„Heteronormativität ist tief in der Gesellschaft verankert“

Geschlechtergerechtigkeit
Illustration: Kate – stock.adobe.com

Gesellschaftliche Normen bestimmen, welche Formen von Sexualität und Geschlechtsidentitäten als „normal“ gelten. Mit Prof. Dr. Robin Bauer von der Hannchen Mehrzweck Stiftung sprachen wir über diese Normen und Menschen, die sie unterlaufen.

Bild: Robin Bauer

Laut Ihrem Leitbild möchte die Hannchen Mehrzweck Stiftung „Heteronormativität“ kritisch hinterfragen. Können Sie uns erklären, was genau mit Heteronormativität gemeint ist und warum diese Ihrer Meinung nach kritisch hinterfragt werden muss?
RB: Der Begriff Heteronormativität geht auf den US-amerikanischen Soziologen Michael Warner zurück, der damit zwei miteinander verknüpfte gesellschaftliche Normen thematisiert hat. Erstens geht nach seiner Analyse die Gesellschaft davon aus, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Zweitens versteht eine heteronormative Gesellschaft die Heterosexualität als die normale, natürliche, gar einzig legitime und wertvolle Art von sexueller Beziehung und Liebesbeziehungen. Menschen, die nicht heterosexuell und nicht Mann oder Frau sind, werden einfach nicht mitgedacht und unsichtbar gemacht. Zum einen schadet die Heteronormativität also Personen, die diesen Normen nicht entsprechen, da sie tendenziell ausgeschlossen werden. Zum anderen schadet die Heteronormativität aber letztlich allen Menschen, da sie stark normierend wirkt, also z.B. vorgibt, wie „echte“ Männer und Frauen zu sein haben.  Somit schränkt sie schon von klein auf die Möglichkeiten der eigenen Persönlichkeitsentwicklung für uns alle ein. 

Ihre Stiftung fördert Projekte von „Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transmenschen, Intersexuellen und Queers“. In einem vorhergegangenen Interview hatten Sie uns bereits über Intersexualität aufgeklärt. Könnten Sie uns noch erklären, was Transmenschen sind? 
RB: Transmenschen sind Menschen, die sich nicht oder nicht vollständig mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren. Bei manchen Transmenschen geht das mit dem Wunsch einher, den Körper durch medizinische Mittel (Hormone, Operationen) dem gefühlten Geschlecht anzugleichen. Dann spricht man klassisch von Transsexualität. Manche Transmenschen leben jedoch auch ohne solche körperlichen Veränderungen ein anderes Geschlecht. 

Und was wird als „queer“ verstanden?
RB: „Queer“ hat verschiedene Bedeutungen. Manchmal wird es als Dachbegriff für alle Personen verwendet, die nicht der Heteronormativität entsprechen, die also nicht heterosexuell leben und/oder inter- oder transgeschlechtlich sind. Das frühere Schimpfwort queer wurde sich von Aktivist_innen in den USA der 1990er Jahre als Begriff angeeignet. Er soll sich gegen die Einteilung von Menschen in homo-/heterosexuell sowie Mann/Frau wenden. Queer kann somit eine politische Identität sein, die sich gegen die heteronormativen Kategorien wendet, die als unzulänglich und die Menschlichkeit einschränkend kritisiert werden. Es kann auch den Versuch darstellen, eine passende Selbstbezeichnung für die eigenen gelebten Praxen und Identitäten zu finden, wenn man sich in den üblichen Kategorien homo/hetero und Mann/Frau eben nicht wiederfindet. Somit versucht die queere Bewegung die Grundlagen der Heteronormativität zu überwinden. 

Seit dem 1. Oktober 2017 dürfen Homosexuelle in Deutschland zivilrechtlich heiraten. Für viele ist damit die Gleichstellung von Homosexuellen erreicht. Was würde wohl der Stifter und Namensgeber der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, Andreas Meyer-Hanno, zu einer solchen Meinung sagen?
RB: Andreas Meyer-Hanno hatte ja auch einen Tuntennamen, Hannchen Mehrzweck, nach dem er die Stiftung benannt hat. Die Tunte war von Beginn an eine politische Identität, die das, was wir heute als Heteronormativität bezeichnen, infrage stellen sollte. Meyer-Hanno war zu Lebzeiten ein Gegner der sogenannten „Homo-Ehe“, weil sie für ihn und viele andere eine Anpassung an die heterosexuellen Normen und Werte der Gesellschaft darstellte und eben nicht eine echte Emanzipation, also Befreiung von diesen heteronormativen Vorstellungen. Die Heteronormativität ist tief in der Gesellschaft verankert und deshalb wird die Stiftung ihre Arbeit zur Aufklärung und gesellschaftlichen Veränderung durch Bildungsprojekte auch weiterhin engagiert betreiben und sich dabei im Sinne des Stifters immer den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit stellen.

Mehr vom Interviewpartner

Mit Prof. Dr. Robin Bauer sprachen wir auch über Intersexualität in unserer Gesellschaft und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Autor
René Thannhäuser

Volontär Newsroom
Telefon (030) 89 79 47-32

Alle Beiträge von René Thannhäuser
Über den Interviewpartner

Prof. Dr. Robin Bauer ist seit 2019 ewiges Mitglied des Beirats der hms. Er ist Professor für Theorien der Diversität und Wissenschaftstheorien an der Fakultät Sozialwesen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Schwerpunkte in Forschung, Lehre und zivilgesellschaftlichem Engagement sind Queere & Transgender Theorie und Politik, sexuelle Vielfalt, Sexualpädagogik der Vielfalt und Naturwissenschaftskritik.

Über die Hannchen Mehrzweck Stiftung

Die Hannchen Mehrzweck Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin. Das Ziel Stiftung liegt darin, das Selbst­bewusst­sein, die Emanzi­pation und die Handlungs­spiel­räume von Lesben und Schwulen in der Gesell­schaft zu stärken. Dies geschieht vor allem durch Förde­rung von lesbi­schen und schwulen Projekten. 

www.hms-stiftung.de 

Aktuelle Beiträge
Stiftungsrecht

Stiftungsrechtsreform: Referententwurf ist im Frühjahr 2020 zu erwarten

Die Stiftungsrechtsreform hat es in die Halbzeitbilanz der Bundesregierung geschafft. Zu den Hintergründen und den nächsten Schritten sprachen wir mit Marie-Alix Frfr. Ebner von Eschenbach, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiterin Recht und Politik des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Mehr
Kapital und Wirkung

Transparente Rendite

Der Vermögensverwalter Globalance Invest ermittelt für jedes Unternehmen in seinem Portfolio den ökologischen und sozialen Fußabdruck – denn besonders nachhaltige Investments sind nach Überzeugung der Verwalter auch mit Blick auf die Rendite attraktiv.

Mehr
Globales Engagement

„Die SDGs sind unsere Messlatte“

Michael Beier, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung, über Fridays for ­Future und die Bedeutung von Stiftungen für den Klimaschutz.

Mehr
Impuls

Blinde Flecken: Die Macht der Konzerne

Stiftungen haben blinde Flecken, Aspekte, die sie nicht wahrnehmen können oder wollen. Dr. Thilo Bode, Geschäftsführer von Foodwatch International, benennt die Macht der Konzerne als Blinden Fleck der Stiftungen.  

Mehr
Stiftungs-News

Vor 30 Jahren: Initialzündung für das Grüne Band

Der 9. Dezember 1989 ist die Geburtsstunde des Grünen Bandes. An der ehemaligen innerdeutschen Grenze wurde vor 30 Jahren die Grundlage für eines der bedeutendsten Naturschutzprojekte Deutschlands gelegt.

Mehr

Mehr zum Thema

Geschlechtergerechtigkeit

Wo und wie investieren Stiftungen in Gendergerechtigkeit weltweit?

Zwischen 2013 und 2015 gaben Stiftungen weltweit 3,7 Milliarden US-Dollar für Geschlechtergerechtigkeit aus. Das Engagement beschränkt sich dabei auf wenige Regionen und Sektoren. 

Mehr
Geschlechtergerechtigkeit

„Nicht frühzeitig kapitulieren“

Im Interview erklärt Prof. Dr. Berit Sandberg, wieso es noch immer geschlechter­spezifische Ungleichheiten in der Bezahlung von Führungspersonen gibt. Und was Frauen und Stiftungen dagegen tun können.

Mehr
Geschlechtergerechtigkeit

Gewalt gegen Frauen in Europa

Am 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Karin Heisecke, internationale Expertin zu Gewalt gegen Frauen und Leiterin der MaLisa Stiftung, zeigt, dass das Thema ein blinder Fleck von Stiftungen ist. 

Mehr