8. März – Internationaler Frauentag – Alles erreicht?

Geschlechtergerechtigkeit
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Stiftungsarbeit sollte die Welt besser machen: gerechter, vielgestaltiger und zukunftsfähiger. filia.die frauenstiftung wurde gegründet, um Frauen* und Mädchen* dabei zu unterstützen. „Ist das denn heute noch relevant?“, werden wir oft gefragt. „Gleichberechtigung ist doch kein Thema mehr, jedenfalls nicht bei uns in Deutschland“. Hier einige Antworten: 

Foto: Agata Kubis
Demonstration 2018 in Warschau

In zahlreichen Ländern – auch in Deutschland – ist der 8. März wieder zu dem geworden, was er ursprünglich einmal war: Ein Kampftag für Frauenrechte, an dem Frauen* und Mädchen* mit ihren Verbündeten* laut, sichtbar und generationsübergreifend auf die Straße gehen. FemFund, eine polnische Frauenstiftung, die filia in ihrem Aufbau unterstützt, und alle Demonstrant*innen riskieren viel, wenn sie gegen Abtreibung, für Selbstbestimmung und für eine freie Zivilgesellschaft auf die Straße gehen.

Foto: filia.die frauenstiftung
Schuhaktion auf dem Hauptplatz in Jerewan: Die Schuhe erzählen die Geschichten von Frauen* mit Gewalterfahrungen.

In Deutschland demonstrierten Frauen* zum ersten Mal am 19. März 1911 als Zeichen für den Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter, das Wahlrecht für Frauen sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen. Und wie wir wissen, haben sie vor 100 Jahren einen wichtigen Erfolg errungen: Seit 1918 gibt es in Deutschland das Frauenwahlrecht. Es wurde dann zum ersten Mal 1919 genutzt. Mit der Wahl zum ersten Parlament der Weimarer Republik wurden 37 Frauen ins Parlament gewählt. 2019 sind es 219 Frauen, die mit weit weniger als der Hälfte der Anzahl an Männern (490 Abgeordnete) vertreten sind.  

Erinnern Sie sich? In der Bundesrepublik Deutschland durften sich Frauen bis 1962 kein eigenes Konto einrichten, noch in den 70er Jahren ohne Erlaubnis des Gatten keine größeren Möbelstücke anschaffen (!) und bis 1977 – laut Gesetz – kein Arbeitsverhältnis ohne Zustimmung des Gatten eingehen.  

100 Jahre sind historisch gesehen ein Lidschlag. Es ist viel errungen worden in kurzer Zeit. 

Aber die verinnerlichte Verachtung und Herabsetzung gegenüber Frauen* und Mädchen* ist strukturell und kulturell so fest verankert, dass auch durch progressivere Gesetzgebungen, Quotenregelungen und starke Frauen*- und Menschenrechtsbewegungen die tatsächliche Chancengerechtigkeit sowie der alltägliche Respekt gegenüber Frauen* in Deutschland schwerfällig vorankommt. 

Erst 1997 (!) wurde durchgesetzt – gegen erheblichen Widerstand –, dass Vergewaltigung in der Ehe als Straftat verfolgt werden kann. Seit 2017 ist die Ehe für alle beschlossene Sache, Homophobie hat sich dadurch bisher nicht vermindert, ist eher mehr geworden.  

Hier und da sind auch Frauen* in Führungspositionen anzutreffen, im europäischen Vergleich ist Deutschland aber weit abgeschlagen – im hinteren Drittel nach Griechenland auf Platz 20 von 28. Mit dem Gender Pay Gap – Frauen verdienen durchschnittlich 21,5% weniger als Männer – liegt Deutschland übrigens noch weiter hinten, an vorvorletzter Stelle. 

Selbstbestimmung über den eigenen Körper, die Metoo-Debatte und der #aufschrei haben den Vorhang aufgezogen zu dem alltäglichen Drama der „kleinen“ Übergriffe und „großen“ Gewalt gegenüber Frauen* und Mädchen*. Jeden dritten Tag wird eine Frau* in Deutschland getötet, in den meisten Fällen von ihrem eigenen Partner/Gatten. Jede dritte Frau* in Deutschland erlebt in ihrem Leben sexualisierte Gewalt und jährlich werden 77.000 Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt bei der Polizei angezeigt, viermal so hoch wird die Dunkelziffer vermutet. Gleichzeitig sind Frauenhäuser chronisch unterfinanziert: Es fehlten 2018 rund 14.600 Plätze. Das Recht auf Abtreibung ist reglementiert und wird in einigen anderen europäischen Ländern wieder zurückgenommen.

Die Geschichte der Frauenbewegung ist eine Erfolgsgeschichte mit Höhen und Tiefen. Aktuell unternehmen antifeministische Gruppen und Kampagnen zahlreiche Versuche – gerne über die Sozialen Medien – Anliegen von Frauen* und Mädchen* zu diffamieren, lächerlich zu machen, ihnen Gewalt anzudrohen. Europäische Regierungen stellen bereits errungene Freiheiten in Frage. 

Foto: filia.die frauenstiftung
Women in Exile: Straßenaktion in Leipzig im Juni 2018.

filia unterstützt vor allem kleinere Graswurzelorganisationen, die sich aber die großen Themen vornehmen: Zwangssterilisation in der Slowakischen Republik; häusliche Gewalt in Armenien; „hate crime“-Morde an lesbischen Frauen im südlichen Afrika. filia hat in Deutschland ein Empowermentprogramm für Mädchen* entwickelt und unterstützt die Sichtbarkeit geflüchteter Frauen*.

Seit der Gründung hat die Stiftung Mehrfachdiskriminierungen im Blick: Eine schwarze lesbische Frau erlebt in Deutschland andere strukturelle und direkte Benachteiligungen als ein behindertes Transmädchen oder eine Romafrau. 

Haben wir wirklich „Wichtigeres“ zu tun?  

Unsere Mittel sind gegenüber den Aufgaben, die vor uns stehen, mehr als begrenzt. 

Stellen wir uns einmal ganz kurz vor – weil Frauentag ist – wir würden die großen Ressourcen, die in Deutschland vorhanden sind, bündeln und gezielter für Chancengerechtigkeit einsetzen.  

Was könnte ein „Genderblick“ in der Stiftungswelt beleuchten? Hier beginnt gerade ein Umdenken, sachte, aber bestimmt: Mit der Verleihung des Stifterinnenpreises an Ise Bosch 2018 wurde ein klares Zeichen gesetzt für ein philanthropisches Handeln, das bewusst Machtfragen zwischen Förder*innen und Geförderten* transparent macht, parteiisch für Frauen* und sexuelle Minderheiten weltweit Zeichen setzt. 

Gendergerechtes Stiftungshandeln sollte aus unserer Sicht diese Fragen mit bedenken: 

Wohin gehen die großen Fördersummen? Spielen die Lebenswirklichkeiten von Frauen* und Mädchen* eine Rolle? Wer hat das Sagen in den großen Stiftungen in Deutschland, wie hoch ist der Anteil von Frauen* in Leitungs- und Entscheidungsgremien? Werden bei Entscheidungen Genderaspekte berücksichtigt? Ist das Wissen darüber in den Stiftungen vorhanden? Wer sitzt auf den Podien und vertritt öffentlich Stiftungsinteressen? Wo werden die Kapitalerträge erwirtschaftet, werden Kriterien von Nachhaltigkeit und sozialer Verträglichkeit bei den Anlagen berücksichtigt? 

Die nächste philanthropische Generation hierzulande wird sich daran messen lassen müssen. Vielleicht hat sie sogar Freude daran. Bereits ab heute kann diese Brille aufgesetzt werden: die mit dem Genderdurchblick.

Über die Autorin

Katrin Wolf ist stellvertretende Geschäftsführerin und Beauftrage für Öffentlichkeitsarbeit der filia.die frauenstiftung.

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