung hat in Kenia die WE!Hub Victoria Ltd. gegründet. Im Interview erklärt Rolf Huber, Geschäftsführender Vorstand der Siemens Stiftung, wie durch das Sozialunternehmen nachhaltige Lösungen und Strukturen für die Trinkwasser- und Energieversorgung sowie E-Mobility-Lösungen aufgebaut werden sollen.

Rolf Huber
Foto: Yann-Yves O’Hayon-Crosby/Siemens
Rolf Huber ist Geschäftsführender Vorstand der Siemens Stiftung. Er ist unter anderem verantwortlich für Entwicklungskooperation in Europa, Afrika und Lateinamerika.

Stiftungswelt: Herr Huber, Sie haben mit der Siemens Stiftung das Sozialunternehmen „WeTu“ in Kenia gegründet. Was wollen Sie damit erreichen?
Rolf Huber: Die Ziele sind identisch mit denen unserer Stiftungsarbeit: Wir wollen Menschen in die Lage versetzen, ihre Lebensbedingungen und Lebensperspektiven zu verbessern. Nur die Herangehensweise ist etwas anders: Mit dem lokalen Sozialunternehmen wollen wir eine zuverlässige Grundversorgung mit bestem Trinkwasser und sauberer Solar-Energie dauerhaft sicherstellen. Darüber hinaus werden eben dadurch, dass es sich um ein unternehmerisches Modell handelt, neue Jobs in der Region sowie Möglichkeiten zur Qualifizierung entstehen. Diese wirtschaftliche Dynamik eröffnet neue Chancen zur Selbstbestimmung, gleichzeitig sind die unternehmerischen Risiken in der Anfangsphase minimiert, da die Siemens Stiftung als Darlehensgeber dahintersteht. Auf diese Weise können innovative technische Lösungen – wie spezielle elektrische Fahrzeuge – getestet werden. Kombiniert mit neuen Sharing-Economy-Modellen wollen wir vor Ort Technologie- und Entwicklungssprünge auslösen.

Könnten die von Ihnen geplanten Lösungen zur Trinkwasser- und Energieversorgung nicht auch über die Siemens Stiftung in München umgesetzt werden?
Prinzipiell ja, das könnten sie. Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Die riesigen weltweiten Herausforderungen werden am besten mit lokalem Wissen und Engagement, gepaart mit internationalem Know-how und tragfähigen Netzwerken gelöst. Je näher die Menschen zusammenrücken, desto besser die Ideen und Lösungen. Je passender die technische Lösung, desto rascher stellt sich deren Wirkung ein. Und je lokaler das Geschäftsmodell und die kulturelle Einbindung, desto größer und nachhaltiger die Implementierung. Das haben wir auf allen Kontinenten in der Zusammenarbeit mit Sozialunternehmern gelernt und zeichnet immer unsere Herangehensweise aus. Diese Erfahrungen fließen nun in WeTu am Viktoriasee ein und werden eben mit der Gründung einer lokalen Struktur nochmals effektiver gestaltet.

Wäre es für die nachhaltige Entwicklung in dem Land nicht zielführender gewesen, wenn Sie als deutsche Stiftung mit einem afrikanischen Partner kooperieren, anstatt ein eigenes Unternehmen zu gründen?
Das machen wir ja, und nicht nur mit einem, sondern mit möglichst vielen. Eine sehr kluge und oft zitierte afrikanische Weisheit sagt: ‚Wer schnell ans Ziel kommen will, geht alleine, wer weit kommen will, geht gemeinsam.‘ Und es gibt nicht nur eine Lösung, wir werden unsere klassische Stiftungsarbeit nicht beenden, sondern im Gegenteil noch stärker investieren. Das Unternehmen WeTu wurde von der Stiftung gegründet und finanziert. Gleichzeitig ist es durchaus das Ziel, dass dieses Unternehmen nicht auf Dauer im Stiftungsbesitz bleibt. Bestenfalls werden sich in einem Ökosystem rund um die technischen Anwendungen und um die wirtschaftlichen Modelle weitere Organisationen und Unternehmen ansiedeln, um den Ausbau und die Skalierung am See und in Ostafrika voranzubringen. Entscheidend ist für uns die soziale wie unternehmerische Haltung solcher Partner. Die Stärkung der lokalen Entwicklung muss immer im Vordergrund von WeTu stehen. Alleine hätten wir mit unserer Stiftung nicht genügend Ressourcen und Know-how, um die vielen notwendigen Schritte zu gehen.

Wie stärken Sie afrikanische Akteure, sodass langfristig ein funktionierendes System zur Wasser- und Energieversorgung in Kenia existiert?
Mit Kooperationen von Anfang an. Indem wir möglichst rasch lokales Know-how aufbauen, im technischen und betriebswirtschaftlichen Bereich genauso wie bei Hygiene, Gesundheit und sozialer Einbindung. Dazu setzen wir zum einen auf bereits angewandte Trainings- und Schulungsmaßnahmen, und werden zum anderen unsere Partnerschaften mit lokalen Hochschulen ausbauen und verschiedene Start-ups in die sich gerade entwickelnden Strukturen vor Ort einbinden. Unser Unternehmenssitz ist mitten im „Lake Hub“, einem IT-Start-up Center in Kisumu, der größten Stadt in West-Kenia. Wir spüren und sehen viel Aufbruchstimmung und Ideenreichtum. Es ist viel lokale Kraft vorhanden, diese kann sich mit unserer verbinden. Denn wie oben bereits zitiert – wer weit kommen will, geht gemeinsam.

Welche Rolle hat bei Ihren Überlegungen, ein eigenes Sozialunternehmen in Kenia zu gründen, das deutsche Stiftungsrecht und die Anforderungen des Finanzamtes gespielt?
Wir haben in diesem Bereich über die Jahre viel gelernt. Wir arbeiten weltweit eng in einer Gemeinschaft mit Sozialunternehmern und haben gemeinsam Herangehensweisen entwickelt, die sowohl an den lokalen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie an dem deutschen Stiftungsrecht orientiert sind. Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen wirken in diesem Zusammenhang als Beschleuniger: Sie fördern die Kooperation über Sektorengrenzen hinweg, gemeinnützige Stiftungen arbeiten mit privatwirtschaftlichen Organisationen zusammen, staatliche Stellen und internationale Organisationen unterstützen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Unser Stiftungsrecht setzt enge Grenzen, die wichtig sind, um den gemeinnützigen Auftrag von Stiftungen sicherzustellen. In diesem Rahmen ist es möglich, durch Zusammenarbeit passgenaue Lösungen mit den Finanzbehörden zu erarbeiten. Wir haben hier einiges an Zeit und Geld investiert und einige Erfahrungen gemacht, die wir mit unseren Partnern im Netzwerk der Sozialunternehmer und anderen Stiftungen teilen werden. Wenn wir unsere Wirkung im Ausland optimieren und Ideengeber auch für andere Sektoren sein wollen, sind gerade wir Stiftungen gefordert, neue Wege zu beschreiten. Ich bin davon überzeugt, dass wir davon in Zukunft viel mehr sehen werden.

Sie sprechen davon, dass die Gründung von WeTu eng mit dem zuständigen deutschen Finanzamt abgestimmt wurde. Was genau war zu klären und was waren die besonderen Herausforderungen?
Zwei Rahmenbedingungen galt es zu klären: Erstens, die Beteiligung an der Limited fällt formal in den Bereich der Vermögensverwaltung der Stiftung. Grundsätzlich sollten hier ja möglichst gute Erträge bei möglichst geringem Risiko erwirtschaftet werden. Die Beteiligung an der lokalen Gesellschaft ist jedoch nicht an der Erzielung von Erträgen für die Stiftung ausgerichtet und sie könnte im schlimmsten Falle sogar zu einem Totalverlust der eingesetzten Mittel führen. Zweitens: Die Finanzausstattung zum Erwerb der bestehenden Vermögenswerte – also die Grundstücke, Gebäude und die technische Infrastruktur am Viktoriasee – sollte WeTu in Form eines Darlehens aus „zeitnah zu verwendenden Mitteln“ der Siemens Stiftung zur Verfügung gestellt werden – also aus dem „ideellen Bereich“ und dann gegebenenfalls zu marktunüblichen Konditionen. Um dies zu ermöglichen, galt es, die Satzung der WeTu entsprechend einer, aus deutscher Sicht, gemeinnützigen GmbH aufzusetzen. Zusammengefasst haben wir eine hundertprozentige Beteiligung in der Vermögensverwaltung, die aber gleichzeitig durch zeitnah zu verwendende Mittel unterstützt werden kann und deren etwaigen Verluste im „worst case“ keine negativen Auswirkungen auf die Stiftung bzw. die gemeinnützige Mittelverwendung haben. Diese Ansätze wurden vom Finanzamt so bestätigt.

Ist ein solches Geschäftsmodell die Zukunft für deutsche Stiftungen, die grenzüberschreitend die nachhaltige Entwicklung fördern wollen?
Es ist sicherlich nur eine von mehreren Möglichkeiten. Auch wir werden und können nicht all unsere Stiftungsarbeit auf dieser Basis umsetzen, es müssen immer Lösungen und Ansätze erarbeitet werden, die für genau die jeweilige Situation passen. Unternehmerische Modelle sind nahe an den bewährten Traditionen in vielen Gesellschaften und Gemeinden, von Genossenschaften bis zu Kreditvereinen mit Investitionsmodellen. Offenheit und Innovationskraft ist gefragt, um die jeweiligen lokalen Strukturen und Entwicklungspotenziale bestmöglich mit globalem Wissen zu verbinden.

Als Siemens Stiftung sind Sie dafür bekannt, dass Sie neue, innovative Wege gehen, um besonders nachhaltige Wirkungen zu erzielen – was kommt als nächstes?
Unser Fokus liegt jetzt zuallererst auf WeTu, das wir gemeinsam mit den Mitarbeitern und Partnern vor Ort zu einem stabilen Sozialunternehmen aufbauen wollen. Gleichzeitig werden wir das Thema Skalierung betrachten. Dies betrifft aus unserer Sicht vor allem umweltverträgliche Elektro-Mobilitätslösungen rund um Trinkwasserversorgung, Fischerei, Landwirtschaft oder das Handwerk. Hier eröffnen sich sehr spannende und vielversprechende Ansätze. Wir werden schnell lernen und darauf basierend Modelle erarbeiten, um weiterhin mit Investitionen, Know-how und operativer Unterstützung wirkungsvolle Innovationen voranzutreiben.

Autor
Dr. Annette Kleinbrod

EZ-Scout der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Entsandt an: Bundesverband Deutscher Stiftungen

Telefon (030) 89 79 47-0

Alle Beiträge von Dr. Annette Kleinbrod
WeTu

Die WE!Hub Victoria Ltd., kurz WeTu, ist ein von der Siemens Stiftung gegründetes Sozialunternehmen. Mit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern arbeitet WeTu an sieben Standorten am Viktoriasee an Lösungen zur Trinkwasser- und Energieversorgung sowie im Bereich E-Mobility.

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