Frauen eine Stimme geben! – Ein Programm der Vicente Ferrer Stiftung und des Rural Development Trust in Indien

Indische Frau
Geschlechtergerechtigkeit
Foto: Jaume Brunet

Die Frau ist die zentrale Figur in Familie und Gemeinschaft in Indien. Gleichzeitig haben indische Frauen vielfach keine eigene Stimme und werden diskriminiert. Dies wollen die Vicente Ferrer Stiftungen mit dem 2019 gestarteten Programm „Frauen für Frauen“ ändern.

Geschlechtergleichstellung gibt es nur auf dem Papier

Seit Jahrhunderten werden Frauen weltweit allein aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Besonders schwierig stellt sich die Situation von Frauen in Indien dar. Indien ist eine zutiefst patriarchalische Gesellschaft. Frauen sind Unterdrückung und Diskriminierung sowie Belästigungen im täglichen Alltag ausgesetzt. Obwohl Frauen nach dem indischen Gesetz in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichberechtigt und Männern gegenüber gleichgestellt sind, werden die meisten Frauen benachteiligt. Geschlechtergleichstellung findet ausschließlich auf dem Papier statt. Die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen im ländlichen Indien ist jedoch von grundlegender Bedeutung, um den Wandel hin zu einer humanen, gleichberechtigten und gewaltfreien Gesellschaft zu fördern, in der jeder seine Rechte ausüben und sein Potenzial entwickeln kann.

Die Vicente Ferrer Stiftung (VFS) in Deutschland setzt sich mit ihren Projekten und Programmen schwerpunktmäßig für die Gleichberechtigung von Frauen im ländlichen Indien ein. Der Rural Development Trust (RDT), der vor 50 Jahren von Vicente Ferrer in Anantapur im Süden Indiens gegründet wurde, ist die ausführende Organisation der VFS vor Ort. In den Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana werden Maßnahmen aus sechs Programmbereichen umgesetzt. Zusammen mit den Stiftungen in Spanien und den USA bilden VFS und RDT eine große Stiftungsfamilie.

Der Rural Development Trust startete in den 80iger Jahren seine Arbeit mit Frauen, nachdem in den Jahren zuvor das Vertrauen der Männer in den Dorfgemeinschaften gewonnen wurde. Die Arbeit war am Anfang sehr schwierig, da die Männer in den Dörfern keinen Grund dafür sahen, dass Außenstehende mit ihren Frauen sprachen, und auch die Frauen sehr zurückhalten im Kontakt mit Menschen außerhalb der Dorfgemeinschaft waren. Zu der Zeit hatten viele Dorfbewohner nur sehr eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung. Eine kranke Frau wurde solange nicht „gehört“, bis sie nicht mehr für ihre Familie arbeiten konnte. Ebenso hatte sie nicht das Geld, um sich medizinische Unterstützung zu holen. Bildung für Mädchen und Frauen wurde als unnötig erachtet. Das älteste Mädchen in einer großen Familie musste ab dem 5. Lebensjahr ihre Mutter im Haushalt unterstützen. Die Einschulungsquote für Mädchen lag bei weniger als fünf Prozent. Kinderehen waren weit verbreitet. In den letzten drei Jahrzehnten hat Indien Schätzungen zu Folge drei Millionen Mädchen durch Kindesmord verloren und ca. zwölf Millionen gezielte Abtreibungen von weiblichen Föten fanden statt. Selbst die Interaktion von Frauen mit anderen Frauen im Dorf war begrenzt und wurde durch den Mann kontrolliert.

Frauen gründen Selbsthilfegruppen, um gemeinsam Lösungen zu finden

Schritt für Schritt gewannen die Mitarbeiterinnen des RDT das Vertrauen der Frauen. Zunächst wurden keine speziellen Projekte ausschließlich für Frauen organisiert, sondern die bereits vorhandenen Interventionsbereiche wie Bildung  und Gesundheit wurden auf die Zielgruppe Frauen ausgedehnt. 1982 wurden die ersten Sanghams (Selbsthilfegruppen) gegründet. In einem Sangham organisierten sich 10 bis 15 Frauen einer Dorfgemeinschaft. Sie trafen sich mehrmals im Monat mit einer Mitarbeiterin des RDT, um über ihre Probleme zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Themen wie Bildung, Hygiene, Gesundheitsvorsorge, gesunde Ernährung sowie der Zugang zu staatlichen Unterstützungsprogrammen wurden besprochen. 1994 wurde der Women Development Fund (WDF) gegründet, ein Fonds, über den Frauen kleine Kredite für den Erwerb von Vieh oder den Aufbau eines Geschäfts erhalten können. Des Weiteren erhielten Frauen Zugang zu Trainings im Schneidern, Weben, Bedrucken von Stoffen, Herstellen von Schulheften und vielem mehr.

Heute sind mehr als 110.000 Frauen in ca. 8.200 Sanghams organisiert. Viele von ihnen haben ihr eigenes Vieh und tragen damit zum Familieneinkommen bei wie Pushpaleela. Sie erhielt einen Mikrokredit aus dem WDF und eröffnete einen kleinen Laden. Der Laden entwickelte sich langsam zu einem Treffpunkt im Dorf. „Die Menschen kommen in unser Geschäft, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen, die dort dann auch verweilen und Nachrichten über ihre Familien und das Dorf miteinander teilen.“, sagt Pushpaleela. Ein weiteres Beispiel ist Salamma. Salamma brach mit acht Jahren die Schule ab, um auf den Feldern von Grundbesitzern zu arbeiten, und ihre Familie zu unterstützen. Heute ist sie 60 Jahre alt, besitzt zwei Hektar Land und ist die einzige Frau in ihrem Dorf, die ihren eigenen Ochsenkarren fährt. In den 80iger Jahren schloss sie sich einem Sangham an und erhielt einen Mikrokredit über den WDF, um einen Büffel zu kaufen. „Wir müssen unsere Einkommensgrundlagen breit aufstellen, um nicht allein von Regen abhängig zu sein“, bemerkt Salamma.

Männer und Frauen gemeinsam für die Gleichstellung der Frauen

Der heutige Programmbereich „Frauen“ konzentriert sich auf sechs Bereiche, in denen Maßnahmen durchgeführt werden:

  1. Selbsthilfegruppen (Sanghams)
  2. wirtschaftliche Entwicklung von Frauen
  3. Reduzierung geschlechterspezifischer Gewalt
  4. Aktionsteams, um Gewalt gegen Frauen zu erkennen und zu verhindern
  5. Beratungsstellen und Wohnheime
  6. Unterstützung von Witwen

2019 starteten alle Vicente Ferrer Stiftungen mit dem neuen Programm „Frauen für Frauen“. Ziel des Programmes ist es, der Frau als zentrale Figur in Familie und Gemeinschaft eine Stimme zu verleihen, um so für Frauen Chancengleichheit zu schaffen und Geschlechterdiskriminierung zu reduzieren. Bei dem Programm „Frauen für Frauen“ steht die Organisation von Frauen in Sanghams im Vordergrund. Eine deutsche Frau geht eine Partnerschaft mit einer indischen Frau ein und trägt durch einen monatlichen Beitrag zur Entwicklung der Frau und ihres Sanghams bei. Das Geld fließt in einen Fonds, aus dem die Aktivitäten für alle Sanghams finanziert werden.

Mit dem Programm sollen die folgenden Ziele erreicht werden:

  1. Eine Gesellschaft ohne Geschlechtergewalt und Geschlechterdiskriminierung
  2. Autonomie und wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie Zugang zu Eigentum für Frauen
  3. Bewusstsein für den Wert von Bildung sowie Zugang zu Bildung für Frauen
  4. Gesundheit und Wohlbefinden für Frauen

Die Vicente Ferrer Stiftung arbeitet mit Männern und Frauen gemeinsam für die Gleichstellung der Frauen. Im Rahmen der Programme werden daher ebenfalls bewusstseinsbildende Maßnahmen für Jungen und Männer angeboten. Damit Frauen in der indischen Gesellschaft eine Stimme erhalten, gehört werden und die gleichen Chancen erhalten wie Männer, müssen beide Geschlechter aktiv eingebunden werden.

Über die Autorin

Dr. Andrea Rudolph, Geschäftsführerin der Vicente Ferrer Stiftung
www.vfstiftung.de

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