Forever young. Wie sich die nächste Philanthropie erfinden wird

Stiftungen haben ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Einige sind viele Hundert Jahre alt. Durch die hohen Gründungszahlen der vergangenen Jahrzehnte ist das Durchschnittsalter aber eher um die zwanzig Jahre. Einzeln sind sie in der Regel auf Dauer gebaut. Die Geschichte zeigt aber, dass ihr Überleben nie sicher ist. Und: Die einzelne Satzung ist im Kern meist unveränderlich. Das Stiftungswesen als Ganzes hat sich aber immer wieder neu erfunden.

Vor einem Jahr haben wir in Berlin ein Dutzend führende Stiftungshistoriker und -praktiker zusammengebracht, um einen Tag lang miteinander die Trendlinien aus der Vergangenheit zu verbinden. Dabei wurde erkennbar, wie irreführend das Bild eines statischen Stiftungswesens ist.

Blick auf philanthropisches Engagement vor 150 Jahren

Wer vor 150 Jahren Vermögen für die Gesellschaft einsetzen wollte, hat vielleicht einem der damals neuen Wohnungsbauvereine oder Zoos sein Geld gegeben. Vor 100 Jahren wären die Mittel eher in eine der über 100’000 Ministiftungen der Weimarer Stiftungsrepublik gegangen. In der frühen Bundesrepublik vor 50 Jahren hatte die Gründung von Unternehmensstiftungen Konjunktur. Seit der Jahrtausendwende sind über die Hälfte der heute bestehenden Stiftungen gegründet worden, darunter wieder viele Gemeinschafts- und Bürgerstiftungen. Erst seit wenigen Jahren sind Verbrauchsstiftungen möglich und werden in Reinform, meist aber in Form zusätzlicher Verbrauchsvermögen in bestehenden Stiftungen immer populärer.

Drei Trendlinien haben wir gefunden

  • Erstens spiegelt jede Innovation einen spezifischen Bedarf ihrer Zeit.
  • Zweitens wurden die Neuankömmlinge fast immer zuerst nicht als Stiftungen im herkömmlichen Sinne betrachtet und von Teilen des Sektors abgelehnt.
  • Und drittens beschleunigt sich der Wandel, sodass es nicht mehr mehrere Generationen, nicht mal mehr ein Jahrzehnt dauert, bis neue Stiftungsformen auftauchen, sondern die Veränderungswellen überlappen und addieren sich zu einem mittlerweile unübersichtlichen Feld, in dem Definitionen schwerfallen.

Um dennoch darauf vorbereitet zu sein, was als Nächstes hinter der Kurve liegt, hat der Bundesverband Deutscher Stiftungen eine einzigartige Initiative gestartet: Next Philanthropy. Über mehrere Jahre werden wir in Veranstaltungen, Studien und in einem offenen Redaktionsnetzwerk mit anderen Verbänden weltweit Signale zur Zukunft des Stiftens sammeln. Weil die Signalquellen nicht nur in Deutschland liegen, beteiligen sich gleich einige Partner wie der Alliance Publishing Trust, das Asian Venture Philanthropy Network, die European Venture Philanthropy Association, das europäische Verbandsnetzwerk DAFNE sowie das globale WINGS-Netzwerk an dem Vorhaben und tragen ihre Nachrichten und Ideen bei. Weitere Partner wie das European Foundation Center EFC und das US-amerikanische Council on Foundations werden hinzukommen. Die individuellen Aktivitäten werden unter dem gemeinsamen Hashtag #nextphilanthropy vereint.

Der Bundesverband hat Next Philanthropy bisher als Klammer für Gespräche mit den potenziellen nächsten Stifterinnen und Stiftern, als Rubrik in der Mitgliederzeitschrift «Stiftungswelt» und auf www.stiftungen.org sowie im wöchentlichen Newsletter an seine Gremien und einem täglichen Whatsapp-Broadcast eingeführt. Bis Ende dieses Jahres wird eine Studienserie darüber hinaus systematisch einige zentrale Fragen aufarbeiten und einem Symposium in München im Januar 2020 vorstellen.

Wie wird die nächste Philanthropie aussehen?

Es ist zu früh, um zu sagen, wie sie aussehen wird, die nächste Philanthropie. Aber wir wissen, wo wir suchen müssen. Aus internationalen Trends und Gesprächen mit der nächsten Generation können wir bereits einige Fragen und Hypothesen formulieren:

Wird sie globaler?
Kaum noch eine Herausforderung, die nicht über Grenzen geht. Lösungen wachsen, egal wo sie herkommen. Der Lernraum für die nächsten Philanthropen ist jedenfalls international.

Wird sie transparenter?

Wer über Wirkung und Nebenwirkung, über Governance und Beteiligung Auskunft geben kann, wird vermutlich eher Mitmacherinnen und Mitmacher gewinnen.

Wird sie direkter und partizipativer?

Statt von oben nach unten und statt durch zahlreiche Mittlerorganisationen wird die nächste Philanthropie Wege suchen, Menschen unmittelbar zu erreichen und zu beteiligen.

Wird sie kooperativer?

Immer mehr Stifter werden gemeinsam stiften und ihre Kräfte bündeln.

Wird sie digitaler?

Die Philanthropie wird zunehmend Plattformen suchen und schaffen, die diese direkte gemeinsame Arbeit mit minimalen Transaktionskosten ermöglichen.

Wird sie wirtschaftlicher?

Skalierung ist nur möglich, wenn Ressourcenüberschüsse entstehen, wenn Lösungen wie Magnete Geld und Engagement anziehen. Die nächste Philanthropie wird den ganzen Instrumentenkasten und alle Rechtsformen je nach Zweck nutzen.

Wird sie investiver?

Statt nur aus Vermögenserträgen zu arbeiten, könnten die nächsten Philanthropen das ganze Kapital einsetzen, um ihre Ideen mit Förderungen, Darlehen, Eigenkapital und vielen weiteren Instrumenten zu finanzieren.

Und hier eine letzte These

Die nächste Philanthropie wird auch eine Wiederentdeckung. Viele der Fragen, die uns neu erscheinen, haben sich schon einmal gestellt. Die Stiftung ist seit Jahrhunderten der Ort, an dem unsere Gesellschaft das Eigentum an zentralen Werten und Infrastrukturen sichert: Von den Bibliotheken der (auch «Stifte» genannten) Klöster über die Gesundheitsversorgung in Stiftungshospitälern, von den gemeinnützigen Wohnungsbauten des 19. Jahrhunderts bis zu den Vermögen und Verpflichtungen aus Stahl (Deutsche Bundesstiftung Umwelt), Kohle (RAG Stiftung) und Atomenergie (Entsorgungsfonds).

Wenn die Daten die zentrale Ressource unserer Zeit werden, stellt sich die Frage, ob Stiftungen nicht erneut eine Antwort auf eine unbeantwortete Eigentumsfrage liefern. Erste Beispiele lassen sich finden – etwa bei der Wikimedia Foundation, die hinter dem grössten kollektiven Werk der Menschheitsgeschichte steht. Auch die vielen Entwickler freier Software wie Apache oder Mozilla haben ihren Code in Stiftungen eingebracht. Initiativen wie my- Data.org vertreten bereits die Idee einer nutzerzentrierten Datenhaltung, und die neue Berliner IOTA Foundation nutzt die Rechtsform, um Regeln für autonome Transaktionen zwischen Maschinen festzulegen.

Wohin es uns auch führt, wir freuen uns auf das Gespräch mit der Zukunft.

Über den Autor

Felix Oldenburg war von 2016 bis 2020 beim Bundesverband Deutscher Stiftungen als Generalsekretär tätig. Er ist Vorsitzender des europäischen Verbandsnetzwerks DAFNE.

Über den Beitrag

Dieser Beitrag von Felix Oldenburg erschien zuerst im Schweizer Stiftungsreport 2019.

Was ist Next Philanthropy?

Die Next-Philanthropy-Initiative ist eine vom Bundesverband Deutscher Stiftungen initiierte globale Zusammenarbeit. Sie zielt darauf ab, Wissen und Erkenntnisse auszutauschen und Gelegenheit zum Debattieren über die Zukunft der Philanthropie zu geben. Sie sind interessiert an Nachrichten zu Next Philanthropy?

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