Digitale Plattformen neu denken: Förderung von Pluralismus und Inklusion

Pluralismus und Inklusion fördern
Impuls
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Digitale Plattformen sind beliebter denn je – können aber auch soziale Spaltung fördern und unsere eigenen Perspektiven weiter einengen. Doch wie können Stiftungen und weitere Akteure/innen der Zivilgesellschaft ihren Teil dazu beitragen, diese Entwicklung zu bremsen? Ein Plädoyer zur Förderung des Pluralismus. 

Als vor fast zwei Jahrzehnten Social Media-Plattformen in unser Leben traten, versprachen sie uns ein stärkeres Verbundenheitsgefühl mit Freunden, Familie und sogar mit Unbekannten, mit denen wir Interessen teilen. Das Internet schuf vielversprechende neue Wege, Verbindungen zu Menschen in der Nähe oder in der Ferne aufzubauen, Beziehungen zu vertiefen, Horizonte zu erweitern und unterschiedlichen Standpunkten zuzuhören. 

Wenn wir jetzt zurückschauen, wurden diese Versprechen jedoch nicht vollständig erfüllt. Die digitalen Vernetzungen haben sich nicht in engere Bindungen unter Menschen übersetzt. Statt unsere Sicht auf die Welt zu erweitern und unsere Überzeugungen in Frage zu stellen, haben Medien und digitale Plattformen soziale Blasen gebildet. Diese verstärken, was wir bereits glauben und entfernen uns von den Leuten, mit denen wir nicht einer Meinung sind. Technologie, Daten und Analytik minimieren systematisch unseren Konsum von Informationen, die unsere Anschauungen herausfordern. Die gegenwärtige COVID-19 Krise ist ein typisches Beispiel: Wir konsumieren alle Fakten aus unterschiedlichen Quellen. Wenn sie widersprüchlich sind und es unklar bleibt, was richtig ist, ziehen wir uns auf das zurück, was wir glauben wollen – wir engen unsere Perspektiven immer weiter ein – bis wir dann nicht mehr verstehen können, dass andere nicht mit unserer Wahrheit übereinstimmen können. 

In einer Demokratie ist das gefährlich. Wenn der Zugang zu abweichenden Sichtweisen beschränkt ist, ist auch unsere Fähigkeit begrenzt, abweichende Argumentationen abzuwägen und zu unseren eigenen Schlussfolgerungen zu kommen. Wie können wir unser Denken verfeinern und erweitern, wenn wir uns nicht mit jenen auseinandersetzen, mit denen wir nicht einer Meinung sind? Die Gewalt und die damit verbundenen boshaften Bemerkungen im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd scheinen ein gutes Beispiel für diesen Sachverhalt zu sein. Während Teile der Bevölkerung die Wut und die Gewalt nicht verstehen können, die so weite Teile des Landes befallen haben, verlangen die, die protestieren, dass ihre Stimmen gehört werden und der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Aber sie handeln von verschiedenen Wahrheiten aus und hören den Geschichten der jeweils anderen nicht zu.  Wie können wir eine gemeinsame Grundlage finden und einander verstehen, wenn unsere Narrative sich nur darauf konzentrieren, wo wir unterschiedlicher Meinung und uneins sind?  

Pluralismus ist eine bewusste Wahl –  Pluralistische Gesellschaften schaffen Resilienz und Wohlstand 

Nur um eins klarzustellen: Diversität schätzen und Unterschiede respektieren bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein. Sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu schaffen, ist harte Arbeit. Während wir Diversität beim Essen schätzen oder in der Musik, die wir hören, fühlen wir uns weniger wohl mit der Diversität, wie wir unseren Glauben lieben, unsere politischen Meinungen ausdrücken oder unsere Kinder erziehen. 

Aber gerade die Fähigkeit, einander zuzuhören, respektvoll unterschiedlicher Meinung zu sein und immer noch zusammenzuhalten – das ist die Basis demokratischer Gesellschaften. Es geht darum, jenseits der Unterschiede ein gemeinsames Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen. Wie Aga Khan, der Gründer der Aga Khan Development und Vorsitzender des Global Centre for Pluralism (GCP) sagte: "Die Arbeit des Pluralismus ist nie beendet. Diversität ist kein Grund, Wände hochzuziehen, sondern eher dafür, Fenster zu öffnen. Sie ist keine Last, sie ist ein Segen ... Wenn die Frage der menschlichen Identität in diesem Kontext betrachtet wird, dann wird Diversität zum Geschenk." 

Während Diversität eine irreversible Tatsache in einer vernetzten Welt ist, ist Pluralismus eine bewusste Wahl. Er bedeutet, Unterschiede als eine wertvolle Quelle der Stärke anzunehmen. Aber was ist die Alternative? Statt in eine soziale Ordnung, die auf Offenheit und Respekt vor den Unterschieden beruht, können wir uns in eine Gesellschaft zurückziehen, die sich durch Spaltung, mangelndes Vertrauen und Konflikt auszeichnet. Das sehen wir in dieser Zeit überall um uns herum. Ist das die Welt, die wir mit aufbauen wollen? Jetzt, wo wir langsam aus der Unruhe der COVID-19 Zeit auftauchen, werden wir daran erinnert, wie sehr wir voneinander abhängig sind und wie das Wohlergehen jedes/r einzelnen auf dem Wohlergehen von allen beruht. 

Die Pluralität der Stimmen und Sichtweisen sollte unsere Online-Räume füllen 

Tech-Firmen können die Pluralität in der Gesellschaft unterstützen. Wie können wir aber sicherstellen, dass die Räume, die wir online schaffen und gestalten, eine Pluralität von Sichtweisen anregen, die über die Trennlinien von Ethnie, Klasse, Gender und Glauben hinweg erhört und respektiert werden? Wie stellen wir sicher, dass Datensets, die Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen nähren, nicht aus unausgewogenen Quellen stammen und durch Algorithmen weiter verstärkt werden? Wie stellen wir sicher, dass unsere Differenzen nicht durch die Einengung der Informationen, die wir bekommen, weiter angeheizt werden? 

Während es umfangreiche Diskussionen über die Notwendigkeit von Inklusion und gleichen Chancen für den Zugang zu Technologie und Daten gibt, drehen sich diese Diskussionen vorrangig um Hardware, Internetzugang, Datenschutz und digitale Kenntnisse. Wenig Aufmerksamkeit wird der Inklusion von unterschiedlichen Perspektiven online gewidmet, indem man bewusst marginalisierte Stimmen einschließt und Räume für gesellschaftlichen Dialog schafft. Die SDG Philanthropie Plattform ist eines der seltenen Beispiele für eine Plattform, die pluralistische Sichtweisen zusammenbringt und Kollaboration innerhalb von Ländern und Sektoren als auch über Ländergrenzen und Sektoren hinweg anregt. Die Plattform umfasst den Stiftungssektor, Regierungen, multilaterale Institutionen wie die Vereinten Nationen, um die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) voranzubringen. Warum können wir nicht auf dem Ethos hinter solchen pluralistischen Initiativen aufbauen und Algorithmen schreiben, die Inklusion den Vorrang geben? Algorithmen können helfen, neue Suchvorgänge von unserer Suchhistorie loszulösen und uns Inhalte vorschlagen, die anders sind als das, was wir normalerweise konsumieren. KI und maschinengestütztes Lernen können uns bereits helfen, unsere Suche zu filtern. Dann können sie uns sicher auch dabei unterstützen, die Information, die wir konsumieren, zu „entfiltern“, um dadurch neue Blickwinkel zu schaffen, aus denen wir den Inhalt betrachten, und neue Räume für uns öffnen, in denen wir mit jenen ins Gespräch kommen können, mit denen wir nicht einer Meinung sind. 

Mehr Verantwortung ist gefragt

Es ist Zeit für die Technologen und Technologinnen, mehr Verantwortung zu übernehmen und mit den Medien, der Zivilgesellschaft, der Philanthropie, Regulator/innen und Erzieher/innen zu arbeiten, um Kräften entgegenzuwirken, die zu Spaltung und gegenseitigem Missverständnis führen. Man muss sich bemühen, Hass im Netz und die Verbreitung von Fehlinformation zu stoppen.  Denn es ist an der Zeit, Technologien und digitale Plattformen zu finanzieren, entwerfen und aufzubauen, die Solidarität, Empathie und Frieden stärken und Spaltung, Fremdenhass und Gewalt unterbinden. Philanthrop/innen, Stiftungen und Impact Investor/innen können als Katalysator zur Bereitstellung von früher Finanzierung für den Aufbau von solchen inklusiven digitalen Plattformen fungieren und auch die Nutzung solcher Plattformen in ihrer eigenen Organisation und unter ihren Geförderten und in ihrem Ökosystem vorantreiben. 

Wenn wir uns selbst und unsere Gesellschaft in der Post-COVID Welt neu denken, müssen digitale Plattformen, die von diversen Datensets, gegensätzlichen Sichtweisen und einem pluralistischen Ethos gefüttert werden, die neue Normalität werden. Das WINGS Forum 2020-2021 wird die globale Philanthropie-Gemeinschaft zusammenbringen, um ihre Stimmen zu erheben, diverses Wissen zu teilen und die Post-COVID Welt neu zu denken, die von Innovation, Technologie und neuen Geschäftsmodellen profitiert. Online Pluralismus ist eine unerlässliche Grundlage für Frieden, Fortschritt der Menschheit und das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele im Sinne von „Wir lassen niemanden zurück“. 


Leicht gekürzte Übersetzung eines Artikels aus der WINGSForum Imagine Serie, der zuerst am 26. Juni 2020 bei WINGS veröffentlicht wurde.

Über die Autoren

Aleem Walji, ehemaliger CEO der Aga Khan Foundation, Senior Management Positionen im Innovation Lab der Weltbank und bei Google.org. Jetziges und ehemaliges Gremienmitglied u.a. bei Board of Trustees, USAID ACVFA, Interaction.

Radhika Shah, Co-Präsidentin bei Stanford Angels & Entrepreneurs, Beraterin der SDG Philanthropy Platform und Illumen Capital, Vorstandsmitglied bei Center for Effective Global Action, U.C Berkeley, und Fellow, Center for Human Rights & International Justice, Stanford.

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