Gendergerechtigkeit in deutschen Stiftungen: Ein Blick ins „Haus der kleinen Forscher“

„Wie geschlechtergerecht arbeiten deutsche Stiftungen?" Dies wollten PHINEO und der Bundesverband Deutscher Stiftungen herausfinden. An ihrer gemeinsamen Befragung nahmen 183 Stiftungen teil. Das Ergebnis: „Wenige Stiftungen denken Geschlechtergerechtigkeit bei der Förderung und Projektarbeit mit.“

Logo Stiftung Haus der kleinen Forscher
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Wie eine Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit aussehen kann und welche Fragen oder auch Hindernisse dabei auftauchen, zeigt das Beispiel der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. Für die Stiftung stehen vor allem zwei Aspekte im Mittelpunkt: Die Frage der Motivation von Mädchen für den MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sowie die sprachliche Repräsentation.

„Haus der kleinen ForschER“ – Die Krux mit dem Namen 

Die gemeinnützige Stiftung „Haus der kleinen Forscher" engagiert sich bundesweit für gute frühe Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) – mit dem Ziel, Mädchen und Jungen stark für die Zukunft zu machen und zu nachhaltigem Handeln zu befähigen.

Seit ihrer Gründung im Jahre 2006 trägt die Bildungsinitiative den Namen „Haus der kleinen ForschER“. Zu diesem Zeitpunkt war das Bewusstsein für gendersensible Sprache bei den verantwortlichen Personen noch nicht so stark ausgeprägt. Doch die Stimmen mehren sich, die fragen: „Forscher? Wieso nicht Forscherinnen und Forscher? Forschende? Wo bleiben hier die Mädchen?“  

Eine leichte, wenn auch unbefriedigende Antwort: Der Name hat sich schnell etabliert, er stand nach wenigen Jahren für eine Marke. Eine große Änderung an dieser Stelle ist nicht einfach umzusetzen bzw. birgt auch das Risiko, weniger sichtbar zu sein und nicht wiedererkannt zu werden. Ein steigendes Bewusstsein für gendersensible Darstellung hat die Stiftung aber durch die Anpassung der Wort-Bild-Marke 2012 gezeigt: seitdem enthält das Logo die Unterzeile „Naturwissenschaft und Technik für Mädchen und Jungen“, es ist sowohl ein Mädchen als auch ein Junge abgebildet. 

Eine geschlechtersensible Ansprache umfasst jedoch viel mehr, als nur den Namen einer Organisation. Die Webseite, Print-Produkte, Social-Media-Kanäle, Pressearbeit: Überall werden Menschen angesprochen, wird über Menschen berichtet. Hier herrscht in der Bildungsstiftung nicht nur das Bewusstsein für die Relevanz der Ansprache vor, geschlechtersensible Sprache wird konsequent umgesetzt. „Mädchen und Jungen, Trainerinnen und Trainer, Forscherinnen und Forscher“. Auch intern richtet sich die Kommunikation an „Kolleginnen und Kollegen“. Abgesehen vom „Markennamen“ sind Mädchen und Frauen in der Stiftungskommunikation nicht nur „mitgemeint“, sondern finden explizit Erwähnung. Dasselbe gilt für die Bildsprache. Bei Fotos, aber auch in Grafiken, wird auf die Abbildung beider Geschlechter bewusst Wert gelegt und generell Diversität mitgedacht.

Mittlerweile ist die Vorstellung zudem veraltet, dass sich alle Menschen klar in zwei Geschlechter einteilen lassen. „Mädchen und Jungen“ ist in der Kommunikation demnach nicht mehr ausreichend – im „Haus der kleinen Forscher“ hat der Diskurs dazu bereits begonnen.

Frauen in Führungspositionen? – „Haus der kleinen Forscher“ vorbildlich! 

Ein Ergebnis der PHINEO-Befragung lautet: „Frauen sind in den Leitungsgremien von Stiftungen unterrepräsentiert“. An dieser Stelle geht die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ mit gutem Beispiel voran:  Der Vorstand ist paritätisch besetzt - Angelika Dinges ist in diesem Gremium auch explizit Vorständin. Auch in anderen Führungsfunktionen sind Frauen mit 100 Prozent (Bereichsleitungsebene) bzw. 82 Prozent (Teamleitungsebene) alles andere als unterrepräsentiert. 

Frauen wird in der Stiftung viel zugetraut, es ist normal, dass sie Führung übernehmen, insgesamt wird auf einen kooperativen und partizipativen Führungsstil geachtet. Neben diesen eher kulturellen Faktoren ist sicherlich auch die gute Vereinbarkeit von Familie/Privatleben und Beruf ein Grund, warum viele Frauen in Führungspositionen sind. Flexible Arbeitszeiten, Home-Office und die Möglichkeit zu Teilzeitarbeit sind auf allen Arbeitsebenen etabliert und werden rege genutzt. Davon profitieren natürlich alle Mitarbeitenden, angesichts der gesellschaftlichen Realität (ein Großteil der Haus- und Erziehungsarbeit wird von Frauen geleistet), hat die Vereinbarkeitsfrage aber eben doch großen Einfluss auf die Beteiligung von Frauen an Führung.   

Braucht es spezielle Angebote für Mädchen im „MINT“-Bereich? 

Frauen sind im MINT-Bereich als Fachkräfte unterrepräsentiert. Dies gilt sowohl für die Studienfachwahl als auch für die Wahl von Ausbildungsberufen. Und bereits im Schulalter ist bei Mädchen beispielsweise die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten in Bezug auf Mathematik niedriger, als ihre tatsächliche Kompetenz in diesem Bereich. 

Das Fortbildungsprogramm der Stiftung richtet sich an pädagogische Fach- und Lehrkräfte, die Kinder zwischen drei und zehn Jahren qualifiziert beim Entdecken und Forschen begleiten wollen.  
Kann das MINT-Bildungsprogramm helfen, die Gender-Gap an dieser Stelle zu verringern? Müsste die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ dafür spezielle Angebote für Mädchen schaffen? 

Zu ihrer eigenen Orientierung hat die Stiftung einen Forschungsüberblick zum Thema „Geschlechtsunterschiede in der frühen MINT-Bildung“ in Auftrag gegeben und die Ergebnisse veröffentlicht. Demnach bestehen bei Kindern im Kitaalter noch keine Geschlechtsunterschiede im Interesse an naturwissenschaftlich-technischen sowie mathematischen Themen. Bei älteren Schülerinnen und Schülern ist dieser Unterschied jedoch festzustellen. Ein Grund dafür könnte die Selbsteinschätzung im MINT-Bereich sein: Jungen schätzen ihre Fähigkeiten im MINT-Bereich besser ein als Mädchen – bei gleicher Leistung. Auch vorherrschende Geschlechterstereotype, u. a. in Elternhaus und Schule, beeinflussen das Interesse und die Erfolgserwartung im MINT-Bereich. Einen weiteren Einfluss haben möglicherweise weibliche Rollenvorbilder.  

Was heißt das jetzt für die Arbeit der Stiftung?  

Die Fortbildungen der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ richten sich an pädagogische Fach- und Lehrkräfte aus Kita, Hort und Grundschule. In der Kita sind 94 Prozent dieser Fachkräfte Frauen. Im Fortbildungsprogramm der Stiftung erleben auch sie: „Ich kann MINT“ – und können damit künftig in der Lernbegleitung als Rollenvorbild fungieren und auch eine positivere Haltung zu MINT weitertragen. 
 
Aus dem Ergebnis, dass im Kita-Alter keine Interessensunterschiede festzustellen sind, wurde der Schluss gezogen, dass derzeit „Haus der kleinen Forscher“-Angebote speziell für Mädchen nicht notwendig sind. Alle Kinder sind von sich aus neugierig und wollen die Welt entdecken. Durch das Fortbildungsprogramm werden alle Kinder, unabhängig vom Geschlecht, beim Entdecken und Forschen begleitet, unterstützt und können ihren Fragen nachgehen. Zudem sind MINT-Themen für Kinder leichter zugänglich, wenn sie echte Herausforderungen aus der eigenen Umwelt meistern können. Daher ist der Alltagsbezug im pädagogischen Ansatz der Stiftung ein zentrales Element. Mit dem Stiftungsansatz für MINT-Bildung für eine nachhaltige Entwicklung werden Kinder auch unterstützt, MINT-Kompetenzen zu nutzen, um die Welt zu gestalten und verantwortungsbewusst zu handeln. Diese Alltags- und Gesellschaftsrelevanz in der MINT-Bildung unterstützt das Interesse insbesondere von Schülerinnen an MINT-Fächern später erheblich. 
Im Idealfall trägt all das dazu bei, dass bei Mädchen die Freude an MINT nicht erst geweckt werden muss, sondern direkt wachgehalten wird. 
 
Obwohl diese Erkenntnisse keine direkten Veränderungen bewirkten, war es trotzdem wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nur wenn wir uns als Stiftung bewusst sind, an welchen Stellen Probleme lauern, können wir sie auch angehen. Denn wenn das Thema einmal auf der Agenda ist, hinterfragen wir auch in Zukunft vertraute Abläufe. 

Zeichen setzen und uns auch selbst stetig weiterentwickeln 

All diese Reflexionen und Maßnahmen in Bezug auf das Stiftungsangebot, die Außendarstellung und die interne Aufstellung sind sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Schon die Überlegung, dass die Geschlechterfrage über weiblich-männlich hinausgeht zeigt, dass wir uns in einem Entwicklungs-, Denk- und Sensibilisierungsprozess befinden, der längst nicht abgeschlossen ist. Aber indem wir uns Thematiken wie dieser aktiv annehmen, beobachten wir gesellschaftlichen Wandel nicht nur aus der Ferne, wir können ihn mitgestalten, Zeichen setzen und uns auch selbst stetig weiterentwickeln.

Autorin

Clara Teich
Referentin Forschergeist 2020
Stiftung Haus der kleinen Forscher

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