Einer oder 28.000

Wie aus der Vision eines einzelnen mithilfe von drei Stiftungen, einem Forschungs­verbund und den Volkshochschulen vor Ort ein bundesweites ­Bildungsprogramm für mehr ­Klimaschutz wurde.

Es wird heißer in Deutschland. Die Anzahl der Tage mit Spitzenwerten über 30 Grad nimmt seit Jahren tendenziell zu. Das spürt auch Armin Bobsien. Er arbeitet als Klimamanager in Emmendingen, einer kleinen Gemeinde mit rund 28.000 Einwohnern im Südwesten Baden-Württembergs. Experten wie Bobsien sollen Städte und Gemeinden dabei unterstützen, Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte auszuarbeiten und umzusetzen.

Zu seiner Arbeit hat er eine klare Position: „Klimaschutz ist Gemeinschaftsaufgabe. Nur wer aktiv beteiligt ist, wird sich auch engagieren. Der Umbau der Stadt Emmendingen zur klimaneutralen Kommune braucht nicht nur einen, sondern 28.000 Klimaschutzmanager:innen, also alle Bürger:innen der Stadt. Da kam mir die Idee, dass eins der großen Defizite der Erwachsenenbildung ist, dass wir vor Ort keine Weiterbildungsformate in Sachen Klimaschutz haben.“

Sein Plan: Die Emmendinger:innen sollen zu Multiplikator:innen im kommunalen Klimaschutz ausgebildet werden. Bei der Suche nach Möglichkeiten, diesen Plan umzusetzen, wurde er auf eine Online-Vorlesung zum „Klimawandel und seinen Folgen“ von WWF Deutschland und dem Deutschen Klimakonsortium (DKK) aufmerksam. Die Online-Vorlesung vermittelt den Kursteilnehmenden fundiertes Grundlagenwissen zur Funktionsweise des Klimasystems, gibt einen Überblick über die globalen und auf Deutschland bezogen Ursachen und Folgen der menschengemachten Erderwärmung und zeigt Lösungswege aus der Klimakrise auf. Auch soll es darum gehen, interessengeleitete Informationen von wissenschaftlich belastbarem Wissen zu unterscheiden.

Die Bildungsexpertinnen des WWF sehen das Potenzial der Idee. Sie haben sich auf die Entwicklung von Weiterbildungsangeboten spezialisiert und verbinden digitale Wissensvermittlung mit gemeinsamem Lernen in der Gruppe. Ziel ihrer Arbeit ist es, Menschen eigenverantwortlich zu nachhaltigem Handeln zu motivieren.

Die Umweltstiftung und Emmendingens Klimamanager Bobsien waren sich schnell einig, dass der Kurs eine gute Grundlage für die Wissensvermittlung in der Gemeinde darstellen könnte. Der WWF entwickelte daraufhin das Konzept weiter und lieferte ein überarbeitetes innovatives Kursformat. Was noch fehlte, war die wissenschaftliche Anbindung, die sich mit den konkreten Auswirkungen des Klimawandels vor Ort beschäftigt. Hier kam der Helmholtz-Verbund Regionale Klimaänderungen (REKLIM) ins Spiel. Neun Helmholtz-Forschungszentren forschen seit über zehn Jahren gemeinsam und interdisziplinär an den regionalen Auswirkungen des Klimawandels. Auf Grundlage dieser Forschung kann das oft sehr groß und global klingende Thema Klimawandel in das beschauliche Emmendingen geholt werden. Nach Auffassung von REKLIM wird in Emmendingen vor allem die Landwirtschaft unter extremer Hitze im Sommer, Wassermangel und Starkregen zu leiden haben.

2017 startete der erste Kurs an der Volkshochschule Emmendingen. An fünf Abenden werden 20 Teilnehmende geschult und das mit einem Lehrplan, der exakt auf die Heimatregion der Teilnehmenden zugeschnitten ist. Die Idee zündet, das innovative Kurskonzept überzeugt und die Resonanz ist positiv. Einige Teilnehmende sind so begeistert, dass sie sich fortan regelmäßig zum #­klimafit-Stammtisch treffen, um Emmendingen mit konkreten Aktionen zum Klimaschutz-Champion zu machen.

Vom Pilotprojekt zur deutschlandweiten Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Ein vorbildliches Klimaschutzprojekt ist gut, sorgt aber noch nicht für einen deutschlandweiten Durchbruch. Aus diesem Grund setzten sich die Projektverantwortlichen erneut zusammen und suchten nach Skalierungsmöglichkeiten, um Relevanz und Wirkung von klimafit zu steigern. Das Pilotprojekt sollte auf weitere Kommunen und Gemeinden ausgerollt werden. Den Volkshochschulen (VHS) kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu. Sie sind ein neutraler Ort der Erwachsenenbildung und die Berührungsängste in der Bevölkerung sind gering. Ebenso müssen finanzielle Unterstützer gefunden werden, um der Idee Leben einzuhauchen. Hier spielen die Robert Bosch Stiftung und die Klaus Tschira Stiftung eine wesentliche Rolle. Im Förderschwerpunkt „Forschung für Nachhaltigkeit“ unterstützt die Robert Bosch Stiftung unter anderem transdisziplinäre Netzwerke, die sich mit Wissenschaft und Nachhaltigkeit beschäftigen, um „Brücken zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“ zu schaffen. Das Engagement der Klaus Tschira Stiftung spiegelt sich in den drei Bereichen Bildung, Forschung und Wissenschaftskommunikation wider. Besonderen Wert legt sie dabei auf neue Formen der Vermittlung und Einordnung wissenschaftlicher Themen.

Bald ist ein kompetentes Team aus Wissenschaft, Naturschutz und Zivilgesellschaft gebildet und ein klimafit-Projekt aufgesetzt, das die deutschlandweite Ausweitung und die Verortung der Klimabildung an den Volkshochschulen als Ziel hat. Der Fortbildungskurs richtet sich an alle engagierten Bürger:innen, die mithelfen wollen, ihre Städte und Gemeinden klimafit zu machen. Dazu zählen unter anderen Entscheidungsträger:innen in der Kommunalpolitik, Betroffene aus der Land- und Forstwirtschaft oder allgemein Interessierte.

Der Kurs besteht aus insgesamt sechs Bausteinen. Die Bandbreite reicht von den Grundlagen des Klimawandels über die Ursachen und die Auswirkungen bis hin zu den regionalen Klimaschutz-Initiativen. Die Teilnehmenden bekommen Möglichkeiten aufgezeigt, wie sie dazu beitragen können, ihre Kommunen in Zukunft klimafreundlicher zu machen und an der Transformation unserer Gesellschaft selbst aktiv mitzuwirken. „Klimafit bringt Interessierte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen und fördert den Dialog im Umgang mit den Auslösern und Folgen des Klimawandels,“ beschreibt Katrin Rehak-Nitsche von der Robert Bosch Stiftung das Programm.

Neben klassischen Vorträgen bietet der Kurs viele interaktive und digitale Elemente. Führende Wissenschaftler:innen des Helmholtz-Verbunds und eine Vielzahl weiterer Expert:innen, die sich mit regionalen Klimaänderungen befassen, stellen ihr Wissen zur Verfügung. So werden Zugänge zur aktuellen Klimaforschung geschaffen. Die Kursteilnehmenden können Fragen direkt mit Wissenschaftler:innen diskutieren und Persönlichkeiten aus der Klimaforschung kennenlernen. „Damit Klimaschutz wirklich gelingen kann, müssen wir ihn in die Regionen bringen. Der Kurs klimafit hilft auf Basis der wissenschaftlich aktuellen Daten und Fakten, auch schwierige Entscheidungen in Fragen der Klimaanpassung besser treffen zu können“, so Beate Spiegel, Geschäftsführerin der Klaus Tschira Stiftung.

Ein Höhepunkt im vergangenen Jahr war der Live-Chat mit Forschern der Neumayer Station III in der Antarktis, die dort überwintern und Messungen zur Veränderung des Klimas durchführen. Das meteorologische Observatorium an der Neumayer-Station III liefert seit 1981 relevante meteorologische Daten für die Klimaforschung.

So entsteht ein intensiver und konstruktiver Dialog zwischen Wissenschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft, der notwendig ist, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch zu erreichen. Seit Februar 2020 findet der vom WWF, REKLIM, der Robert Bosch Stiftung und der Klaus Tschira Stiftung entwickelte und finanzierte VHS-Kurs „klimafit – Klimawandel vor der Haustür! Was kann ich tun?“ an 36 VHS-Standorten in Deutschland statt.

Die das Projekt begleitende Evaluation bestätigt, dass die Ziele des Projekts erreicht werden. Teilnehmende bestätigen, dass ihr Wissen über die regionalen Folgen des Klimawandels vertieft worden sei und sie Informationen besser vermitteln können, um Freunde und Bekannte zu sensibilisieren und zu motivieren. Andere berichteten von alltäglichen Gewohnheiten, die sie geändert haben. Die Palette reicht unter anderem vom Wechsel zum Ökostrom-Anbieter über die Veränderung des Konsumverhaltens bis hin zur Umstellung der Ernährung. Aber auch politisch bekommt der Klimaschutz eine höhere Relevanz und die #klimafit Stammtische wirken hier in einigen Kommunen auch schon mit. „Wir haben eine rasante Entwicklung erlebt“, so Bobsien und ein wenig Stolz klingt in seiner Stimme mit.

Über den Autor:

Marco Vollmar ist zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Bildungsarbeit, die inhaltlichen Kampagnen und die Kommunikation in den sozialen Kanälen des WWF Deutschland.

www.wwf.de/klimafit

Beitrag aus: Stiftungswelt Frühling 2020
Magazin Stiftungswelt

Klimaschutz und Nachhaltigkeit

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