In vielen Welten zu Hause

Impuls
© Jesco Denzel

Esra Küçük kommt zu spät – der Termin im Berliner Senat zuvor hat länger gedauert als geplant, erklärt sie ein wenig außer Atem. Auf dem Weg in ihr Büro im Berliner Allianz Forum am Pariser Platz entschuldigt sie sich mehrfach. Dass ihr Gast warten musste, ist ihr sichtlich unangenehm – und genau das macht die gebürtige Hamburgerin mit den schulterlangen dunklen Locken auf Anhieb sympathisch. Von Überheblichkeit – keine untypische Begleiterscheinung einer Bilderbuch- Karriere – nicht die Spur. Denn die hat Küçük trotz ihres jugendlichen Alters bereits hingelegt: Mit gerade einmal 35 Jahren ist die Tochter türkischer Einwanderer zur Geschäftsführerin der Allianz Kulturstiftung berufen worden, einer der renommiertesten Konzernstiftungen des Landes; Anfang Juli hat sie ihr Amt angetreten. Zuvor war Küçük zwei Jahre lang Mitglied im Direktorium des Gorki-Theaters, hat dort das so genannte Gorki-Forum geleitet, das sich als Ort öffentlicher Debatten zwischen Kultur, Wissenschaft und Politik versteht. Für „Capital“ zählte Küçük zur „Jungen Elite 2016“, also zu den von dem Wirtschaftsmagazin alljährlich gekürten „TOP 40 unter 40“ in Deutschland; das „Manager Magazin“ bezeichnete sie als „eine der führenden jungen Intellektuellen“. Und prophezeite, dass die Arbeit der Allianz Kulturstiftung unter ihr noch politischer werden dürfte.

Es spricht für Küçük, dass ihr all diese enthusiastischen Zuschreibungen nicht zu Kopf gestiegen sind. Im Gespräch hört sie aufmerksam zu, formuliert ihre Antworten sorgfältig. „Ich versuche, mich erstmal freizumachen von dem, was andere erwarten“, sagt sie. „Aber dass ich dafür stehe, Kunst und Kultur in ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu betrachten und nicht als L’art pour l’art, damit kann ich mich identifizieren.“

Küçük gehört zu einer Generation junger Intellektueller, die längst über nationale Grenzen hinaus denkt und vernetzt ist. Als Schülerin engagierte sie sich in der Organisation „Schüler Helfen Leben“, half nach dem Kosovo-Krieg beim Aufbau von Schulen und Jugendbegegnungshäusern in dem Land. Später studierte sie Sozialwissenschaften und legte ein Doppel-Diplom an der Uni Münster sowie am Institut d’Études Politiques (Sciences Po) in Lille ab.

Zurück zu den Wurzeln

Mit diesem Hintergrund passt sie hervorragend zur Allianz Kulturstiftung, die multilaterale Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekte in Europa und im Mittelmeerraum fördert, um vor allem junge Menschen für den europäischen Gedanken zu begeistern – ein Engagement, das heute angesichts des Erstarkens nationalistischer Parteien auf dem gesamten Kontinent so dringlich erscheint wie selten zuvor. Und das – da ist sich Küçük sicher – ohne die Rückbesinnung auf das Vermächtnis der Aufklärung und die bewusste Auseinandersetzung mit der wechselvollen europäischen Geschichte kaum denkbar ist.

Als Beleg führt sie die aktuelle Schau „Europa und das Meer“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin an, in deren Rahmen sie Mitte September eine Podiumsdiskussion über Flucht und Migration ausrichtete; eine zweite hat am 10. Dezember stattgefunden. „Die Ausstellung reflektiert über 1.500 Jahre Geschichte, die Geschichte des europäischen Kontinents mit diesem Meer. Und sie zeigt, dass Europa sehr viel länger ein Auswanderungs- als ein Einwanderungskontinent war“, so Küçük. „Aus dieser historischen Langzeitperspektive heraus lässt sich die aktuelle Debatte über Zuwanderung ganz anders einordnen; manches relativiert sich dadurch auch. Mit diesem historischen Wissen Dinge neu zu denken, Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln, scheint mir heute besonders wichtig zu sein.“

Damit ist sie bei ihren Herzensthemen: Deutschland als Einwanderungsgesellschaft, Integration, Chancengerechtigkeit. Ein einschneidendes Erlebnis für sie war das Erscheinen des Buches „Deutschland schafft sich ab“ des damaligen Bundesbank- Vorstands Thilo Sarrazin vor acht Jahren. So schockiert war sie von dessen umstrittenen Thesen über das angebliche Scheitern der Integration, dass sie die so genannte Junge Islam Konferenz initiierte – ein Dialogforum für junge Menschen, das „Fragen zu einem konstruktiven und gleichberechtigten Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft aufgreift“, wie es auf der Internetseite heißt. Gefördert wird die Junge Islam Konferenz von der Stiftung Mercator, bei der Kücük damals ein Trainee-Programm absolvierte.

Küçüks Wechsel zur Allianz Kulturstiftung markiert damit in gewisser Weise eine Rückkehr zu ihren Wurzeln, der Stiftungsarbeit. Was bleibt, sind die Themen, die sie schon als Jugendliche und spätestens seit dem Buch von Sarrazin umgetrieben haben. Weniger umstritten sind diese Themen heute nicht, im Gegenteil. Findet sie das nicht manchmal frustrierend? Nein, so Küçük: „Homogene Gesellschaften hat es nie gegeben und wird es nie geben. Wenn wir den Wandel unserer europäischen Gesellschaften gestalten wollen, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig, als uns damit kritisch auseinanderzusetzen. Von daher sage ich: I take the challenge.

Autorin:

Ein Porträt von Nicole Alexander

Über die Allianz Kulturstiftung

Die gemeinnützige Allianz Kulturstiftung initiiert und fördert seit dem Jahr 2000 multilaterale Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekte in Europa und im Mittelmeerraum. Diese sollen zum gegenseitigen Verständnis und grenzüberschreitenden Dialog beitragen. Der Fokus liegt auf transdisziplinären und zeitgenössischen Projekten mit innovativen Ansätzen.

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Dieser Text erschien zunächst als Editorial unserer Sonderpublikation “Stiftungen und Kulturerbe”, die Anfang Dezember der Zeitung “Die Welt” und dem Magazin “Arsprototo” der Kulturstiftung der Länder beilag.

Förderer der Sonderpublikation „Stiftungen und Kulturerbe“ sind das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Kulturstiftung der Länder, die Volkswagen Stiftung und die Wüstenrot Stiftung.

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