„Eine naive und fantastische Idee“

Das Refugium-Programm der taz Panter Stiftung ermöglicht Journalisten, die in ihren Heimatländern unter Druck geraten sind, eine Auszeit in Deutschland. Ein Gespräch mit Programmleiterin Konny Gellenbeck und Stipendiat und Fotoreporter Önder Şimşek

Herr Şimşek, Sie waren in der Türkei im Tourismus und als Musiker aktiv. Wie wurden Sie zum professionellen Fotoreporter und Kriegsfotografen?
Önder Şimşek: Ja, das stimmt, ich habe etwa drei Jahre lang Ferienwohnungen an Touristen vermietet. Das war allerdings ein Saisongeschäft, die restliche Zeit bin ich herumgereist und habe fotografiert. 2013 begannen die Proteste im Gezi-Park gegen die türkische Regierung. Es gab damals keine Bilder von den Demonstrationen im Fernsehen oder in anderen großen Medien. Deshalb wollte ich mit meinen Fotos zeigen, was dort vor sich ging. In dieser Zeit knüpfte ich auch Kontakte zu anderen aus der „Generation Gezi“, zu der ich selbst gehöre.

Wie haben Sie diese Bilder verbreitet?
Şimşek: Vor allem über Facebook. Wir hatten gesehen, wie in Libyen die sozialen Netzwerke dazu benutzt wurden, sich zu organisieren und Informationen zu verbreiten. Es war quasi das Gesicht einer neuen öffentlichen Opposition.

Später waren Sie bei den Kämpfen kurdischer Milizen gegen den Islamischen Staat dabei. Wie kam es dazu?
Şimşek: Durch meine Reisebilder und die Fotos von den Gezi-Park-Protesten hatte ich mir ein Portfolio aufgebaut. Ende 2014 kam der syrische Bürgerkrieg sehr nah an die türkische Grenze heran. Erst wollte ich die Grenze nicht überschreiten, sondern auf der türkischen Seite fotografieren. Als ich da war, traf ich aber andere Fotografen aus der ganzen Welt, die eine Zeit lang in die Kriegsgebiete gingen, dort fotografierten und dann zurückkamen. Dieses Menschen waren inspirierend!

Wie wurden Sie als Fotograf in den Kriegsgebieten wahrgenommen?
Şimşek: Wenn du eine Kamera dabei hast, mag dich niemand so richtig. Zunächst einmal denken alle Seiten, dass du ein Spion bist. Ich habe aber auch nicht erwartet, dort besonders viele Freunde zu finden, ich war wegen der Bilder, wegen der Stories vor Ort. Als Reporter wirst du als jemand wahrgenommen, der aus dem Westen kommt und hier sein Geld verdient – was ja stimmt. Es ist mein Job, aber es ist ihr Leben.

Sie haben die kurdischen Milizen der YPG begleitet, die selbst ­Leute haben, die für die Kommunikation verantwortlich sind. ­Wurden Sie von denen als Konkurrenz wahrgenommen?
Şimşek: Nicht wirklich, denn wir haben auf völlig unterschiedlichen Plattformen publiziert. Außerdem bedeutet Presse bei der YPG, dass sich in der Armee irgendein Freiwilliger findet, der gerne Videos dreht oder Fotos schießt. Er ist quasi ein Kämpfer, der aus der Not heraus zum Journalisten wurde.

Waren Sie persönlich während Ihrer Arbeit in den Kriegsgebieten in Gefahr?
Şimşek: Es gibt Journalisten, die einige wirklich verrückte Geschichten zu erzählen haben – nur sehr wenige entsprechen der Wahrheit. Aber von Zeit zu Zeit war ich tatsächlich in Gefahr. Einmal war ich zusammen mit anderen Journalisten und einem kurdischen Soldaten auf dem Dach eines Hauses, das von türkischen Soldaten beschossen wurde. Als es vorbei war, waren wir blutüberströmt – doch keiner war getroffen. Wir hatten nur am ganzen Körper kleine Schnitte von den Kugeln, die von den Wänden abgeprallt sind.

Ein Kriegsfotograf kann während seiner Arbeit in ein Dilemma geraten: In seiner Rolle als Fotograf muss er fotografieren, auch wenn das bedeuten könnte, Hilfe zu verwehren. Wie sind Sie damit umgegangen?
Şimşek: Es gibt keine Regel hierfür, aber ich finde, dass auch ein Fotograf immer zuerst helfen sollte. Nicht nur aus Mitmenschlichkeit, sondern auch, um selbst zu überleben. Wenn etwa ein Soldat, mit dem du unterwegs bist, angeschossen wird und stirbt, dann stirbst du vielleicht als nächstes. Um durchzukommen, braucht man sich gegenseitig.

Wie bleibt man als Kriegsfotograf unparteiisch?
Şimşek: Zunächst einmal interessiert mich diese Diskussion um unabhängigen und unparteiischen Journalismus nicht sonderlich. Ich glaube, dass ein solcher Zugang zum Journalismus sehr klischeebehaftet und westlich geprägt ist. Demnach bist du kein Journalist, wenn du eine Waffe in die Hand nimmst. Doch es gibt Situationen, in denen brauchst du eine Waffe. Selbst CNN-Reporter in Syrien haben Leute dabei, die für ihre Sicherheit sorgen. Vielleicht werben sie selbst welche an oder die Armee stellt ihnen Soldaten, denn wenn ein CNN-Mitarbeiter stirbt, ist das schlecht für alle Seiten. Natürlich sollten sich Journalisten nicht auf eine Seite schlagen. Aber ich finde, die ganze Debatte sollte nicht so stereotyp geführt werden.

Was erhoffen Sie sich vom ­Fotografieren?
Şimşek: Ein größeres Ziel habe ich nicht, ich fotografiere einfach um des Fotografierens willen. Natürlich macht der Prozess viel Spaß: Flug buchen, Menschen treffen, die Welt bereisen. Wenn das alles manchmal sogar jemandem hilft, ist das ohne Zweifel ein schönes Gefühl, aber ich glaube nicht daran, dass sich durch meine Arbeit viel verändert. Sie kann natürlich ein Instrument für Veränderung sein – doch die Welt wird durch meine Bilder nicht gleich besser. Meine Motive sind die gleichen wie die vor hundert Jahren – nur die Gesichter, die Hautfarbe, das Aussehen der Menschen verändern sich. Vielleicht sollte ich nicht ganz so pessimistisch sein. Die Presse kann durchaus Anreize liefern, damit die Bevölkerung aufsteht und aktiv wird.

Im vergangenen Jahr sind Sie im Rahmen des Programmes „­Refugium“ für drei Monate nach Deutschland gekommen. Frau Gellenbeck, wie ist dieses ­Programm entstanden?
Konny Gellenbeck: „Refugium“ ist ein gemeinsames Projekt der taz Panter Stiftung und von Reporter ohne Grenzen. Seit einigen Jahren veranstalten wir internationale Workshops, zu denen wir Journalisten aus Ländern einladen, in denen die Pressefreiheit eingeschränkt oder bedroht ist. Es ist ein Empowerment-Programm, damit Journalisten in ihren Heimatländern gute Arbeit leisten können. Im Rahmen dieser Workshops ist uns noch einmal klarer geworden, wie massiv Reporter weltweit bedroht werden. Deshalb haben wir vor etwa drei Jahren das Refugium-Programm gestartet.

Wie kommunizieren Sie das ­Programm?
Gellenbeck: Wir schreiben es öffentlich aus, denn uns ist wichtig, dass wir unsere Kandidatinnen und Kandidaten nicht informell finden. Gerade durch das Netzwerk unserer Partnerorganisation Reporter ohne Grenzen, die weltweit sehr bekannt und gut vernetzt ist, wird die Ausschreibung dann weiterverbreitet. Über Social Media, in bestimmten geschlossen Facebook-Gruppen beispielsweise. Dadurch kommen wir auf 100 bis 300 Bewerbungen pro Jahr.

Bewerbungen können über ein Verschlüsselungssystem verschickt werden. Naiv gefragt: Ist das notwendig?
Gellenbeck: Ja, das ist wirklich wichtig. In einigen Ländern, in denen Journalisten massiv bedroht sind, kann allein der Nachrichtenverkehr dazu führen, dass sie inhaftiert werden. Man wundert sich manchmal, aber die Journalisten, die das betrifft, können mit solchen Verschlüsselungsverfahren sehr gut umgehen.

Herr Şimşek, wie sind Sie auf das Programm aufmerksam ­geworden?
Şimşek: Das war im August 2017. Es gibt eine Facebook-Gruppe, in der Journalisten Informationen über logistische Hilfe im Irak und in Syrien miteinander teilen: Wo überquere ich am besten eine Grenze, wie finde ich einen guten Übersetzer? Dort wurde der Link zu dem Programm von einem anderen Journalisten geteilt. Es war verrückt, ich konnte es gar nicht glauben – drei Monate lang muss ich gar nichts tun? Das ganze Programm ist eine naive und gleichzeitig fantastische Idee – so etwas gibt es bei uns in der Türkei nicht.

Sicherlich haben Sie während ­Ihres Stipendiums trotzdem etwas getan.
Şimşek: Im Grunde habe ich die Zeit genutzt, um im wahrsten Sinne des Wortes einmal nichts zu tun. Natürlich, ich habe viele hilfreiche Kontakte geknüpft und befreundete Journalisten getroffen, die hier arbeiten. Außerdem habe ich mein Fotoarchiv sortiert – ich hatte mit der Zeit ja hunderttausende Bilder aufgenommen. Aber die Zeit in Berlin war tatsächlich eine Auszeit für mich.

Wie ging es danach weiter?
Şimşek: Mit einem befreundeten Journalisten wollte ich in den Libanon und dann nach Damaskus fliegen. Mein Flug ging über Istanbul, deshalb wollte ich noch ein paar Tage zu Hause verbringen. Als ich am Flughafen ankam, wurde ich jedoch wegen angeblicher terroristischer Propaganda sofort verhaftet. Als Beweise wurden meine Bilder herangezogen, die ich weltweit in Zeitungen veröffentlicht hatte. Ich blieb eine Woche lang in Polizeigewahrsam. Danach durfte ich zwar gehen, musste aber jede Woche wiederkommen und mich zeigen. Außerdem durfte ich die Türkei nicht mehr verlassen. Einige Monate später bestätigte ein höheres Gericht die Anklage: Ich sollte für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Şimşek: Schon vorher hatte ich mich über Möglichkeiten informiert, das Land zu verlassen. Ich unternahm verschiedene Reisen an die türkische Grenze und überlegte, an welcher Stelle ich am besten die Grenze überqueren könnte. Ich wurde dann in Griechenland verhaftet, doch mithilfe von Reporter ohne Grenzen durfte ich nach Deutschland zurückkehren. Das Auszeit-Programm hat da sehr geholfen, denn letztendlich habe ich erst dadurch die Leute kennengelernt, die mir in dieser Zeit geholfen haben. Wäre ich nicht in dem Programm der taz Panter Stiftung gewesen, säße ich jetzt nicht hier. Ich wäre nur ein weiterer, in Griechenland gestrandeter Flüchtling.

Hatte Ihre Verhaftung etwas mit Ihrer Teilnahme an dem ­Programm zu tun?
Şimşek: Das glaube ich nicht. Die Untersuchungen liefen lange, bevor ich verhaftet wurde. Zu dieser Zeit hatte ich noch nicht geplant, hierher zu kommen. Außerdem ist den türkischen Strafbehörden das Programm gar nicht bekannt.

Frau Gellenbeck, man könnte annehmen, dass im Journalismus Tätige, die aufgrund ihrer Profession verfolgt werden, noch mehr unter Druck geraten, wenn sie an einem solchen Programm teilnehmen.
Gellenbeck: Diese Erfahrung haben wir bisher nicht gemacht. Ein Beispiel: Eine Journalistin aus der Ukraine kam wirklich sehr erschöpft mit ihrer kleinen Tochter zu uns. Wir konnten während der drei Monate geradezu zusehen, wie ihr Lebenswillen langsam zurückkehrte – und sie damit wieder arbeitsfähig wurde. Wir versuchen, für unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten möglichst eine Auszeit zu organisieren und sie vor zu viel Öffentlichkeit zu schützen. Einige von ihnen haben aber doch ein großes Interesse, ihr Anliegen, ihre Arbeit zum Beispiel auf einer Veranstaltung öffentlich vorzutragen. Wir handhaben das ganz individuell und schauen, was unser Gast möchte und was ihm und seiner Situation entspricht.

Welche Journalistinnen und Journalisten wurden mit dem Auszeit-Programm bisher ­gefördert?
Gellenbeck: Es sind schon unterschiedlichste Menschen hier gewesen: Frauen wie Männer, aus Afghanistan, Ruanda, der Türkei, wie Herr Şimşek, aber auch aus der Ukraine. Insgesamt waren es bisher sieben Journalistinnen und Journalisten.

Der Bedarf ist offensichtlich groß. Warum fördern Sie nicht mehr Medienvertreterinen und -vertreter?
Gellenbeck: Das scheitert allein am Geld. Wir führen jedes Jahr etwa 14 weitere Projekte durch und geben dafür 600.000 Euro aus. Wenn für einen Workshop zwölf afrikanische Journalisten zu uns kommen, kostet das natürlich. Außerdem fließt die Hälfte unseres Spendenaufkommens in die deutsch-türkische Online-Zeitung taz.gazete.

Mit welcher Motivation kommen die Bewerberinnen und Bewerber zu Ihnen?
Gellenbeck: Das ist ganz unterschiedlich. Eine Journalistin war Shallah Shaiq. Eine junge, engagierte Frau, die in Afghanistan ein Frauen-Radio aufgebaut hat. Über die ex­tremen Arbeitsbedingungen kann man sich gar keine Vorstellungen machen. In Kabul wurden vor den Augen ihrer Tochter der Lehrer und Mitschüler erschossen. Danach hat sich die Tochter ein ganzes Jahr lang nicht mehr aus dem Haus getraut. Shallah Shaiq selbst ist zwangsverheiratet worden. Das Refugium-Programm hat ihr Kraft gegeben, ihre Arbeit in Afghanistan wieder aufzunehmen. Zusätzlich hat sie während ihrer Auszeit hier gute Kontakte geknüpft, um sich finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit vor Ort zu sichern.

Herr Şimşek, zurzeit können Sie nicht in die Türkei zurückkehren, weil Ihnen dort Haft droht. ­Glauben Sie, dass sich an dieser Situation etwas ändern wird?
Şimşek: Sicherlich nicht sehr bald. Denn es geht ja nicht allein um mich, sondern um die Situation der Journalisten in dem Land allgemein. Einige Hundert mussten die Türkei verlassen und Asyl im Ausland beantragen. Kurz bevor ich das Land verließ, traf ich einen Journalisten, der nach 18 Jahren Exil zurückgekehrt war. 18 Jahre – das ist eine lange Zeit. Ich hoffe, dass es bei mir nicht so lange dauern wird.

Autor
Theo Starck

Referent Newsroom
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