„Für unsere Arbeit brauchen wir politische Stabilität“

Globales Engagement
Foto: Gates Archive

Seit Oktober 2018 hat die Bill & Melinda Gates Foundation ein eigenes Büro in Berlin. Mit dessen Leiter Tobias Kahler sprachen wir darüber, was die Stiftung in der deutschen Hauptstadt vorhat

Herr Kahler, im Oktober 2018 hat die Bill & Melinda Gates Foundation ihr Büro in Berlin eröffnet – neben dem in London, das es seit 2010 gibt, ist es das zweite überhaupt in Europa. Warum die Entscheidung für die deutsche Hauptstadt?
Weil Deutschland im Bereich der Entwicklungsfinanzierung ein extrem wichtiges Land geworden ist – immerhin ist es heute nach den USA zweitgrößtes Geberland für Entwicklungszusammenarbeit. Damit ist es ein sehr wichtiger Akteur und Partner für uns in unseren Kernbereichen Globale Gesundheit, Landwirtschaft, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Familienplanung. Und es ist nicht nur die Arbeit in Deutschland, sondern die in ganz Kontinentaleuropa, die wir von hier aus mitgestalten.

Bislang wurde die Arbeit der Stiftung in Europa von London aus koordiniert. Inwiefern hat der Brexit eine Rolle bei der Entscheidung für Berlin gespielt?
Da gibt es keinen direkten Zusammenhang, wir werden auch weiterhin große Teile unserer Zusammenarbeit mit Geberländern von unserem Büro in London aus steuern. Allerdings hat die Stiftung bereits vor einigen Jahren begonnen, die Zusammenarbeit mit europäischen Gebern zu dezentralisieren – wir haben Mitarbeiter in Brüssel, Paris und schon länger auch in Berlin. Dass wir in Berlin jetzt ein eigenes Büro haben, ist insofern nur eine Vertiefung und Ausweitung dieser Strategie. Natürlich beobachten wir die politische Situation in Großbritannien, ganz klar. Der Brexit ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass die politische Landschaft insgesamt unberechenbarer wird, und das stellt uns als Stiftung vor enorme Herausforderungen. Politische Stabilität hilft uns natürlich bei der Planung und in der Zusammenarbeit mit Ministerien. Wenn man laufend damit rechnen muss, dass dort alle zwei, drei Monate die Ansprechpartner wechseln, dann erschwert das die Arbeit ungemein.

Als Leiter des Berliner Büros sind Sie verantwortlich für die Deutschland-Beziehungen der Stiftung. Was heißt das konkret?
Zum einen pflege ich den Kontakt in die deutsche politische Landschaft hinein – das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit etwa ist ein ganz wichtiger Partner von uns –, aber auch zu anderen Ministerien, zum Kanzleramt und zum Bundestag. Und dann habe ich auch eine Art Botschafterfunktion, das heißt, ich funke in unser Hauptquartier in Seattle die Themen zurück, die in Deutschland gerade eine wichtige Rolle spielen. Manchmal muss ich dabei auch Übersetzungsarbeit leisten – nicht nur im wörtlichen, sondern auch im kulturellen Sinne.

Das müssen Sie erklären.
Nun, die angelsächsische Sichtweise auf Entwicklungsintervention unterscheidet sich deutlich von der kontinentaleuropäischen – das kann mitunter zu Verständigungsproblemen führen.

Worin bestehen diese Unterschiede?
In den USA und Großbritannien arbeitet man stark ergebnis- und evidenzorientiert und hat immer das Verhältnis von Input und Output im Blick. In Kontinentaleuropa hingegen herrscht der systematische Ansatz vor, bei dem es vor allem um den Aufbau von Strukturen geht.

Welchen Ansatz halten Sie für den richtigen?
Beide sind sehr wichtig. Im Gesundheitsbereich, wo sich mit einer großen Impfaktion viele Kinderleben retten lassen, ist eine evidenzorientierte Ausrichtung von Geldern sicherlich leichter, als wenn es darum geht, die Strukturen von Good Governance, also für gute Regierungsführung und Korruptionsbekämpfung, zu stärken. Ich denke, wann immer es möglich ist, sollte man die entwicklungspolitischen Interventionen möglichst an empirischen Kriterien ausrichten. Zugleich ist der deutsche Ansatz sehr wichtig, nicht nur bestimmte Krankheiten zu bekämpfen, sondern nachhaltige Gesundheitsstrukturen aufzubauen, von denen alle Menschen profitieren und nicht nur diejenigen, die an bestimmten Krankheiten leiden. Man muss einfach schauen, dass man das Beste aus beiden Welten zusammenbringt.

Foto: Detlef Eden
Sieht sich als interkultureller Übersetzer: Tobias Kahler

Wie kann man sich einen typischen Tag von Ihnen vorstellen?
Den gibt es nicht, jeder Tag ist anders. Ich bin ja ganz frisch dabei, ich lerne jeden Tag ganz viel. Und das wird nicht aufhören, glaube ich. Ein Drittel unserer Gelder gehen in den Bereich Forschung und Entwicklung. Sich diese Forschungslandschaft anzuschauen und zu erfahren, an welchen Wirkstoffen gerade geforscht wird und was in zehn, zwanzig Jahren dank neuer Medikamente vielleicht möglich sein wird, das finde ich extrem spannend. Ansonsten beschäftigt mich neben der politischen Kontaktpflege der tägliche Austausch mit einer Reihe von NGOs, die wir fördern. Und natürlich tauschen wir uns intern intensiv aus und überlegen gemeinsam, wie wir bestimmte Programme vorantreiben können.

 

Wie viele Mitarbeitende sind derzeit im Berliner Büro beschäftigt?
Aktuell sind wir zu fünft, doch wir möchten in absehbarer Zeit auf acht oder neun Teammitglieder anwachsen. Außerdem sind häufig Kolleginen und Kollegen aus London und Seattle bei uns, um hier Termine mit wahrzunehmen. Wir sehen das Europäische Büro in Berlin als eine Art Hub, einen Treffpunkt für die entwicklungspolitische Szene, der immer wichtiger wird.

Berlin als the place to be?
Auf jeden Fall. Es kommen nicht nur immer mehr internationale Organisationen und Stiftungen nach Berlin, auch eine Reihe von Forschungseinrichtungen verlegt derzeit ihren Sitz von Großbritannien in die deutsche Hauptstadt. Dadurch hat die Forschung im Bereich Globale Gesundheit eine ganz neue Dynamik entwickelt. Das Bundesgesundheitsministerium etwa hat gerade ein Global Health Hub eröffnet, einen Ort, wo verschiedene Akteure aus dem Bereich der Globalen Gesundheit zusammenkommen. Dass dieses europäische und internationale Netzwerk in Berlin entsteht, finden wir hoch spannend, und natürlich wollen wir daran mitwirken.

Wie offen sind Sie dabei für Partnerschaften mit deutschen Stiftungen?
Auf jeden Fall möchten wir uns jetzt, da wir ein eigenes Büro in Berlin haben, stärker in die hiesige Stiftungslandschaft einbringen. Dazu müssen wir zunächst einmal verstehen, wie sie aufgestellt ist und mit welchen Akteuren wir bei internationalen Projekten kooperieren können. Bei uns steht immer das Thema Forschung und Entwicklung im Vordergrund. An der Universität Erlangen etwa finanzieren wir Forschungen zur Ertragssteigerung von Wurzel- und Knollenpflanzen. Das klingt zunächst recht speziell, kann aber für viele Menschen in Ländern des Globalen Südens lebensrettend sein. Solche Forschungen ließen sich sicherlich auch zusammen mit anderen finanzieren. Mit einer Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen arbeiten wir ja auch bereits zusammen.

Mitte Januar war Ihr oberster Chef, Microsoft-Mitbegründer Bill Gates, in Berlin.
Ja, er ist fast schon regelmäßig hier; ihn interessiert die politische Situation in Deutschland sehr. Es war das erste Mal, dass ich ihn in meiner neuen Funktion getroffen habe. Ich kannte ihn ja bereits aus meiner vorherigen Tätigkeit bei One, einer entwicklungspolitischen Kampagnenorganisation.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit dort mit ihm erlebt?
Bill ist jemand, der mit wahnsinnig viel Energie seine Stiftung aufgebaut hat, um entwicklungspolitische Themen so voranzutreiben, dass möglichst viele Menschen davon profitieren. Den Drive, mit dem er Microsoft aufgebaut hat, den bringt er jetzt in seine Stiftung ein. Und was früher für ihn als Unternehmer die wirtschaftlichen Kennzahlen von Microsoft waren, sind nun für ihn als Stifter die Erfolge, die wir hoffentlich beim Kampf gegen Armut und Hunger erzielen.

Dass die Stiftung dabei mitunter den Zweck über die Mittel stellt, ist ein nicht selten gehörter Vorwurf. So wurde ihr vor einigen Jahren vorgehalten, dass sie Aktien von Unternehmen besitzt, die Umwelt- und Sozialstandards nicht einhalten. Was entgegnen Sie solchen Kritikern?
Dass die Stiftung als separate Rechtseinheit unabhängig vom Bill & Melinda Gates Foundation Trust agiert, der das Stiftungsvermögen verwaltet. Wir haben keinen Einfluss auf die Anlageentscheidungen des Trusts und keinen Einblick in seine Investments. So stellen wir sicher, dass die Arbeit der Stiftung unabhängig von den Investitionen des Trusts bleibt und wir uns auf das Ziel konzentrieren können, die Lebensqualität der ärmsten Menschen in der Welt zu verbessern.

Sie betonten vorhin die angelsächsische Tradition, Projekte stark evidenzbasiert auszurichten. Wie misst die Gates-Stiftung, ob die gewünschten Ergebnisse auch wirklich erreicht wurden?
Nehmen wir als Beispiel die Bekämpfung von Kinderlähmung. Eine entsetzliche Krankheit, die heute fast ausgerottet ist – aber eben nicht ganz. Es gibt immer noch ein paar wenige Fälle auf der Welt. Deshalb sind wir an dem Impfthema drangeblieben, sind in die Länder gegangen, wo es Fälle von Polio gab, und haben die Menschen dort geimpft. Das Verhältnis von Impfquote und Krankheitsfällen haben wir dann als Wirkungsmatrix dargestellt und daraus entsprechende Lehren gezogen.

Und die wären?
Dass man die Investitionen nicht zurückfahren darf, solange es noch Krankheitsfälle gibt. Das sollte man erst tun, wenn die Krankheit wirklich ausgerottet wurde. Dann kann man auf Polio-Impfungen weltweit komplett verzichten und enorm viel Geld einsparen. Dahinter steht eine sehr unternehmerische Denke, nämlich die Überlegung: Welche Investitionen müssen wir jetzt in die Hand nehmen, um in Zukunft viel Geld zu sparen?

Autor
Nicole Alexander

Chefredakteurin Stiftungswelt
Telefon (030) 89 79 47-70

Alle Beiträge von Nicole Alexander
Zur Person

Tobias Kahler leitet seit November 2018 die Deutschlandarbeit im neuen Europabüro der Bill & Melinda Gates Stiftung in Berlin. Zuvor war er elf Jahre lang Deutschlandchef der entwicklungspolitischen Kampagnenorganisation One und selbstständiger Berater u.a. für die Weltbank und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Bill & Melinda Gates Foundation

Die Bill & Melinda Gates Foundation mit Sitz im US-amerikanischen Seattle wurde 1994 von Microsoft-Mitbegründer Bill Gates ins Leben gerufen und ist mit einem Kapital von 36,7 Milliarden US-Dollar die größte Privatstiftung der Welt. Sie engagiert sich vor allem in Ländern des Globalen Südens. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Bereichen Globale Entwicklung, Gesundheit und Bildung.

Zur Website der Bill & Melinda Gates Foundation

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