Lasst uns über Gemeinsinn neu nachdenken

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Gemeinsinn – dieses wertvolle und knappe Gut – wieder herstellen können. Ein Essay von Aleida Assmann.

Abstand als Zeichen sozialer Solidarität

Die Corona-Krise stellt alles in den Schatten, was wir bisher über Gemeinsinn wussten oder zu wissen glaubten. Je größer die Not, desto tiefer die Einsichten in dieses wertvolle und knappe Gut. Seit sich die ganze Welt mit leichten zeitlichen Verschiebungen durch die Pandemie im ultimativen Krisenmodus befindet, ist jedem bewusst geworden, dass Alleingänge nicht weit tragen, wir alle im selben Boot sitzen und jederzeit auf die Unterstützung und Hilfe anderer angewiesen sein können. Auch die Gesten des Abgrenzens haben in Ansteckungszeiten einen höheren ‚Gemein-Sinn‘. Sie dienen nicht feindlicher Abwehr, sondern dem gegenseitigen Schutz. Physisches Abstandhalten ist in der neuen übergreifenden Grammatik des Gemeinsinns, die wir gerade zu buchstabieren lernen, zum Zeichen sozialer Solidarität geworden.

Es gibt ein Wort, das selten gebraucht wird und auch jetzt nicht in Umlauf ist, obwohl es in der gegenwärtigen Krise einen besonderen Sinn erhält: ‚Moratorium‘. Es kommt nicht von lateinisch ‚mors‘ für Tod wie das Wort ‚Mortalität‘, sondern von lateinisch ‚mora‘ für Frist und Aufschub. Im ökonomischen Zusammenhang steht ein Moratorium für Aufschub oder die Tilgung von Schulden, in der jetzigen Krise kommt noch die zeitliche Bedeutung des Anhaltens und der Verlangsamung dazu. Das Leben im Stillstand bzw. in einer Kurve, auf deren Abflachung man hofft, erleben wir gerade als ein ökonomisches Desaster. Das geistige Moratorium dagegen bietet eine unverhoffte Chance, die darin bestehen könnte, die eigenen Werte, Lebensformen, Konventionen und Prioritäten zu überdenken und zu justieren. In einer solchen Zeit erscheint es sinnvoll, neu über Gemeinsinn nachzudenken.

Nicht ich, sondern wir

Was ist Gemeinsinn? Die einfachste Definition hat der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders gegeben: „Not me. Us!“ Nicht ich, sondern wir. Auch der Philosoph Karl Jaspers hat nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1940er-Jahren dafür eine treffende Formel gefunden, als er schrieb: „Wahrheit ist, was uns verbindet.“ Die westliche Marktgesellschaft hat, wie wir wissen, Egoismus und Wettbewerb stark gemacht, aber wenig in Gemeinsinn investiert. Inzwischen ist noch der kollektive Egoismus der Nationen hinzugekommen, die sich gegenseitig überbieten. Der indisch-britische Autor Salman Rushdie hat kürzlich in einem Interview festgestellt, dass die drei Länder, in denen er gelebt hat und weiterhin lebt, alle dieses eine Modell verkörpern: Narendra Modi mit „India first!“, Boris Johnson mit „Britain first!“ und Donald Trump mit „America first!“. In Europa und in Deutschland hat der Nationalismus inzwischen aggressive Züge angenommen und spaltet die Gesellschaft durch Hass und völkische Parolen.

Die Rede vom ‚gesellschaftlichen Zusammenhalt‘ ist schon seit einigen Jahren die meistgebrauchte Formel in der politischen Rhetorik. Sie kam nicht nur in der Weihnachtsansprache 2019 von Frank Walter Steinmeier mehrfach vor, sie wird inzwischen auch von rechtsradikalen Gruppen in Anspruch genommen. Wenn man das Wort ‚Zusammenhalt‘ durch ‚Gemeinsinn‘ ersetzt, verschiebt sich ein wenig die Perspektive. Wer Zusammenhalt sagt, denkt an etwas, das von oben zusammengehalten werden muss, weil es unter besonderem Druck steht. Mit dem Wort Gemeinsinn geht man nicht von einem Kollektiv wie der Gesellschaft aus, sondern von den Voraussetzungen der Einzelnen, die etwas einbringen. Diese Bewegung kommt von innen, nicht von außen, sie muss von den Menschen selbst aufgebaut werden. Zusammenhalt richtet sich gegen eine von außen oder innen kommende Gefahr: Wir halten zusammen gegen Spaltendes und Bedrohliches. Beim Gemeinsinn werden Einzelinteressen zurückgestellt und der Blick auf etwas Übergreifendes gerichtet, das jenseits von Herkunft und Zugehörigkeit verbindet. Gemeinsinn bedeutet nicht vordringlich, sich ein- und unterzuordnen, sondern den Anderen einzubeziehen. Er ist nicht das Gegenteil von Individualismus, sondern von Egoismus und fordert zu einem Denken in größeren Zusammenhängen und Bindungen auf.

Modell einer ‚unzivilen‘ Gesellschaft

Wir stehen heute am Ende der Entwicklung einer friedlichen Erfolgsgeschichte der Europäischen Union. Das europäische Wir ist gespalten, was vor Kurzem noch als Konsens gelten konnte, stößt heute an klare Grenzen der Zustimmung. Das Modell der zivilen Gesellschaft sieht sich inzwischen durch das Gegenmodell einer ‚unzivilen‘ Gesellschaft infrage gestellt. Daran ist nicht zuletzt das Internet beteiligt, in dem die Meinungsfreiheit zur Meinungsenthemmung verkommen ist und kräftig zur Entfesselung von Hass, Hetze und Gewalt beiträgt. Demagogen haben Konjunktur, Hassrhetorik mit Shitstorms und Morddrohungen breitet sich aus und in Schockstarre erleben wir, wie sich Gewalt in Form von politischen, rassistischen und antisemitischen Anschlägen ausbreitet.

Es reicht aber nicht, nur über Spaltung und Hass zu sprechen, wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir Gemeinsinn wiederherstellen können – und das auf allen Ebenen: auf Ebene der EU, der Nation, der Städte und der Schulen. Nach dem Fall der Mauer galt der Satz von
Willy Brandt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!“ Heute gilt der Satz: „Jetzt wächst zusammen, was nicht zusammengehört.“ Deutschland ist mitten im Prozess der Umwandlung in ein Einwanderungsland und braucht entsprechend Raum und Zeit für Veränderung. Auf der Ebene der Städte und Kommunen werden die Herausforderungen konkret. Dabei wird beides sichtbar: Engagement für Integration ebenso wie Blockierung, Fortschritte ebenso wie Provokationen. Je mehr wir den Raum einschränken, über den wir sprechen, desto offener treten die Probleme zutage. Kindergärten und Schulen sind heute der Ort, wo unterschiedliche kulturelle Identitäten, Herkünfte und Biografien aufeinandertreffen. Ein zusätzliches Einfallstor für Konflikte ist dabei die Parallelwelt des Internets, die massiv zur Verrohung der Kommunikation und zur Verherrlichung von Gewalt beiträgt – man denke nur einmal an die neue Achse zwischen Christchurch, Halle und Hanau!

Für einen neuen Kanon von Menschenpflichten

Bei der Suche nach einer deutschen Leitkultur, die die einen immer schon besitzen und die anderen jetzt schnell lernen müssen, werden stets die Unterschiede zwischen Einheimischen und Zugewanderten betont. Eine praktische Alternative könnte darin bestehen, sich auf verbindliche Regeln eines friedlichen Zusammenlebens und den Respekt gegenüber dem Anderen zu konzentrieren, also auf Regeln des Umgangs, die für alle gelten. Thomas Mann sprach in diesem Sinne einmal von einem ABC des Menschenanstands. Ich fasse diese Regeln unter dem Stichwort ‚Menschenpflichten‘ zusammen und sehe in ihnen eine wichtige Ergänzung zu den Menschenrechten. Es gibt sie nämlich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in allen Kulturen und Religionen der Welt. Ihr Leitsatz ist die sogenannte Goldene Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Die Grundregeln mitmenschlicher Solidarität finden sich in altägyptischen Beamtengräbern ebenso wie in den mittelalterlichen „sieben Werken christlicher Barmherzigkeit“. Was ich erst später herausfand: 1997 wurden diese Regeln in aktualisierter Form als 19 „Menschenpflichten“ von einem ­InterAction Council reformuliert, von Staatmännern wie Helmut Schmidt und Shimon Peres unterzeichnet und der UNO vorgelegt, wo sie leider in einer Schublade verschwanden und vergessen wurden (zum Glück gibt es mittlerweile eine Neuauflage).

Gemeinsinn ist weit mehr als eine schöne Tugend von besonders fürsorglichen und empathischen Menschen. Der Begriff steht vielmehr für ein aktives Sozialverhalten und ­eine politische Kultur, die weitergegeben, gelernt und täglich gelebt werden muss. Eine solche Kultur beruht auf einem neuen Kanon von Menschenpflichten im Sinne gelebter Demokratie im Alltag – als Verhaltensregeln in der Ehe und Familie, aber auch vor der Haustür, auf der Straße, in der Nachbarschaft, den Städten, Gemeinden und Vereinen und natürlich auch in den Schulen. Für das soziale Lernen, das auch besondere Achtung gegenüber der natürlichen Umwelt einschließt, gibt es lange Erfahrungen, Expertise und konkrete Angebote, die nur wieder in die Praxis zurückfinden müssen. Gerade auch die Stiftungen können in das knappe – aber nachhaltige Gut – Gemeinsinn investieren: in Form von Programmen für soziale Bildung und das Training von Mitmenschlichkeit. Damit könnten sie helfen, die Bande der Gesellschaft gegen die Brutalisierung einer rohen Bürgerlichkeit zu wappnen, der fortschreitenden Einsamkeit und Isolation vieler Menschen in Form von Infrastrukturmaßnahmen und Nachbarschaftshilfen etwas entgegenzusetzen und die Zivilgesellschaft in dem zu stärken, was sie ausmacht, nämlich Zivilität.

Über die Autorin

Aleida Assmann zählt zu den bekanntesten Kulturwissenschaftlerinnen Deutschlands. Von 1993 bis zu ihrer Emeritierung unterrichtete sie als Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz und ist bis heute u.a. Mitglied in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Zusammen mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, prägte sie maßgeblich den Begriff des „Kulturellen Gedächtnis“. 2018 wurden Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Beitrag aus: Stiftungswelt Sommer 2020
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